Ordner seines Lebens

Mit 14 Jahren raus in die Welt: morgens verkaufen, nachmittags produzieren, am nächsten Tag ausliefern.

António Correia und seine Aktenordnerfabrik in Porto


In einem gemütlichen Haus an der Peripherie von Porto, im nördlichen Küstengebiet Portugals, denkt António Augusto Correia über sein Leben nach. Durch einen weißen Marmor-Kamin wird das altmodisch möblierte Wohnzimmer an diesem regnerischen Nachmittag erhellt, eine Uhr pendelt jede Sekunde hin und her. Correia hat graue Haare, braune Augen und einen frisch rasierten Bart. Er wirkt fit für seine 75 Jahre. "Mein Vater hatte immer Lust, mit mir Zeit zu verbringen", erzählt der Mann, der 1947 zur Welt kam. Da war sein Vater schon über 60, und noch ein Kind zu bekommen war für ihn enorm begeisternd. Jeden Tag ab seinem sechsten Geburtstag traf sich António Augusto nach der Schule mit seinem Vater gleichen Namens und hörte ihm wissbegierig zu. An diese Nachmittage auf den Feldern seiner Heimatkleinstadt São João da Pesqueira im nördlichen Landesinneren in der Weinbauregion des Douros erinnert er sich gerne. Die Lehren des Vaters gibt er heute an seine Enkel weiter. "Mein Vater war ein Mann der Welt, als ehemaliger Offizier der portugiesischen Handelsmarine besuchte er zahlreiche Orte, und mir war deswegen schon immer klar, dass ich nicht ewig in São João da Pesqueira bleiben konnte, die Großstadt rief mich." Zur großen Freude des Vaters und Beklemmung der Mutter zieht der 14-Jährige allein nach Vila do Conde im Norden Portos, mehr als 100 Kilometer fort.

 

Die Lebensbedingungen in der Stadt waren für António enttäuschend. Als Sohn eines Kleinbesitzers im Landesinneren wuchs er ohne besondere Geldsorgen auf. "Wir waren zwar nicht reich, aber ich habe immer etwas zu essen und zum Anziehen gekriegt." In Porto war die Realität anders. "Ich erinnere mich noch, durch die Straßen zu laufen und von neidischen Blicken verfolgt zu werden. Schuhe tragen zu können war im Landesinneren ganz üblich. In der Stadt galten meine Stiefel aber als ein Luxus." Sein erster Arbeitsplatz war bei einer Firma namens Eril, einer Werkstatt für Papierprodukte und der Vertretung Pelikans in Portugal. Dort macht António Augusto unter dem deutschen Unternehmer Erich Leichsenring seine ersten Erfahrungen in der Aktenordnerbranche. Neben der Herstellung von Ordnern war es Antónios Aufgabe, Füller zu reinigen. "Bei dieser Aufgabe habe ich mich immer besonders bemüht, und die Kunden entwickelten eine Zuneigung zu mir. Meine Kunden waren hauptsächlich Verwalter und andere einflussreiche Leute." Zu jener Zeit war der Besitz eines Füllers ein Zeichen für eine hohe soziale Schicht. Immer wenn António die Chance hatte, mit hochgebildeten Verwaltern zu reden, hörte er aufmerksam zu. "Ich war wie ein Schwamm und versuchte, alle Informationen und Ratschläge aufzusaugen."

 

Nach seinem 18. Geburtstag muss António eine schwierige Entscheidung treffen. Es ist 1965, und Portugal führt einen Kolonialkrieg, sodass alle jungen Männer entweder aus dem Land fliehen oder mitkämpfen müssen. "Ich entschied mich dafür mitzukämpfen. Ich musste die Last der Militärdienstpflicht loswerden, um dann endlich mit meinem Leben anfangen zu können." Er verbrachte die nächsten drei Jahre mit dem Militär in Angola, einer ehemaligen portugiesischen Kolonie an der atlantischen Küste Afrikas. "Meine Stellung war Korporal, und meine Aufgaben im Krieg waren hauptsächlich im Bereich des Schutzes der lokalen Bevölkerung und im Straßenbau." Er beschreibt den Guerillakrieg: "Wir konnten nicht angreifen, aber manchmal wurden wir überfallen. Ich habe gelernt, mich selbst und meine Kameraden zu schützen, und Freunde fürs Leben gefunden." Mehr als 50 Jahre später ist die Beziehung unter den Kameraden durch Treffen erhalten, der Korporal hat seit dem Krieg eine Palme auf dem Oberarm tätowiert. "Zum Glück musste ich niemand töten, aber der Krieg ist zweifellos etwas Abscheuliches."

