Eine Buchhandlung bei Berlin behauptet sich gegen Versandriesen
Auch nach 17 Jahren betritt Kerstin Schochow ihren Arbeitsplatz mit viel Freude. Die kleine, gemütliche Buchhandlung Behm in Hohen Neuendorf zählt zu den beliebten Treff- und Gesprächsorten der Stadt. Schon das sanfte Läuten der Glocke über der Tür verleiht den Kunden ein wohliges Gefühl. "Die Menschen kommen zu uns, um zu stöbern und Gespräche zu führen", sagt Filialleiterin Schochow. Gegenüber Onlineanbietern wie Amazon ermöglicht der Laden den direkten Kontakt zur Bücherwelt. Die Kunden können nicht nur schauen und neue Themenbereiche kennenlernen, sondern erhalten auch die Möglichkeit, anzufassen und zu fühlen. "Bücher in die Hand zu nehmen ist ein wichtiger Schritt, um eine Beziehung zu ihnen aufzubauen." Buchhändlerin Anja Born ist überzeugt von der Beständigkeit der Druckwerke. Zu ihren Aufgaben gehört weit mehr als das Auspacken und Verkaufen der Bücher. "Wir führen viele Beratungsgespräche und empfehlen den Lesern Werke, welche nicht immer sofort ihren Vorstellungen entsprechen, aber uns selbst sehr überzeugt haben. Sie vertrauen uns und unserer Auswahl des Sortiments und verlassen immer sehr zufrieden das Geschäft."
In dem charmant gestalteten und dekorierten Verkaufsraum finden sich die unterschiedlichsten Bücher für jedermann. Zärtlich streicht Kerstin Schochow über einen kunstvoll gestalteten Buchdeckel. "Die Verlage geben Herzblut bei den prachtvollen Gestaltungen der Ausgaben." Anders als bei den digitalen Versionen als E-Book erhält der Käufer noch ein sehenswertes Kunstwerk dazu. Doch die Digitalisierung treibt immer wieder Leser auf die Seiten von anonymen Onlineversandhändlern. Laufen wir Gefahr, dass irgendwann Buchläden ihre Türen schließen? Nein, die Frauen sind überzeugt: "Das Buch stand an sich schon oft im Abgesang, allerdings hat sich dieser immer als falsch herausgestellt."
Als direkte Konkurrenten werden die Onlinekonzerne nicht gesehen. Das oft angeführte Argument des hohen Rohstoffverbrauchs der gedruckten Ausgaben wird von Anja Born gleich entmachtet: "Unsere Bücher verbrauchen genauso Ressourcen wie die ganzen E-Book-Reader. Nur, dass die Verlage auch auf nachhaltige Recyclingprodukte zurückgreifen können." Natürlich wird auch für die Produktion der Bücher Energie und Material benötigt, allerdings ist das um einiges umweltfreundlicher als der Herstellungsprozess von E-Readern. Für diese werden unter anderem seltene Mineralien benötigt, die durch komplizierte Verfahren abgebaut werden. Doch auch Amazon als Versandplattform der unendlichen Möglichkeiten stelle keine Gefahr für die zahlreichen deutschen Buchhandlungen dar. "Das Zauberwort lautet Buchpreisbindung", erklärt Kerstin Schochow. "Deutsche Verlage legen einen einheitlichen und unveränderbaren Preis für die einzelnen Bücher fest, welcher vom Verkäufer weder unter- noch überschritten werden darf." Gerechtfertigt wird diese Preisbindung mit der Sonderstellung des Buches als Kulturgut auf dem deutschen Markt. Anders als englische oder amerikanische Schriftstücke kann man dieses Kulturgut auch nicht günstiger online erwerben.
"Allerdings nutzen einige unserer Kunden Amazon vorab zum Informieren und Vergleichen", ergänzt Anja Born. Durch ihre Stichwortsuche sind die Plattformen gut für einen ersten Überblick geeignet. Doch eine persönliche Beratung und Empfehlung werde von den Kunden bevorzugt. "Der Mensch als soziales Wesen braucht diesen direkten Austausch. Wir bieten Gespräche und Unterhaltung und schaffen es immer wieder, unsere Kunden in neue Themenbereiche zu führen. Und das nur, weil sie uns und unserer Erfahrung vertrauen", sagt die brünette Filialleiterin. Diesem sozialen Aspekt könne der Versandriese nicht gerecht werden. Stolz ist das Team auf schnelle Lieferzeiten. "Kunden, die ihre Bücher bei uns bestellen, können diese schon am nächsten Tag abholen. Unser Lieferant in Bad Hersfeld ist nicht nur schneller, sondern auch umweltbewusster als Amazon." Statt auf Lagerhallen im Ausland, wie in Polen, und erheblichen Verpackungsmüll greift der Lieferant auf wiederverwendbare Plastikwannen und einen innerdeutschen Standort zurück.
Die Angestellten beobachten eher einen Kundenzuwachs anstelle eines Rückgangs. Vor allem jüngere Erwachsene besuchen immer häufiger den Laden. Als Begründung wird das bewusste, nachhaltige Einkaufsverhalten der aufstrebenden Generation gesehen. "Die Menschen wählen bewusst das Buch statt den Bildschirm. Natürlich mussten die Leser die neuen technischen Möglichkeiten erst einmal für sich entdecken, doch durch ihre Arbeit sind die meisten müde von den Bildschirmen und sehnen sich nach etwas zum Anfassen", erklärt Schochow.