Zwei Hospizhelfer über ihre Begegnungen
Der Mensch denkt, Gott lenkt", erklärt der 58-jährige Peter Holzheimer, wenn er die Komplexität der Hospizbegleitung beleuchtet. Ihm und anderen Sterbebegleitern unterlaufen nicht selten Fehleinschätzungen, was die noch zu erwartende Lebenszeit der Patienten angeht. "Hospiz ist komplex, komplexer geht's nicht", sagt der Ehrenamtler. Rita Hillenbrand setzt sich hauptberuflich als leitende Koordinatorin des Hospizvereins im unterfränkischen Bad Kissingen für Menschen in ihren letzten Wochen, Tagen oder auch Stunden ein. "Ich habe lange als Krankenschwester auf der Intensivstation gearbeitet, und mir ist aufgefallen, dass dort ausschließlich Heilung und Rettung der Patienten Thema ist, dem palliativen Gedanken allerdings nahezu keine Aufmerksamkeit geschenkt wird", sagt die 41-Jährige. So ist sie auf die Idee gekommen, nicht für die noch Heilbaren, sondern für die, deren Tod nicht mehr aus dem Weg zu gehen ist, da zu sein. Der Hospizverein Bad Kissingens, der sich um Sterbende des ganzen Landkreises sorgt, umfasst rund 280 Mitglieder verschiedenen Alters, darunter viele ehrenamtliche Hospizbegleiter. Die Angestellten im Hauptamt wie Rita Hillenbrand koordinieren die Kombination der zu betreuenden Personen mit den Helfern: "Jeder unserer Engagierten hat individuelle Stärken und Charaktermerkmale genau wie die einzelnen Patienten. So können wir Begleiter und Begleitete perfekt zusammenmatchen." Peter Holzheimer, im Hauptberuf in der Finanzbranche, lobt: "Die Matches passen immer perfekt." Er selbst wird überwiegend in Fällen eingesetzt, in denen sich Menschen bereits unmittelbar vor dem Tod befinden. Andere Begleitungen können einige Jahre beanspruchen. Die Hospizhilfe kann auch im Falle schlimmer Krankheiten oder mit dem Alter eintretender Einsamkeit herangezogen werden. "Es kam auch schon vor, dass die Patienten kurz nachdem sie uns übergeben wurden, gestorben sind. In solchen Fällen werden die für die Person spezifischen Betreuer erst gar nicht herangeholt, sondern wir vom Hauptamt bleiben direkt da, vor allem, um den Angehörigen in dieser überraschenden und erschütternden Situation beizustehen", sagt Rita Hillenbrand.
Während manche Patienten das Thema Tod meiden, sind andere offener. "Die einen wollen nichts vom Tod wissen, andere hingegen pflegen einen philosophischen oder auch spirituellen Austausch. Wiederum andere wollen eine humorvolle Unterhaltung", sagt Holzheimer. Es gebe Menschen, die Geschichten und Erlebnisse aus ihrem Leben erzählen. Dies diene der Verarbeitung und führe dazu, dass Patienten nach solchen Rückblicken eher bereit seien, zu sterben. Natürlich sind nicht alle Menschen geistig in vollem Umfang ansprechbar. Dann sei vor allem die reine Anwesenheit wichtig und Beistand für die Angehörigen. "Wenn zum Beispiel der Ehemann dement ist, stehe ich ungefähr 60 Prozent der Zeit dessen Frau und Kindern bei", sagt Peter Holzheimer.
Das Schöne sei, dass man vielen Patienten mit banalen Dingen ein Lächeln ins Gesicht zaubern könne: "Sei es mal eine Blume oder eine Kastanie - irgendwas, was positive Erinnerungen an frühere Zeiten hervorruft. Es bringt die Begleiteten nach ihrem eintönigen Tag zum Strahlen", sagt Holzheimer. Er und Rita Hillenbrand sind der Überzeugung, dass es wichtig sei, die Sinne anzusprechen. Das machen sie mit Klangschalen, Handmassagen mit Aromaölen oder gemeinsamem Singen oder Beten. Peter Holzheimer spielt oft Gitarre: "Es ist sehr schwierig, demente Personen zu unterhalten, da ist es ganz sinnvoll, einfach mal für eine Weile Musik zu machen."
Das Engagement ist herausfordernd. "Manche Fälle können so richtig an einem nagen." Einmal musste er einer Dame beistehen, die an Chorea Huntington erkrankt und körperlichem als auch geistigem Verfall ausgesetzt war. "Die Dame lag immer gekrümmt da und hatte immer wieder Erstickungsanfälle. Deshalb war meine Präsenz sehr wichtig." Es sei niederschlagend gewesen, ihr bei ihrem Leiden zuzusehen. "Immer, wenn jemand mit männlicher Stimme den Raum betreten hatte, bekam sie Erstickungsanfälle - eine Art Hilfeschrei vor Männern. Das hing wohl mit einem Vorfall in ihrer Vergangenheit zusammen." Er habe diesen Fall abgegeben, die Ehrenamtlichen sollen nur Dienste tun, die sie sich zutrauen.
Beglückende Erlebnisse überwiegen, besonders eines ist ihm in Erinnerung geblieben. Eine Frau sagte immer zu ihm: "Herr Holzheimer . . . kein Wort vom Tod!" Sie habe viel aus ihrem Leben erzählt und das Thema Tod bis zum Schluss gemieden. Als sie im Sterben lag, wollte sie draufloserzählen. "Ich nahm ihre Hand und machte ihr deutlich, dass ich für sie da bin. So lehnte sie sich zufrieden zurück, und ich hielt ihre Hand."
In Fällen, die einen emotional sehr mitnehmen, kann man als Hospizhelfer eine Supervision beanspruchen. "In den Supervisionen kann man nochmals alles rauslassen und sich freireden. Das ist sehr wichtig, um die Vorfälle zu verarbeiten. Bei mir auf Intensiv gab es das leider nicht", sagt Rita Hillenbrand. Auch Holzheimer hält viel davon: "Da die Erlebnisse anonym bleiben sollen, vor allem weil, was Patienten uns aus ihrem Leben erzählen, in der Öffentlichkeit nichts zu suchen hat, ist es sehr gut, eine Möglichkeit zur Verarbeitung angeboten zu bekommen."
Die Auseinandersetzung mit Tod und Krankheit hat auch positive Effekte: "Die Lebensansicht wird viel tiefer. Man geht weniger oberflächlich, sondern tiefgründig an Dinge heran", sagt er. Seine Kollegin sagt: "Es fördert die Lebensqualität, da man den Fokus auf das Wichtige lenkt. Man weiß, wie hart das Leben sein kann, und vermeidet häufig unnötige Streitigkeiten um Kleinigkeiten und lässt sich von banalen Dingen, wie wenn man beispielsweise mal drei Kilo mehr auf der Waage hat, weniger aus der Bahn bringen."
Selbstverständlich gibt es Menschen, die die Finger von der Arbeit als Hospizbegleiter lassen sollten: "Wenn wir während der Kurse merken, dass die Personen, weil sie beispielsweise selbst in naher Vergangenheit einen Angehörigen verloren haben oder weil sie psychisch aktuell einfach nicht dazu in der Lage sind, gerade nicht bereit für die Hospizhilfe sind, teilen wir ihnen das in einem Rückmeldegespräch offen mit", erklärt Hillenbrand. Bei acht bis zwölf Teilnehmern sei es kein Problem, auf jeden einzelnen zu achten und einzugehen.