Bulgarischer Reigen
Besuch in Losen, einem Dorf in der Nähe Sofias. Nach dem gleichnamigen Gebirge ist Losen benannt und das zweitgrößte Dorf Bulgariens. Sechstausend Menschen leben hier. Angestrengt arbeiten die Bauern in den Gärten und auf dem Feld. Nach der Arbeit kommen die Menschen auf dem Platz im Zentrum zusammen, jeder fasst eine Hand, und ein Kreis formt sich. Jemand spielt die Gaida, ein Blasinstrument, dessen Klang kilometerweit zu erkennen ist, Gesang ertönt. Mit flinken Schritten bewegen sich alle. Solche Bilder sind für die Vergangenheit Bulgariens etwas Gewöhnliches. Heutzutage sammeln sich Leute besonders in den Städten selten, um zusammen zu tanzen. Doch alle Bulgaren kennen die Folkloretänze und ihre Geschichte, sie waren nicht nur eine Kunstform, sondern ein wichtiger Teil des Lebens. Sowohl auf Festen als auch nach der Feldarbeit versammelte das Horo, so heißt der Reigen, alle auf dem Platz. Jede Region hat ihre Besonderheiten in den Traditionen, der Musik und den Tänzen. Im Rhodopengebirge sind die Tänze langsamer und ruhiger. Auf dem Schopischen Gebiet, wo Sofia und Losen liegen, ist der Tanz schnell und temperamentvoll. Viele Unterschiede gibt es, etwas ist aber allen Folkloregebieten gemein - das Horo hatte eine sakrale Rolle. Wie sieht das Horo heutzutage aus? Ist es etwas, was den Jugendlichen gefällt, oder ist es eine Sache aus der Vergangenheit?
Pavel Videnov ist 16 Jahre alt. Obwohl er nur ein Amateur ist, zeigt der Schüler, wie interessant der Tanz sein kann. "Immer wenn ich auf einer Hochzeit bin, tanzen die Menschen mindestens ein Horo. Diese Hochzeitstradition hat mich dazu angeregt, Horounterricht auszuprobieren", sagt Pavel. In Sofia gibt es Hunderte Tanzschulen und Ensembles. Selbst Kindergärten bieten Horounterricht an. ,,Ich kenne viele Menschen, die Horo tanzen, und das finde ich großartig. Und obwohl ich nicht immer genug Zeit zum Üben habe, würde ich gerne diese wunderschöne bulgarische Tradition besser kennenlernen."
Für Menschen wie Pavel ist das Horo ein Hobby, für andere ein Beruf. Die 20 Jahre alte Mihaela Antonova studiert an der Akademie für Musik, Tanz und schöne Künste in Plovdiv. "Seit meinem dritten Lebensjahr tanze ich", sagt die schlanke, braunäugige Studentin. "Eines Tages habe ich mit meiner Cousine gespielt, und sie hat begonnen, die Radiosender zu wechseln. Die aus dem Radio kommende Musik ist vielfältig gewesen. Trotz der unterschiedlichen Musikgenres habe ich immer ausgelassen getanzt. Meine Eltern haben sich in diesem Augenblick dafür entschieden, mich an einer Schule für Folkloretänze einzuschreiben." Mit dem Folkloreensemble Zdravets habe sie viele Preise erhalten.
Nach der siebten Klasse ging sie an die Nationalschule für Tanzkunst in Sofia, wo sie acht Stunden am Tag bulgarische und andere Tänze lernte. Mehr als fünfzig Tänze umfasst das Repertoire, und jeden muss sie perfekt beherrschen. ,,Fast meinen ganzen Tag habe ich dem Tanz gewidmet, weshalb die Freizeit so gut wie wegfiel. All die Mühe hat sich gelohnt. Jetzt tanze ich auch für das Tanzensemble Nevrokopski mit einer der beliebtesten Sängerinnen Bulgariens, Nikolina Tschakardakova."
Die Magie des Horo lässt sie nicht los. "Traditionen wie der Tanz auf glühender Kohle eines niedergebrannten Lagerfeuers mit der Ikone des heiligen Konstantin und der heiligen Elena, dessen Tänzer Nestinari genannt werden, und das Männerhoro in dem eiskalten Wasser des Flusses Tundscha sind für mich wichtig. Das Horo ist mehr als eine Tradition. Das Horo vereint uns, gleichgültig, ob wir auf dem Feld, auf einer Hochzeit oder bei einem Protest sind. Deshalb ist das Horo etwas, was wir immer brauchen werden."