Stumme Schreie

Ballett in Mainz: die Delattre Dance Company

 

Mal in grünes, mal in violettes Licht getaucht bringen die Tänzer der Delattre Dance Company die intimsten und abstraktesten Aspekte des Menschlichen zum Ausdruck. Vertrauen, Konflikte, Zerrissenheit oder Geborgenheit werden mit stummen Schreien, aufgerissenen Augen und zuckenden Armen und Beinen, dann wieder mit weichen, fließenden Bewegungen ausgedrückt. Die Spannung geht bis in die gekrümmten Fingerspitzen und überträgt sich auf das gebannte Publikum. Die Kompanie trainiert im "TanzRAUM" in der Mainzer Neustadt und ist regelmäßig Bestandteil des Programms der Mainzer Kammerspiele.

 

Voraussetzung für die Arbeit in der Company ist eine klassische Ballettausbildung, sie stellt jedoch nur die Grundlage dar, von der die Tänzer sich wieder entfernen sollen. Sie muss nur vorhanden sein, um auf das Modernste heruntergebrochen zu werden. "Der Delattre-Stil ist die moderne Art, klassisches Ballett zu tanzen", fasst Paul Cartier, einer der Tänzer, zusammen. Zudem sei die physische Leistung bei der Auswahl neuer Talente zunächst zweitrangig. "Es wird gesucht, wer zur Kompanie und zu Delattres Arbeitsweise passt. Und wenn der Geist bereit ist, wird auch der Körper bereit sein."

 

Für den Choreographen Stéphen Delattre geht es nicht darum, wie das Spiegelbild eines Tänzers aussieht und ob die Linie hübsch anzusehen ist, sondern dass die Bewegung eine überzeugende Wirkung auf den Zuschauer hat. Deshalb ist die Interpretation seiner Choreographien generell frei: Die Tänzer sollen ganz aus ihren Emotionen heraus arbeiten, die sie in diesem Moment des Tanzens fühlen. So kann die gleiche Choreographie an verschiedenen Tagen unterschiedlich aussehen. Improvisiert sei sie deshalb aber nicht, "weil sie ganz menschlich aus einer Emotion heraus entsteht. Die Natur ist ja auch nicht improvisiert", erklärt Paul Cartier. Trotzdem sei es ihnen für wenige Momente in einem Stück auch freigestellt, sie selbst mit Bewegungen zu füllen, ganz so, wie es gerade zu ihnen komme. Da die Tänzer ganz ihren Intentionen folgen, fühlen sich ihre Bewegungen für sie selbst am organischsten an und wirken am überzeugendsten. "Der Zuschauer muss es zum Beispiel sofort verstehen, wenn der Tänzer auf der Bühne von einem Tier zu einer Blume wird."

 

Charaktere müssen in Bewegungen übersetzt werden, Eigenschaften einer Figur nur durch ihren Tanz zum Ausdruck kommen. "Der Tanz ist sehr nah am Schauspiel, aber wir haben es eigentlich schwerer, weil wir meistens unsere Stimme nicht benutzen. Wir müssen alles mit Körper und Gesicht ausdrücken, und natürlich muss alles zu der Figur passen, die wir verkörpern", erklärt Mélanie Andre. Die blonde Französin wird erneut in der Hauptrolle in "Alice im Wunderland" zu sehen sein. "Zu einem kleinen Mädchen wie ihr passen zum Beispiel keine eckigen Bewegungen. Wir arbeiten dann vor allem an der generellen Art, wie sich ein bestimmter Charakter bewegen würde."

 

Bei der Entwicklung einer neuen Choreographie arbeiten die Tänzer eng mit dem Choreographen zusammen. Am Anfang eines neuen Stückes stehen meist Workshops, bei denen sie viel improvisieren, um Ideen zu sammeln. "Wir sollen dann zum Beispiel ein Solo tanzen, zu einem bestimmten Thema und in einem bestimmten Zeitraum", erklärt Mélanie Andre. "Die Bewegungen, die wir anbieten, kann der Choreograph dann nach seinen Vorstellungen weiter formen und daraus nach und nach die Choreographie entwerfen." Antoine Salle formuliert es etwas poetischer: "Das Werkzeug des Choreographen sind Körper und Geist des Tänzers." Anders als die meisten Tänzer hat Antoine nicht von klein auf Ballett getanzt, sondern zunächst acht Jahre lang geturnt. "Ich war bei den Wettkämpfen aber immer so gestresst, dass ich einfach nicht mehr ich selber war. Eigentlich wollte ich immer etwas Künstlerisches machen. An meiner Schule in Frankreich hat ein Tänzer der Pariser Oper dann mal eine Masterclass gegeben, und da wusste ich endgültig, dass ich Tänzer werden will. Man muss da sehr früh in Akademien anfangen, wenn man Profi werden will, aber ich hatte genug Talent und eine sehr gute Tanzschule. Die war nicht so groß, und alles war viel persönlicher."

