Mit Heidelberger Koloss

Eine Schweizer Druckerei lebt von Stammkunden

 

Die Lenggenhager Druckerei liegt an einer Tramlinie und einer viel befahrenen Ausfallstraße in einem kleinen Gewerbegebiet in Altstetten, einem Zürcher Außenquartier. Sie befindet sich im zweiten Stock eines typischen 70er-Jahre-Baus. Zur Druckerei gehören zwei kleine Büros und ein größerer Raum mit allen möglichen Maschinen, die für jegliche Arten von Drucken nötig sind. Ganz vorn steht Dölf Lenggenhager und überwacht aufmerksam, ob die Maschinen auch im richtigen Takt rattern. Mit seinen knapp zwei Meter Größe und seiner imposanten Statur überragt er alles. Im Kontrast dazu steht sein Gesicht, das von einer eckigen Brille geschmückt wird. Er ist Ende fünfzig und hat vor 35 Jahren seinen Beruf gelernt. Nach zehn Jahren Erfahrung hat er dann sein eigenes Unternehmen gegründet, ermöglicht durch den Kredit einer Bank. "Kontakte in alle Richtungen sind sehr wichtig", sagt Lenggenhager.

 

Im Büro ist jeder erdenkliche Platz, den die Tische hergeben, mit Skizzen und Probedrucken überdeckt. Brainstorming und auch Abgleiche der Probedrucke, um noch allfällige Korrekturen anzufügen, sind wichtig. "Zum Teil weiß der Kunde schon genau, was er will, das macht die Arbeit einfacher. Zum Teil muss man ihm aber noch ein wenig auf die Sprünge helfen. Dabei helfen die Skizzen", erklärt Dölf Lenggenhager.

 

Noch vor wenigen Jahren waren in der Schweiz um die 4000 Kleindruckereien gemeldet, heute sind es noch um die 600 grafische Betriebe. "Weil ich hier einen Kleinbetrieb mit gerade mal zwei Mitarbeitern führe, muss ich das ganze Repertoire kennen." Früher wurde ein Allrounder wie er auch Druckerdegen genannt, eine Person, die das Setzen, Gestalten, die Herstellung von Druckerformen, das Drucken und das Ausrüsten beherrscht. "Man benötigt aber nicht nur Maschinen für einen Druck, unser Betrieb führt zum Beispiel ebenfalls noch eine japanische Horizon mit vier Falztaschen und einem Kreuzbruch-Schwert. Damit kann man quer zu den anderen Falzbrüchen falzen. Oder hier haben wir eine Polar 92, eine Schneidemaschine, eine der wenigen hier aus Deutschland", erklärt Lenggenhager und zeigt auf seine Maschinen. "Wir haben hier überwiegend japanische Druckmaschinen, sie dominieren auch allgemein den Markt. Die größte Maschine hier ist die Komori 520, sie hat fünf Werke und druckt in den vier üblichen Hauptfarben: Cyan, Yellow und Magenta. Alle zusammen ergeben ein Schwarz; um dies zu verbessern, kommt die letzte Farbe Black als Verstärker zum Einsatz."

 

Vor allem in Zeiten von Corona wird es für die kleinen Druckereien immer schwerer zu überleben. Nur Aufträge zu Festen oder anderen Veranstaltungen gehen nicht zurück. Probleme gab es vor allem während der Lockdown-Zeit. Meist sind immer wieder große Investitionen nötig, um mit den Geräten auf dem neuesten Stand zu bleiben, und die technische Entwicklung schreitet schnell voran. Von außen wirkt der Raum nicht groß, und doch passt alles, was nötig ist, hinein. In der Mitte steht das Prunkstück der Druckerei, ein alter Heidelberger Tiegel. Dieser tonnenschwere Koloss stellt mit seinem starken Schwarz auch die modernen Maschinen in den Schatten und ist ein Blickfang. "Das sind absolut zuverlässige Dinger, die steigen so gut wie nie aus", erklärt Lenggenhager. Das ist der Vorteil von fehlender Feinelektronik. Papier und auch Karton lassen sich damit leicht perforieren, rillen, schneiden und formen, sprich prägen. Es ist auch möglich, damit zu drucken, dafür sind aber modernere Maschinen praktischer. In den Büroräumen ist es ruhiger, dafür kommen die Augen kaum mit all den Eindrücken klar. Das Gehirn ist wohl am einfallsreichsten, wenn einen von überall die Ideen anspringen. Es gibt zwei große Schränke, selbst der Platz, den deren Wände hergeben, wird von Plakaten eingenommen. Einzig zwei Pulte mit Computer und zwei schwarze Bürostühle bleiben verschont. "Ein großer Teil der Arbeit passiert heute hier am Computer, das ist natürlich eine große Veränderung zum klassischen Beruf des Druckens, den man sich meist eher als ein Handwerk vorstellt."

 

Immer mehr Menschen haben heutzutage selbst einen Drucker zu Hause, das schraubt die Ansprüche an einen professionellen Druck in die Höhe. Dazu sagt Dölf Lenggenhager: "Sich immer wieder selbst neu erfinden, um nicht langweilig zu werden, ist sehr wichtig für eine Druckerei. Man kann dem Kunden nicht mehrere Male etwas Gleiches nur in einer anderen Form anbieten. Warum soll man auch viel Geld ausgeben, wenn man ein ähnliches Produkt selbst zu Hause herstellen kann? Deshalb beschränken wir uns immer mehr auf größere Aufträge, deren Umfang niemand privat stemmen kann, und konzentrieren uns auf Qualitätsdrucke." Stolz erklärt er: "Ich konnte mich nun schon seit 25 Jahren in dieser Branche halten, nicht zuletzt dank unserer Werbung in eigener Sache. Wer nicht wirbt, stirbt! Das ist ein entscheidender Punkt, um seinen Platz zu sichern. Die Kunden werden durch Flyer und kleine Veranstaltungen gefunden, das Wichtigste ist aber, diese zu halten. Am besten geht das durch gute Arbeit, und damit einhergehend wird man weiterempfohlen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2022, Nr. 101, S. 30 - Lorenz Rickli, Kantonsschule Uetikon am See

zurück