In der Bäckerei zwischen Speyer und Ludwigshafen ließ Helmut Kohl seinen Kuchen holen. Kunden stehen Schlange bis auf die Straße für ein Stück Genfer Torte.
Beim Betreten der Konditorei riecht man sofort das frisch gebackene Hefegebäck und sieht die Verkaufstheke gefüllt mit Kuchen und Torten. "Guten Morgen", begrüßt Daniel Haslberger mit kräftig freundlicher Stimme einen Stammkunden, der wie jede Woche seinen bestellten Marmorkuchen abholen will. Schon kurz nach der Ladenöffnung, mitten in der Woche, kommt ein Kunde nach dem anderen. Wie schafft es das Familienunternehmen, trotz breitem Angebot in Supermärkten und Großbäckereien sich zu behaupten?
Das seit 50 Jahren bestehende Café Christmann in Waldsee, ein Ort zwischen Speyer und Ludwigshafen, ist in der ganzen Rhein-Neckar-Region für seinen guten Kuchen bekannt. Zahlreiche Torten und Kuchen sind im Sortiment - und das jeden Tag frisch aus der Backstube und nicht aus der Tiefkühltruhe. Hinzu kommen saisonales Gebäck in verschiedenen Variationen, Christstollen zur Weihnachtszeit und Biskuitlämmer zu Ostern. Dafür stehen die Kunden teilweise Schlange bis auf die Straße. Daniel Haslberger selbst legt viel Wert auf gute Qualität, regionale Produkte und traditionelle Serviceleistungen wie Höflichkeit, Ehrlichkeit, Großzügigkeit und Fürsorge für den Kunden. So läuft der Familienbetrieb der Haslbergers überdurchschnittlich gut.
Die Genfer Torte ist bei der Kundschaft besonders beliebt. Dabei handelt es sich um eine traditionsreiche Torte, die aus sieben separat gebackenen Biskuitböden mit einer ungesüßten Schokosahne, Orangeat und einer Glasur aus Cointreau besteht. "Sie ist eine unserer vielen Spezialitäten", meint der große, athletische Chef in der dritten Generation lächelnd. Er trägt eine am Rücken gebundene weiße Schürze und eine blau-graue Strickmütze. Obwohl Haslberger in der Backstube groß wurde, hat der 32-Jährige zunächst die Fächer Geschichte, Theologie und Sport für das Lehramt am Gymnasium studiert und sein Studium abgeschlossen. Dennoch übernahm er 2015 den Betrieb, weil sein an Leukämie erkrankter Vater zu der Zeit frühzeitig an einem Krankenhauskeim verstarb. "Meine Mutter hielt mir in dieser Zeit wirklich den Rücken frei. Sonst hätte ich das Studium und das Referendariat nicht geschafft", betont Haslberger nachdenklich. So verbleibt das Café zusammen mit den Konditoren und den Fachkräften weiter in der Familie. Privatleben und Berufsleben gehen ineinander über, sofern es überhaupt Zeit für ein Privatleben gibt. In seiner Freizeit fährt er gern mit seinem Motorrad.
Daniel Haslberger beschäftigt in seiner Konditorei insgesamt vier Konditoren. Dazu zählen eine Meisterin, ein Geselle, eine Gesellin und ein Lehrmädchen. "Das Team ist gut aufgestellt, und wir haben Glück, dass wir so tolle junge Mitarbeiter haben. Wir versuchen immer junge Menschen für den Beruf zu begeistern", sagt er. Oft gehen aber die Vorstellungen der jungen Menschen mit der Realität des echten Handwerks nicht konform. "Ab und zu muss man halt auch Eier aufschlagen, Zwetschgen entkernen oder Rhabarber schälen", erklärt er. Da er selbst den Beruf nicht offiziell gelernt hat, wird ein technischer Betriebsleiter im Konditorenhandwerk gebraucht. Das kann ein Konditormeister sein oder ein Geselle mit mindestens acht Jahren Berufserfahrung. "Zum Glück haben wir beides", schmunzelt Haslberger.
