Vom Ballett zur deutschen Meisterin im Sportklettern
Der Geruch von Schweiß und Magnesia liegt in der Luft. An den Wänden sind zahlreiche Besucher zu erkennen, die sich an den unterschiedlichen Griffen in den verschiedenen Farben in Richtung Hallendecke hangeln. Hier und da hört man Anfeuerungsrufe, Jubel, manchmal dringt ein Fluchen durch. Auf dem Boden liegen Schuhe, Jacken und Gurte herum, auf den Sitzmöglichkeiten befinden sich Sportler, die sich ausruhen, eine kleine Mahlzeit zu sich nehmen oder auf dem Handy herumtippen. So sieht die Kletterhalle in Aschaffenburg aus, wenn sie nicht aufgrund der Corona-Pandemie geschlossen ist. Auch die leistungsorientierte Sportkletterin Roxana Wienand verbringt den größten Anteil ihrer freien Zeit normalerweise in einer Kletterhalle.
"Ich trainiere fünf- bis sechsmal pro Woche, so drei bis fünf Stunden", erzählt die 20-Jährige während des Gesprächs, das coronabedingt über Skype stattfinden muss. Roxana absolviert ihre Trainingseinheiten häufig in Hallen im Darmstädter Raum, da ihr Studium sie dorthin verschlagen hat. Die Pandemie war für sie vergangenes Jahr nicht leicht. "Vor allem der erste Lockdown war schwierig, da gab es für uns Leistungssportler auch keine extra Regelungen. Ich konnte nicht in der Halle trainieren, also musste ich mir eben kurzerhand eine eigene Kletterwand im Hause meiner Eltern bauen, um wenigstens ein bisschen an meiner Technik üben zu können", erzählt die blonde Kletterin enttäuscht. Zwar darf die Aschaffenburgerin seit dem zweiten Lockdown wieder in der Halle trainieren, dennoch ist dies mit viel Mehraufwand verbunden. "Die Hallen schrauben die Routen nicht mehr so oft um, da, bis auf die wenigen Leistungssportler, die seit dem zweiten Lockdown eine Sonderregelung haben, eh keine Besucher kommen dürfen, was allerdings bedeutet, dass es nach kurzer Zeit keine Bewegungen mehr gibt, die man neu erlernen kann. Dann muss ich mir eine neue Halle zum Trainieren suchen. Da gehen in der Woche schon so 15 Stunden nur für die Fahrt zu den Trainingshallen drauf."
Einen Vorteil hat die Pandemie dennoch für die Mathe- und Sportstudentin an der Technischen Universität Darmstadt. "Dadurch, dass wegen Corona alles online stattfindet, kann ich die Uni einfach überall mit hinnehmen", gibt Roxana mit einem kleinen Lächeln im Gesicht zu verstehen. Aufgrund der vielen Stunden, die der Sport in Anspruch nimmt, hat die Sportlerin oft weniger Zeit für die Uni und kann auch zum Beispiel an Präsenzseminaren nicht teilnehmen, was sie aber gelassen nimmt. "Mich stört es zwar, dass ich oft Seminare nicht erfüllen kann, trotzdem bin ich recht zufrieden mit meinem Studium. Mir ist bewusst, dass ich das Studium langsamer und auch nicht so gut abschließen werde, wie es andere tun, das ist mir aber egal. Im Moment geht der Sport auf jeden Fall vor."
Roxana bestreitet Wettkämpfe in den Disziplinen "Bouldern" und "Lead-Klettern". Während beim Bouldern ohne Sicherung in nicht allzu großer Höhe kurze Boulder, also Routen, absolviert werden, handelt es sich beim Lead-Klettern um das Vorstiegsklettern, also das dynamische Bewegen mit Seil in 15 bis 20 Meter Höhe. Außerdem gibt es wesentliche Unterschiede im Kraftaufwand. Beim Klettern benötigt der Athlet viel Kraftausdauer, da er sich mehrere Minuten am Stück an den Griffen entlang bewegen muss, wohingegen beim Bouldern vor allem Schnellkraft benötigt wird, um die technisch anspruchsvollen Bewegungsabläufe in Sekundenschnelle ausführen zu können. Beide Disziplinen bereiten der langhaarigen Frau großen Spaß. "Bouldern ist ein extrem sozialer Sport. Man lernt jedes Mal neue Leute kennen, mit denen man gemeinsam neue Boulder ausprobiert und sich gegenseitig motiviert. Außerdem ist der Sport sehr vielseitig. Es wird der ganze Körper beansprucht, von der Armkraft über die Körperspannung bis zu Balance, einfach alles. Beim Lead-Klettern freue ich mich über Projekte, die ich bewältigen muss, mehr, weil man länger an einem solchen Projekt arbeitet als beim Bouldern."
Angefangen hat Roxanas Weg zur Spitzensportlerin im Kronberg-Gymnasium in Aschaffenburg. "Ich habe immer Ballett getanzt und war auch total begeistert davon, bis mein damaliger Sportlehrer mich dazu brachte, an dem Wahlkurs Klettern teilzunehmen. Es hat mir von Woche zu Woche immer mehr Spaß bereitet, so sehr, dass ich in der siebten Klasse angefangen habe, auch außerhalb der Schule zu bouldern. Ich wurde immer besser und habe im Alter von 15 Jahren angefangen an Wettkämpfen teilzunehmen." Mittlerweile nimmt sie an Weltcups teil, wurde im vergangenen Jahr deutsche Meisterin im Lead-Klettern und ist Teil des Perspektivkaders der deutschen Nationalmannschaft. Hierbei handelt es sich um einen ausgewählten Kreis von Athletinnen, der durch das Bundestrainerteam verstärkt gefördert wird, da die ihm angehörenden Sportlerinnen durch viel Training möglicherweise in naher Zukunft bei Olympia starten können. "Falls ich mich noch weiterentwickeln und deutlich verbessern sollte, wäre es natürlich ein Traum von mir, bei Olympia 2024 zu starten. Ansonsten möchte ich so lange, wie es noch geht, den Spitzensport ausüben, bevor ich mich meiner Tätigkeit als Lehrerin widmen werde. Ich bin dankbar für alles, was ich jetzt schon mithilfe der Unterstützung meiner Freunde und meiner Familie erreicht habe", sagt sie, bevor sie sich in schwarzen Leggins und blauem Trägertop auf den Weg zur ihrer nächsten Trainingseinheit macht.