Michael Keller aus Rosenheim hat auf der ganzen Welt Berge erklommen. Natürlich ist die Gefahr immer da, sagt er. Im Iran wurde er Opfer einer Lawine. Trotzdem wagte er einen zweiten Versuch.
Bergsteigen ist für viele nur ein gelegentliches Freizeitvergnügen, kann aber auch Leidenschaft sein. Zu diesen Menschen gehört der Rosenheimer Michael Keller. Der 79-Jährige liebt die Berge, und zwar nicht nur die bayerischen Alpen, die direkt vor seiner Tür liegen, sondern weltweit. Schon als kleiner Junge verbrachte er gemeinsam mit seiner Familie viel Zeit in den Bergen. "Die Faszination für die Berge ist seit einigen Generationen in meiner Familie verwurzelt. Mein Großvater war zum Beispiel um 1910 für mehrere Jahre Skilehrer am Spitzingsee bei Schliersee und hat meine Mutter oft mitgenommen. Sie hat die Faszination dann an meinen Bruder und mich weitergegeben", erzählt Michael Keller auf der Terrasse seines Hauses in Stephanskirchen bei Rosenheim. Von dort aus hat man einen tollen Ausblick auf das Panorama des malerischen bayerischen Voralpenlandes. Im Vordergrund sieht man Wendelstein, Heuberg und Hochries. Im Hintergrund kann man bei gutem Wetter sogar bis in die Hohen Tauern schauen.
Bis vor 14 Jahren arbeitete er als Zahnarzt in seiner eigenen Praxis und erkundete am Wochenende die Berge. Zu dieser Zeit war der Bergsport Ausgleich zum Beruf. Seit er im Ruhestand ist, findet man ihn dort deutlich öfter. Manchmal mit seiner Frau und manchmal mit einer Gruppe Bergsteiger, die sich mindestens wöchentlich trifft. Auch seine zwei Enkel kann er ab und zu motivieren mitzukommen, in der Regel aber nur zum Skifahren. "Die meisten meiner Touren mache ich direkt bei mir in der Nähe, also in den bayerischen und österreichischen Alpen. Für mehrtägige Touren nehme ich gerne auch mal längere Anreisen in Kauf, um zum Beispiel in die Schweiz, nach Italien oder nach Frankreich zu kommen", berichtet der eher zierliche Mann, der schlichte, bergtaugliche Kleidung trägt. Diese Länder sind von seinem Heimatort Rosenheim innerhalb von ein paar Stunden mit dem Auto gut zu erreichen. Aber auch weiter entfernte Länder in Europa wie zum Beispiel Norwegen, Island, Spanien, Griechenland und Montenegro hat er bereits von den Gipfeln aus betrachten können. Die meisten davon sind für ihre Berge bekannt. Weitaus ungewöhnlicher klingt es, dass der gebürtige Rosenheimer auf der griechischen Insel Kreta zum Skitourengehen war. Keller hat nahezu überall auf der Welt Berge erklommen. "Einer der faszinierendsten Orte für mich war Tibet, weil dort eine ganz andere religiöse und kulturelle Welt herrscht. Der heiligste Berg dort war zu der Zeit, als ich dort war, noch sehr abgelegen, aber wir wollten trotzdem hin. Diese Wanderung war sehr anstrengend, weil es auf über 4000 Höhenmeter ging und wir die Strecke zügig absolviert haben. Für die Tibeter ist es eine der wichtigsten religiösen Pflichten, den Berg Kailasch zu umrunden."