 

Carlotta Avidano hat eher die "klassische Reise" hinter sich, wie sie sagt: Mit nur vier Jahren hat sie in einer Ballettschule angefangen, ist mit zwölf in eine Akademie in Mailand aufgenommen worden und seit ihrem Abschluss professionelle Tänzerin. Nervös ist sie trotzdem noch vor jeder Show. "Die Premieren sind am schlimmsten, da ist alles noch neu und stressig." Trotzdem würde sie den Tänzerberuf für nichts hergeben. Später, wenn sie ihre Profikarriere aufgrund des Alters beenden muss, will sie vielleicht Kriminologie studieren.

 

Mélanie Andre hingegen würde gerne in der Tanzwelt bleiben und als Assistenz oder selbst als Choreographin arbeiten. Sie wurde schon mit acht Jahren an der Nationalen Schule in Marseille aufgenommen. Neben der klassischen Ausbildung hat sie auch Erfahrungen in Modern Jazz, zeitgenössischem Tanz und sogar Folklore gesammelt. Paul Cartier kommt ebenfalls aus Frankreich und ist seit 2016 Mitglied der Dance Company. Er tanzte unter anderem schon die Hauptrolle in Delattres Interpretation des Literaturklassikers "Das Bildnis des Dorian Gray".

 

Die Tänzer kommen aus verschiedenen Ländern und bringen unterschiedliche Schulungen mit. Beim Ballett gibt es verschiedene Stile, die jeweils nach ihren Herkunftsländern benannt sind, erklärt Carlotta Avidano. "Die französische Schule ist sehr sauber getanzt und legt den Fokus auf die Fußarbeit, bei der spanischen und amerikanischen springt und dreht man sehr viel, bei der russischen ist die Flexibilität extrem wichtig, und so weiter . . . Man kann deshalb einem Tänzer beim Tanzen ansehen, woher er kommt." Sie alle bereichern die Kompanie mit ihren Erfahrungen, sodass sich sogar der so spezifische Delattre-Stil mit der Zeit verändere. Auch Stéphen Delattre selbst erfinde sich ständig neu und experimentiere: "Einmal hat er die Spitzenschuhe aus dem Studio verbannt, um besonders erdige Bewegungen zu erreichen, und das war auch direkt ein ganz anderes Tanzgefühl", erzählt Avidano. Hinzu kommen viele Gastchoreographen, die ihre eigenen Stile und Ideen einbringen. Trotz der Pandemie konnten alle Tänzer in Deutschland bleiben und in kleineren Gruppen trainieren, sodass sie weder Zeit noch Fitness verloren haben. "Man vermisst die Shows natürlich sehr, weil da auch die Unterstützung der Öffentlichkeit fehlt, aber wir haben ganz normal weitertrainiert, damit es direkt wieder losgehen kann, wenn die Maßnahmen gelockert werden."

 

Ihre Disziplin habe in dieser schwierigen Zeit geholfen. Besonders die Tänzer, die von klein auf Ballett tanzten, hätten sich schon früh in den strengen Ballettschulen daran gewöhnen müssen und viel Selbstdisziplin entwickelt. Antoine Salle berichtet, dass sich das Training ohne Aufführungen aber irgendwann sinnlos angefühlt hat: "Man arbeitet und arbeitet und weiß nicht, wofür. Jeder Tag hat sich gleich angefühlt, und es wurde immer schwieriger, seine eigene Motivation zu finden." In der Kompanie hätten sich aber alle geholfen. "Wir haben manchmal Termine ausgemacht, an denen wir einen kompletten Durchlauf von einem Stück gemacht haben, damit wenigstens das Gefühl einer Show aufkommt." Ihr Alltag habe sich nicht großartig verändert. "Wir Tänzer machen sowieso nicht so viel", lacht er. "Wir müssen sehr viel essen und sehr viel schlafen, damit wir Energie zum Tanzen haben, und wenn wir nicht gerade essen oder schlafen, sind wir meistens am Tanzen."


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.02.2022, Nr. 49, S. 30 - Eva Dietrich. Rabanus-Maurus-Gymnasium, Mainz

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