Mal hat er viel zu sagen, um andere zu bewegen, mal nichts. Der Lyriker Dirk von Petersdorff im Gespräch mit Oberstufenschülern.
An der Stelle muss ich ein Loblied auf die Schule singen", antwortet der Lyriker Dirk von Petersdorff schmunzelnd auf die Frage, wie er zum Gedichteschreiben gekommen ist. "In der Oberstufe hatte ich eine sehr gute Deutschlehrerin, die mir Gedichte nähergebracht und mein Interesse an Lyrik geweckt hat. Mit 17 Jahren fing ich dann an, selbst zu schreiben." Nachdem er im Elternhaus den ersten Zugang zu Gedichten hatte, da seine Mutter diese häufig in liedhafter Form bei der Hausarbeit gesungen hat, wurde er am Ende seiner Schullaufbahn wieder darauf aufmerksam und entdeckte seine Leidenschaft dafür.
Bei einem Besuch im unterfränkischen Münnerstadt beantwortet der Lyriker Elftklässlern, die im Deutschunterricht Gedichte von ihm gelesen hatten, Fragen über sein Werk, seine Arbeitsweise und seinen Lebenslauf. Den Schülern steht von Petersdorff offen und lässig gegenüber, mit einer humorvollen und selbstironischen Art. Eine Vorleserunde jeweils zu Beginn und zum Schluss des Auftritts rundet die Veranstaltung ab. Der 56-Jährige stammt aus Kiel und ist, nachdem er im Saarland gelehrt hat, Professor an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Neben dem Roman "Wie bin ich denn hierhergekommen" hat der Essayist und Literaturwissenschaftler einige Gedichtbände wie zum Beispiel "Sirenenpop" verfasst. Er hat die Werke "Romantik. Eine Einführung" und "Geschichte der Deutschen Lyrik" verfasst. Auch Reden hält er: "Ich habe bereits Reden darüber gehalten, warum sich Gedichte halten und warum sie immer noch verfasst und gelesen werden." Außerdem ist er der neue Herausgeber des "C.H. Beck Gedichtkalenders".
In seiner neuesten Gedichtsammlung mit dem Titel "Unsere Spiele enden nicht" finden sich Erinnerungen an den Weg zum Schulbus, das Volleyballspiel am Strand, die Erfahrung, an einem Zauberwürfel zu knobeln und weitere Alltagssituationen. "So was vergisst man, und irgendwann kommen wieder Erinnerungen zurück, Ereignisse, die ganz vergessen waren, tauchen auf einmal wieder auf, verbunden mit dem Gefühl der Sehnsucht danach." Über das Gedicht "Raucherecke", das in frei-rhythmischen Versen ohne Reim geschrieben ist, sagt er: "Ich habe meine Erinnerungen an die Raucherecke in der Schule in Worte gefasst. Obwohl ich nie geraucht habe, wollte ich jeden Morgen trotz der Kälte dabeistehen, weil in der Raucherecke immer die interessanten Leute standen."
Wie kommen Dichter an ihre Themen? "Autoren machen sich oft Notizen, wenn ihnen spontane Ideen einfallen. Sei es der erste Impuls durch einen Gegenstand, einen Vers, eine Gedichtform, die einen gerade reizt, oder gar starke Gefühle aus dem Bauch raus. Manchmal wird dann aus dieser Anfangsnotiz ein Werk, es kommt aber auch vor, dass sie einfach so stehen bleibt." Er hat sich einer Notiz von Gottfried Benn bedient, die jener in einer Kneipe in Berlin aufgeschrieben hatte: "Ich bin nichts Offizielles, ich bin ein kleines Helles", lautete Benns Notiz und somit auch der erste Vers von von Petersdorffs daraus entwickeltem Gedicht "Bierlied mit Benn". "Ich bin auf diese Notiz gestoßen und dachte mir, dass ich daraus doch was machen könnte." Wie läuft dann der Prozess des Gedichtverfassens ab? "Es kommt zwar in Einzelfällen auch vor, dass es recht schnell geht, meistens dauert der Prozess aber recht lange: Man bessert einzelne Dinge immer wieder aus, überarbeitet das Gedicht ständig und lässt das Werk auch manchmal einfach so liegen."
Man könnte meinen, dass auf den Dichtern ein großer Druck lastet, schnell fertig zu werden und schnell neue Ideen zu finden. Dies ist bei von Petersdorff aber ganz und gar nicht der Fall: Gedichte seien "kein Pflichtprogramm". Mal habe man eben viel zu sagen, mal nichts. Wenn sich mal eine längere Periode ohne neue Gedichte ereignet, sei das völlig okay, denn es wird ausgleichend dazu auch wieder Zeiten geben, in denen man im "Schreibrausch" ist. Problematisch wird diese Einstellung nur dann, wenn man finanziell von seinen Werken leben will. Das kommt für ihn überhaupt nicht infrage: "Ich hätte nicht die Nerven dazu, freiberuflich zu sein. Ich lebe lieber von einem gleichmäßigen Gehalt und schaufle mir dann zusätzliche Zeit für Gedichte frei." Hauptberuflich arbeitet er als Professor an der Hochschule und ernährt so seine drei Kinder, gemeinsam mit seiner Frau, die ebenfalls als Literaturwissenschaftlerin arbeitet. Um Gedichte zu verfassen, bleibt nicht viel Zeit. "Oft arbeite ich morgens am Wohnzimmertisch an meinen Gedichten. Zum einen, da zu dem Zeitpunkt die Zeit da ist, und zum anderen, da ich ein Morgenmensch bin. Ich bin morgens schnell wach und dann auch gern aktiv." Anfangs war er bei der Veröffentlichung zögerlich: "Ich war mir sehr unsicher darin, wie die Gedichte ankommen werden, deswegen habe ich zunächst erst mal in kleinen Zeitschriften veröffentlicht." Diese Zweifel hat er nicht mehr, aber er zeigt seine Werke vor der Herausgabe immer Vertrauenspersonen, um ehrliche Kritik zu erhalten: "Ich zeige sie Personen, bei denen ich mir sicher sein kann, dass das Feedback ehrlich sein wird."
Wenn dann das Werk veröffentlicht worden ist, freut sich von Petersdorff freilich: "Ich finde es schön, wenn meine Gedichte einzelne Menschen innerlich bewegen. Man hat schließlich immer eine freie Lesart und kann für sich selbst wahrnehmen, was das Gedicht für einen bedeutet." Manchmal seien Gedichte ebenfalls eine Form, sich über Dinge klarer zu werden: "Gedichte haben in der Tat etwas Therapeutisches an sich: Sie können mir als Verfasser bei der Verarbeitung bestimmter Sorgen helfen, aber sie können durchaus auch bewirken, dass der Leser über bestimmte Dinge nachdenkt und sich klarer wird." Trotz alledem bleibt er bescheiden. Er liest in der Regel keine Interpretationen oder Rezensionen zu seinen Gedichten und zeigt seine Werke auch nicht an der Uni: "Ich möchte selbstverständlich niemanden mit meinen Werken konfrontieren. Wenn sich jemand freiwillig damit befasst, freue ich mich natürlich umso mehr." Seine Gedichte zeichnet aus, dass sie oft simple Alltagssituationen beschreiben, dass sie meistens die eigenen Erfahrungen widerspiegeln und von einer feinen Ironie geprägt sind.