Nein, keine Praktikantin

Sehr geehrter Herr Sylvia Dölle, hiermit bestätigen wir Ihre Anmeldung für die Teilnahme an der Veranstaltung WHG-Fachkurs: Arbeit an Dichtflächen", mit einem Lachen legt Sylvia Dölle die Anmeldebestätigung beiseite und zieht ihre Brille ab. "Und so ist das oft", fügt die 46-jährige Ingenieurin aus dem Werra-Meißner-Kreis hinzu. "Egal ob man Materialpreise einholt, Angebote abgibt oder sich eben für eine Fortbildung anmeldet, prinzipiell wird man in den ersten E-Mails immer mit Herr angeschrieben, und das, obwohl ich immer mit Vor- und Nachnamen unterschreibe."

 

Sylvia Dölle ist Diplom-Ingenieurin und seit fast 25 Jahren im Bauwesen tätig, noch heute arbeitet sie in der Firma, in der sie nach ihrem Studium angefangen hat. Die naturwissenschaftlichen Fächer haben ihr schon immer gelegen, vor allem Mathe und Physik haben ihr besonders Spaß gemacht. Nach einem Praktikum in einem Architekturbüro wusste sie sofort, dass es das ist, was sie gerne beruflich machen würde. "Dass es dann doch Bauingenieurswesen wurde, ist eigentlich nur Zufall gewesen. Meine erste Wahl war es ehrlich gesagt nicht. Eigentlich wollte ich Innenarchitektur studieren, habe dafür aber dann den Abgabetermin der Bewerbungsmappe verpasst, und weil ich kein weiteres Semester warten wollte, habe ich mich eben für Ingenieurswesen eingeschrieben." Gemeinsam mit ihr traten 1993 etwa 450 junge Menschen das Studium zum Bauingenieurwesen in Weimar an, rund drei Viertel davon männlich. "Mein Studium habe ich dann 1998 beendet, und obwohl damals noch nicht wirklich über Frauenquoten in Unternehmen gesprochen wurde, so bin ich doch von Gleichberechtigung ausgegangen und habe gedacht, es sei selbstverständlich, dass ich als Frau in diesem Beruf genauso behandelt werde wie meine männlichen Kollegen." Dass diese Vorstellungen nicht der Realität entsprachen, gehörte zu den ersten Dingen, die sie in ihrem Berufsalltag erfahren hat.

 

"Das hat schon mit meiner Einstellung angefangen. Ich war die erste Frau im ganzen Unternehmen, die eine höhere Qualifikation erlangt hatte. Ich war sonst nur von Männern umgeben, und um ehrlich zu sein, hat mich das schon ein bisschen überrascht. Der weibliche Anteil der Firma setzte sich somit eine ganze Weile lang aus mir und den drei Sekretärinnen zusammen und muss damit bei unter fünf Prozent gelegen haben." Auch wenn sie innerhalb des Unternehmens schnell von ihren Kollegen akzeptiert wurde, stieß sie im Kontakt mit Subunternehmern, Lieferanten und Auftraggebern immer wieder auf Vorurteile. Des Öfteren wurde sie zu Beginn ihrer Karriere für die Praktikantin gehalten. Einmal wurde ihr seitens eines älteren Kollegen aus Präsentationsgründen die Bitte entgegengebracht, sich für die Weiterarbeit ein kurzes Röckchen anzuziehen.

 

"Dass ich mit meinem Beruf als Frau, gerade so wie hier in einer eher ländlichen Region, also eher eine Sonderheit, vor allem aber eine Minderheit bin, damit habe ich mich relativ schnell abgefunden, aber über die Tatsache, dass ich mich, nur weil ich eine Frau bin, immer mehr beweisen oder erklären muss, bin ich noch heute immer wieder verwundert", erklärt die dunkelhaarige Ingenieurin. Am Telefon wird sie auch heute noch manchmal nicht ernst genommen oder man hält sie für die Sekretärin und bittet um Weiterleitung zum Ingenieur. "Solche Vorfälle haben sich aber gelegt, was definitiv mit dem Bekanntheitsgrad untereinander, aber auch meinem Alter zu tun hat. Man könnte sagen, ich habe mich als IngenieurIN bewiesen", fügt sie selbstsicher hinzu. Schon etliche Male steuerte sie als Bauleiterin den gesamten Bauablauf. Über ihr nur noch der Oberbauleiter. Unter und mit ihr andere Ingenieure, Poliere und Bauarbeiter.

 

"Um ehrlich zu sein, ist es ja auch manchmal ganz lustig. Da wird man im ersten Moment für die Sekretärin gehalten und sitzt sich nur wenige Minuten später als gleichwertiger Vertragspartner in einer Auftragsverhandlung gegenüber. Die Peinlichkeit ist dem Gegenüber dann meist anzusehen und führt zu Unmengen an Entschuldigungsfloskeln. Auch nicht schlecht sind die Situationen auf der Baustelle. Arbeite ich mit neuen Nachunternehmern zusammen, wissen die Angestellten oft nicht, dass die Bauleitung durch eine Frau betreut wird. Da passiert es schon hin und wieder, dass man von einem Bauarbeiter angebaggert wird, welcher dann nicht schlecht staunt, wenn er erfährt, dass ich die Bauleiterin bin. Die Flirtversuche werden dann umgehend eingestellt und mit der eigentlichen Arbeit weitergemacht."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.02.2022, Nr. 43, S. 26 - Luna Antonia Gücking. Oberstufengymnasium Eschwege

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