 

Zurück in Porto, beschloss Correia, sein Leben neu zu ordnen. "Neun Monate nach meiner Ankunft heiratete ich meine Frau, Rita Moreira. Es war wichtig für mich, mein eigenes Unternehmen zu gründen, um für meine Familie sorgen zu können. Wegen meiner vorherigen Erfahrung entschied ich mich für die Produktion von Ordnern." Er hatte während des Krieges viel Geld gespart. Mithilfe von Eltern und Schwiegereltern schafft er es, seine eigene Firma zu gründen. So entstand Ancor, António Augusto Correia Lda. mit Sitz in einer 100 Quadratmeter großen Werkstatt auf der Rückseite der Rua de Cedofeita 258 im Zentrum von Porto. Die Werkstatt hatte drei Maschinen: eine Wippe, einen Pappenschneider und eine selbst entworfene Faltmaschine. Sein Motto war: "Morgens verkaufen, nachmittags produzieren und am nächsten Tag ausliefern."

 

Im ersten Jahr gelang es, genug Geld zu sparen, um sein erstes Fahrzeug zu kaufen, einen Renault-Kastenwagen für Warentransport und zum Eigengebrauch. "Ich wurde für diese Anschaffung gelobt, denn zu dieser Zeit mussten die meisten Angestellten die Waren zu Fuß oder mit dem Fahrrad ausliefern", erklärt er mit erkennbarem Stolz. 1970 wurde der erste Sohn, Pedro Augusto, geboren, drei Jahre später folgt Francisco José. "Durch Pflanzen kann man wie Gott das Essen multiplizieren, sagte mein Vater immer", berichtet Correia. Diese Lehre wendete er an, indem er in die Bildung seiner Kinder investierte und so den Samen für den Erfolg der Familienfirma pflanzte. António und Rita waren immer möglichst präsente Eltern. Beide Söhne studierten an der Universität, der eine Maschinenbau, der andere Betriebswirtschaftslehre. "Wie Dom Afonso Henriques, der erste portugiesische König, dessen große Landgewinne ihm den Beinamen 'Der Eroberer' einbrachten, startete ich vom Norden aus und verbreitete unsere Produkte nach Süden. In wenigen Jahren konnten unsere Ordner überall in Portugal gekauft werden. Als meine zwei Söhne in die Firma eintraten, hatte sie ihren Sitz in der Rua de Cedofeita schon lange verlassen." Die neue kleine Fabrik war anfangs 600 Quadratmeter groß und lag am Rand Portos. Im Laufe der Jahre wuchs sie auf 2000 Quadratmeter an mit mehreren Lagerhäusern und kleinen Werkstätten in der Umgebung und einem Lagerhaus in Lissabon. "2008 erkannten wir, dass die Firma zu sehr aufgeteilt war mit so vielen voneinander entfernten Produktionsanlagen. Wir brauchten eine große Fabrik." 2010 begann die Errichtung der neuen 15 000 Quadratmeter großen Fabrik auf einem Grundstück in Vila do Conde. "Als 2008 Portugals Wirtschaft in die Krise geriet, hatten wir die Kapitalaufnahme schon verabredet. Wir konnten nicht mehr zurück, und die einzige Möglichkeit war, die Krise durchzustehen. Zum Glück lief alles gut. Drei Jahre später hatten wir die Verkaufsziele für diese neue Industrieeinheit bereits übertroffen."

 

Heute produziert die Firma eine breite Palette von Papierprodukten für Büro- und Schulbedarf und Luxusverpackungen. Das Unternehmen ist führend in der Herstellung von Ordnern und eine der wichtigsten Firmen in der Papeterie-Branche auf der Iberischen Halbinsel. Ancor verkauft jedes Jahr mehr als 30 Millionen Stück in 30 Ländern auf vier Kontinenten. Mit 75 Jahren arbeitet António Correia noch jeden Tag. "Ich mache, was ich liebe. In dieser Firma erlebte ich Unvergessliches, und ich kann mir ein Leben ohne Arbeit gar nicht vorstellen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2022, Nr. 206, S. 26 - Francisco Correia, Deutsche Schule zu Porto

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