Auch in Marokko, Nepal, Peru, Namibia, Tansania und Südafrika hat er schon Berge bestiegen. Überall gibt es große Gefahren im Bergsport durch Steinschlag, Lawinen oder Abstürze, die oft auch in den Medien diskutiert werden. "Natürlich ist die Gefahr immer da, dass irgendwas passiert, aber solang man sich dessen bewusst ist und mit genügend Respekt und Vorsicht an die Sache rangeht, kann man das Risiko verringern. Mir ging es noch nie darum, die Gefahr auszureizen, sondern eher um die Natur und die Begegnung mit den Menschen", sagt der Mediziner. Trotz aller Vorsicht hat Keller diese Gefahr schon mehrfach am eigenen Leibe erfahren. Unter anderem, als er am Damavand, dem höchsten Berg des Irans, am 15. Mai 2013 im Aufstieg von einer Lawine mitgerissen wurde. An diesem Tag war er mit acht weiteren Personen unterwegs und die Schneeverhältnisse waren fast vergleichbar mit Pistenbedingungen. Die Gruppe teilte sich allerdings aufgrund von Leistungsunterschieden. Die drei Schnellsten waren schon fast am Gipfel, als einer von ihnen ein etwa 50 Zentimeter hohes Schneebrett lostrat. "Ich habe in dem Moment grade zufällig nach oben geschaut und gesehen, dass sie eine Lawine ausgelöst haben. Ich habe dann auch noch versucht, mich in Sicherheit zu bringen, bin aber gestolpert und habe es deswegen nicht rechtzeitig weg geschafft", berichtet Michael Keller. "Die Lawine war schneller als erwartet und hat mich dann mitgerissen. An die Momente in der Lawine kann ich mich nicht mehr erinnern. Zum Glück ist sie nach kurzer Zeit langsamer geworden und zum Stillstand gekommen. Ich habe dann recht schnell festgestellt, dass von meiner Ausrüstung noch alles da ist, ich aber meinen Arm nicht bewegen kann und Schmerzen an Schulter, Rücken und Oberschenkel habe. Die Lawine hatte mich etwa 150 Meter weit mit nach unten gerissen", erzählt er weiter. Glücklicherweise hatte die Lawine aufgrund der guten Verhältnisse nicht an Masse, sondern nur an Geschwindigkeit zugenommen. Deshalb war er nicht verschüttet worden und konnte mithilfe eines Kollegen, der sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht hatte, wieder aufstehen. Vier weitere Mitglieder der Gruppe wurden ebenfalls mitgerissen. Drei von ihnen blieben unverletzt. Am schlimmsten traf es den Teilnehmer der Tour, der als Letzter ging. Dieser wurde mit so enormer Wucht von der Lawine mitgerissen, dass er einen Schädelbruch erlitt. Es wurde ein Notruf abgesetzt und ein Rettungshubschrauber angefordert. Da es im Iran aber keine Hubschrauber mit Seilwinde zur Bergung Verunglückter in den Bergen gibt, musste die Gruppe zu dem Camp, von dem aus die Tour gestartet war, zurückkehren. Das war nicht so einfach. Manche mussten zu Fuß gehen, da ihre Ski nicht mehr auffindbar waren. Der Schwerstverletzte wurde von den anderen auf einer Rettungsdecke gezogen. Am Camp konnte der Hubschrauber landen und die Verletzten aufnehmen. Kurz darauf wurden Michael Keller und der Teilnehmer mit der Schädelverletzung von einem Helikopter ins Krankenhaus von Teheran geflogen. Dort wurde festgestellt, dass Michael Keller eine schwere Schulterverletzung und einige Prellungen erlitten hatte. "Immerhin kann ich jetzt sagen, dass ich im Iran mit dem Heli geflogen bin. Am nächsten Tag bin ich wieder aus dem Krankenhaus raus und hab mit meiner Gruppe die Reise fortgesetzt, weil eh nur noch touristische Sachen geplant waren", berichtet Michael Keller scherzhaft von seinem Unfall. Sein Kollege mit dem Schädelbasisbruch musste allerdings im Krankenhaus bleiben. Als Michael Keller dann wieder in Deutschland war, wurde die gebrochene Schulter operiert. Diese Erfahrung hielt ihn nicht davon ab, den Damavand im darauffolgenden Jahr noch einmal zu besteigen. Dieser Versuch glückte bei besten Verhältnissen. "Ich hatte den Berg ja nicht ganz bestiegen, und das wollte ich nicht so auf mir sitzen lassen", begründet der leidenschaftliche Bergsportler seinen zweiten Versuch.