Falsche Rolex, Leierkästen, Bierkrüge und Cityroller - im Hamburger Leihhaus landen die skurrilsten Pfänder.
Hinter einer schusssicheren Scheibe aus Panzerglas in der Barmbeker Filiale empfängt eine junge Angestellte einen Mann in weißem Hemd und Sneakern; bei sich trägt er seine Rolex "Datejust" und einen Montblanc-Füller. Beides möchte er beleihen lassen, also legt er sie in die Ablage, um sie auf die andere Seite zu schleusen. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Kreditgeschäft nutzen Leihhäuser Wertgegenstände als Sicherheit, wodurch Kunden nicht mit ihrem Privatvermögen, sondern ausschließlich mit ihrem Pfand haften. 1932 wurde das Unternehmen "Grüne's Leihhäuser" von Hermann Grüne gegründet. Während Leihhäuser zu dieser Zeit keinen guten Ruf genossen und versuchten, ihre Filialen dem öffentlichen Auge zu verbergen, wollte Grüne dem Pfandleihgeschäft einen Imagewechsel verpassen. Somit scheute er nicht vor Werbung und entschied sich bei der ersten Filiale an der Michaelisbrücke in Hamburg für auffällige Leuchtreklamen. Darüber hinaus lehnte Grüne im Gegensatz zu anderen Leihhäusern die Kopplung des Pfandleihgeschäfts an ein An- und Verkauf-Geschäft ab. Heute hat Grüne's Leihhäuser 21 Filialen in Deutschland und ist das größte Pfandkreditinstitut.
Während die Mitarbeiterin die Rolex auf ihre Echtheit untersucht, indem sie die Schriftzüge, das Gehäuse und die Gravuren überprüft, wartet der Kunde auf der anderen Seite der Scheibe. Dank ihrer Erfahrungen aus ihrem alten Beruf kennt sie sich mit Uhren aus. Viele Mitarbeiter bei Grüne's Leihhäuser haben bereits vorher mit Schmuck oder Technik zu tun gehabt, sodass sie den Wert der Pfänder gut einschätzen können.
Nicht selten hätten sie mit Fälschungen zu tun, berichtet Berit Schröder-Maas, Prokuristin bei Grüne's Leihhäuser. Um Falschgold zu enttarnen, nutzen die Angestellten entweder die Goldwaage oder den Dichtetest. Bei Letzterem wird das Testobjekt in Wasser getaucht und das verdrängte Wasservolumen gemessen. Anschließend setzt man dieses ins Verhältnis zum Gewicht, um die Dichte zu ermitteln. Weicht dieser Wert zu stark von der gewöhnlichen Dichte des Golds ab, handelt es sich um Falschgold. Wird eine Fälschung enttarnt, versuchen die Mitarbeiter, diese Kunden mit Gerede und Formalien hinzuhalten. Wenn es funktioniert, werden sie von der Polizei festgenommen.
Nach kurzer Überprüfung wird der Kunde in einen kleinen Raum gebeten, der erneut durch eine schusssichere Scheibe in zwei Hälften getrennt ist. Dort klärt sie ihn über die Konditionen auf: Das Pfand wird mit einem dem Pfandwert entsprechenden Kredit bei monatlichen Zinsen von 1 Prozent sowie weiteren für den Geschäftsbetrieb angefallenen Kosten beliehen. Der Freiberufler braucht das Geld, um eine schlechte Zeit zu überbrücken. Die Mindesthöhe für Darlehen bei Grüne's Leihhäuser beträgt 5 Euro.
"Jeder", antwortet die Prokuristin mit einem herzhaften Lachen auf die Frage nach der Zielgruppe. Sie ist ausgebildete Juristin und arbeitet schon seit über 20 Jahren bei Grüne's Leihhäuser. Wobei sie nach kurzer Pause zugibt, dass ganz Arme normalerweise keine Wertgegenstände besäßen und ganz Reiche keinen Bedarf hätten. Manche nehmen morgens einen Kredit auf und zahlen diesen abends wieder zurück. Sie leihen sich Geld, um damit in die Spielothek zu gehen, und je nachdem, ob sie gewinnen oder nicht, holen sie ihr Pfand am selben Abend ab oder eben nicht, vermutet Frau Schröder-Maas.
Währenddessen wurde dem jungen Herrn sein Pfandschein ausgestellt, und seine Pfänder werden ins Lager gebracht. Seine Rolex wird im vorderen Teil des Lagers in dem menschengroßen Tresor untergebracht, in dem von Tiffany-Ketten bis Trauringen allerart Schmuck in kleinen braunen Papiertüten aufbewahrt wird.
Im Mittelteil des Lagers reiht sich Regal an Regal. Von Musikinstrumenten über eine Auswahl an elektronischen Geräten wie Spielekonsolen und Handys bis zu professionellem Werkzeug und alten Broschen findet sich hier alles. Elektronische Geräte seien schwierig zu bemessen, da die Wertentwicklung meist negativ verlaufe, erklärt Schröder-Maas. Im hinteren Teil des Lagers werden Cityroller und Fahrräder, auch Kinderräder mit Stützrädern, gelagert.
Manche Kunden nutzen die Filialen, um Sachgegenstände zwischenzulagern. So lassen sie ihre Fahrräder im Winter beleihen, um sie im Sommer wieder abzuholen. Dasselbe geschehe im Sommer mit Pelzen. Besonders bemerkenswert sei der Fall, in dem ein amerikanischer Kühlschrank als Pfand abgegeben wurde, berichtet Schröder-Maas. Dabei kann sie sich angesichts des Transportaufwands das Schmunzeln nicht verkneifen. Darüber hinaus wurden auch unerwartet wertvolle Trachten, Bierkrüge und Leierkästen beliehen.
Wird eines dieser Pfänder trotz wiederholter Kontaktaufnahme nicht abgeholt, kommt es zur Auktion. So refinanzieren die Leihhäuser nicht zurückgezahlte Kredite. In etwa 95 Prozent der Fälle werden die Pfänder abgeholt. Das Risiko des Wertverfalls der Pfänder trägt Grüne's Leihhäuser. Und wenn bei einer Auktion ein höherer Preis als der auf dem Pfandschein bemessene Wert zuzüglich der Zinsen und angefallenen Kosten erwirtschaftet wird, sind Grüne's Leihhäuser verpflichtet, den Überschuss an den Verpfänder auszuzahlen. Wenn dieser den Überhang nicht beansprucht, muss das Leihhaus ihn an den Staat zahlen. Aus diesem Grund hätten Grüne's Leihhäuser laut Schröder-Maas kein Interesse daran, ein Pfand geringer als seinen eigentlichen Wert zu bemessen. Genauso wenig wollen sie, dass es versteigert werden muss.
Damit das Pfand zum Höchstgebot verkauft wird, werden die Auktionen von unabhängigen Auktionatoren durchgeführt und von der Gewerbeaufsicht kontrolliert. Aufgrund der Pandemie wurde diese jedoch ausgesetzt. Im Generellen sei das Geschäft durch Corona getroffen worden, sagt Schröder-Maas. Auch das Pfandleihgeschäft verhalte sich zyklisch, denn wenn wenig konsumiert wird, sei auch die Nachfrage nach Krediten niedrig.