In seiner Schulzeit und während des Studiums hat er im elterlichen Betrieb gearbeitet, wodurch er sich vieles selbst aneignen konnte. Dennoch sucht er im Moment nach einer Möglichkeit, eine Prüfung abzulegen, um einen Gesellenbrief zu erhalten.
Ob in der Backstube oder im Verkauf, Organisation, Engagement und Teamgeist sind im Familienbetrieb wichtig. Das Bestellbuch für Hochzeiten, Geburtstage oder andere Feiern wird immer noch mit der Hand geschrieben. "Es erscheint zwar altmodisch, ist aber sicher in jeder Not", erklärt der Chef. An diesem Vormittag holt ein Kunde seine bestellte Torte für die Feier eines 40. Geburtstags ab, was auf dem Kuchen kunstvoll gestaltet sichtbar ist. Daneben steht ein Himbeerkuchen in Herzform abholbereit.
Täglich gibt es Bestellungen, besonders am Wochenende und zu Festtagen. Meistens erfolgen sie telefonisch. Die Kunden holen den Kuchen überwiegend selbst ab. Dabei ist eine gute Organisation mit absoluter Verlässlichkeit entscheidend. Das Eingehen auf die Wünsche und das Zeigen von persönlichem Interesse schätzen die Kunden sehr. Damit der Familienbetrieb auch so läuft, muss jeder Mitarbeiter flexibel dort eingesetzt werden können, wo gerade jemand gebraucht wird. Das gilt auch für seine 67-jährige Mutter Margit Haslberger, die überall fleißig mithilft. Obwohl sie fast ein Kopf kleiner ist als ihr Sohn, haben die beiden viele Ähnlichkeiten: ein rundes Gesicht mit ähnlichen Gesichtszügen, aus dem ein freundliches Lächeln hervorgeht.
Von Dienstag bis Sonntag ist das Geschäft geöffnet. Da gibt es immer Arbeit. Wenn einmal kein Kunde bedient werden muss und das Telefon nicht klingelt, sind Kleinigkeiten zu erledigen. Neben Aufräumen sind auch Bestellungen zu organisieren. Doch kaum angefangen, kommt schon der nächste Kunde.
Dennoch macht die Arbeit Daniel Haslberger viel Spaß. Sie sei abwechslungsreich, und man sei frei, da man sich doch manches selbst einteilen kann. "Ich mache mir zwischendurch gern mal einen Espresso." Erst einmal muss aber noch eine bestellte Kuchenplatte vorbereitet werden. Haslberger schneidet sauber aus den erwünschten Kuchen ein Stück heraus und legt es ordentlich auf die Platte.
Werbung im Internet und Kundenakquise über soziale Medien nehmen zeitgemäß einen immer größeren Raum ein. "Durch die Digitalisierung werden der Internetauftritt und die Präsenz in sozialen Netzwerken immer wichtiger", erklärt Haslberger. So wurden die Webseite der Konditorei überarbeitet und ihr Auftritt auf Instagram und Facebook erweitert. Dort werden regelmäßig Bilder von Kuchen, Torten und anderen feinen Köstlichkeiten gepostet, die für besondere Anlässe frisch aus der Backstube kommen. Dadurch werden vor allem junge Kunden angesprochen, was sich im Geschäft bemerkbar macht. So gibt es neben jahrzehntelangen Stammkunden auch zahlreiche Neukunden aller Altersklassen aus der gesamten Region. Auch Helmut Kohl hat hier schon eingekauft, meistens ließ er sich seinen Kuchen aber holen.
Kurz vor Mittag kommt noch eine ältere Dame vorbei, die ihren Enkeln gern Kuchen zuschicken möchte. Dabei lässt sie sich vom Chef beraten, welche Kuchen sich am besten dafür eignen. Marmorkuchen schlägt er vor, weil der nicht so leicht kaputtgeht. Außerdem hätte die Kundin gern noch vier Gesichtsplätzchen. Bevor sie dann geht, sagt sie noch lächelnd: "Wenn meine Enkel den Kuchen sehen, freuen die sich ganz bestimmt."