Surfbretter bauen und Schneidern

Urbane Symbiose: In den Werkstätten des Münchener Gewerbehofs

 

Vorbei an den schönen, sanierten Altbauten der Münchner Schwanthalerhöhe zum Gewerbehof West. Das Atelier von Johanna Leitner und Kathrin Bobek ist gefüllt mit Schnittmustern, Stoffen und allerhand Werkzeugen und Nähmaschinen. Ein Schrank voller Kleider, Blusen und einzigartigen Kostümen zeugt von der Arbeit der vergangenen Monate. "Die Schneidereien in Deutschland fristen seit den späten 70ern, als die Textilindustrie ins Ausland abgewandert ist, ein Nischendasein", meint Johanna Leitner. Trotzdem scheint die Arbeit hier nicht auszugehen. "Totgesagte leben ja bekanntlich länger", fügt sie schmunzelnd hinzu. Jedoch betont sie, dass vor allem das vergangene Jahr hart für die Branche gewesen ist. Aufträge aus der Theaterszene fielen weg, und die beiden Frauen mussten sich hauptsächlich mit Privatkundschaft über Wasser halten: "Privatkunden, die was wünschen, was es so nicht zu kaufen gibt, oder die unübersichtlichen, ausbeuterischen Produktionsbedingungen der Textilindustrie ablehnen." Johanna Leitner arbeitet gegen das wachsende Angebot an Billigklamotten an und näht ganz bewusst ihre eigene Kleidung selbst. Auch bemerkt sie, dass die Nachfrage nach fairer, ökologischer Mode immer weiter steigt.

 

Die studierte Psycholinguistin fand ihren Weg zum Handwerk im Studium. Gemeinsam mit dem Musiker, Regisseur und Schauspieler Bülent Kullukcu und drei weiteren Freunden gründete sie ihr Musik- und Modelabel "lastshirt". "Während unseres Studiums hatten wir fünf Freunde ein kleines, chaotisches Atelier in der Blumenstraße über der alten Registratur zur Zwischennutzung. Da haben wir meist alte Kleidungsstücke wild umdesignt und mit Siebdrucken, Stickereien und Elektroschrott aufgepunkt", erinnert sich Johanna Leitner. Auch heute sprüht das Atelier im Gewerbehof vor Kreativität. Die Schränke sind gefüllt mit Modeliteratur. Nähmaschinen rattern, und eine bunte Ansammlung von Stoffen wartet darauf, bearbeitet zu werden. Von außen sieht der Gewerbehof mehr nach einem Zweckbau als nach einem Ort des Schaffens und der Kreativität aus. Ein geräumiger Innenhof voller Parkplätze ist von fünf Gebäudekomplexen gesäumt. Schon ab den 1870er Jahren stand an dieser Stelle ein ähnlich großes Gebäude. Die Münchner Firma Metzeler produzierte hier über ein Jahrhundert lang Gummi-und Kautschukwaren. Bis 1914 war die Metzeler AG unter den acht größten deutschen Unternehmen verzeichnet. Nach Bränden, schlechten Arbeitsbedingungen und einer enormen Belastung durch Ruß und Lärm schloss das Werk 1979 in der Westendstraße. Die Metzeler AG wurde von Bayer übernommen, und die Stadt München nutzte einen Teil des Grundes zur Erbauung des Gewerbehofs West.

 

Im Zimmer neben dem Atelier von Johanna Leitner arbeitet Christoph Engelbrecht. Der hochgewachsene, blonde 45-Jährige betreibt zwei kleinere Betriebe parallel. Neben einem Holzhandwerksbetrieb, in dem der gelernte Schreiner hauptsächlich als Subunternehmer für Zimmereien arbeitet, shapet und verkauft er zusammen mit einem Kollegen Surfbretter. Bis hoch zur Decke stapeln sich die verschiedensten Bretter mit unterschiedlichen Variationen und Designs. Aus der Not kam der leidenschaftliche Surfer auf die Idee, eigene Surfbretter zu bauen. Nach der Reanimierung des Münchener Fluss-Surfer-Hotspots an der Floßlände in Thalkirchen durch einen künstlichen Einbau, der der Welle eine bestimmte Kontur gibt, waren nicht mehr alle Bretter fahrbar. "Dann hab ich halt rumprobiert und angefangen meine eigenen Sachen zu entwickeln." Seine Boards sind anders als konventionelle Modelle auf das Surfen im Fluss angepasst. An den Wänden hängt neben Schablonen und Werkzeugen eine Weltkarte. Denn auch wenn er die meiste Zeit an den städtischen Flüssen die künstlichen Wellen reitet, ist der gebürtige Münchner schon an den unterschiedlichsten Stränden der Welt gesurft. Alles in allem ist er dankbar für seine Werkstatt. Auch wenn die Miete vergleichsweise hoch ist, würde er nicht anderswo arbeiten wollen. "Alleine durch die Kooperationen und die gute Anbindung lohnt sich der Preis. Es sind hundertfünfzig Gewerbe hier im Haus. Wenn ich einen Metaller brauche, gehe ich ein Stockwerk tiefer und weiß genau, wo ich Hilfe finde."

 

Der Gewerbehof West ist der älteste der Münchner Gewerbehöfe. Seit der Gründung 1981 verfolgt die Tochterfirma der Stadt ihre Philosophie, kleinen und mittelständischen Unternehmen einen geeigneten, bezahlbaren Platz zu bieten. Zusammen mit der Industrie- und Handelskammer und der Handwerkskammer wurden im Laufe der Jahre neun Standorte gegründet. 64 000 Quadratmeter werden an insgesamt 260 Unternehmen aus den unterschiedlichsten Branchen vermietet. Die Stadt München ist fest davon überzeugt, dass es genau diese kleinen und mittelständischen Betriebe sind, die den Arbeitsmarkt "in hohem Maß stabilisieren". Auch die EU zeigte bereits Interesse an den Prinzipien und förderte das Projekt EUGEN, Europäisches Gewerbehof-Netzwerk, um die Münchner Erfahrungen europaweit umzusetzen.

 

Zurück im Atelier der Damenschneiderinnen. Auch wenn der Gewerbehof äußerlich nicht den Anschein erwecken würde, hat Johanna Leitner hier ein zweites Zuhause gefunden. Es gibt eine gemütliche Sitzecke und eine kleine Küche. Familiär ist die Arbeit auf jeden Fall, denn der Couchtisch im Atelier ist Handarbeit von Christoph Engelbrecht und den Reißverschluss an der Jacke des Tischlers hat Johanna Leitner angenäht. Eine urbane Symbiose.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.09.2022, Nr. 206, S. 26 - Jakob Stengel, Karolinen-Gymnasium, Rosenheim

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