Von Hürde zu Hürde

Als würde ein fremdes Kind adoptiert: Eine Regenbogenfamilie über den langen Weg zum privaten Glück

 

Der Himmel ist grau, ein fieser Nieselregen hängt in der Luft. "Es verstößt eigentlich gegen das Antidiskriminierungsgesetz", meint Friederike Schneider (Name geändert). Die Stimme der 34-jährigen Mutter klingt rau am Telefon. Die Rede ist von der erschwerten Elternschaft für gleichgeschlechtliche Paare. Während sich die deutsche Gesellschaft schon zu einer toleranten und bunten in puncto Liebe, Geschlecht und Familienform entwickelt hat, spüren gerade queere Paare mit Kinderwunsch die verbleibenden Ungerechtigkeiten. Friederike und ihre Frau haben sich ganz klassisch auf der Arbeit kennengelernt. Vor vier Jahren hat es dann gefunkt. Seit Oktober 2018 sind die beiden Berufssoldatinnen glücklich miteinander verheiratet. Bei der Bundeswehr sei das gar kein Problem, im Gegenteil, diese sei schon relativ weit und zeige Interesse. Nun vervollständigt der gemeinsame sechs Monate alte Sohn die Regenbogenfamilie.

 

Eine Regenbogenfamilie ist eine Familie, in der sich mindestens ein Elternteil als schwul, lesbisch, trans*, bi, inter* oder queer definiert, wie Lisa Haring, die Koordinatorin vom Projekt "Regenbogenfamilien in Brandenburg stärken" des Lesben- und Schwulenverbands Berlin-Brandenburg, berichtet. Die energiegeladene Sozialarbeiterin liebt diese Vielfalt an ihrem Job. "Ich reise durch ganz Brandenburg und biete Beratung an, alles rund um die queere Elternschaft, also zur Adoption, Samenspende, Stiefkindadoption, Pflegschaft und Mehrelternschaft." Sie veranstaltet Workshops für Fachkräfte und familienbezogene Einrichtungen und schafft Raum für den Austausch. Gefördert wird das Projekt vom Ministerium für Soziales, Gesundheit, Integration und Verbraucherschutz.

 

Für Friederike Schneider war schon immer klar, dass sie ein eigenes Kind haben wollte. Dafür nahm das lesbische Paar alle Herausforderungen auf sich. Der erste Schritt war die Entscheidung für die anonyme Methode einer Kinderwunschklinik mit Samenbank. Dort habe ein Vertrag abgeschlossen werden müssen, der gesetzlich vorgeschriebene Beratungsgespräche und Notarbesuche beinhaltete, wie sich die Mutter lebhaft erinnert. Da alle Kosten selbst getragen werden müssen, stellt insbesondere die Finanzierung eine nicht zu unterschätzende Hürde dar.

 

"Wenn sich ein lesbisches Paar an eine Kinderwunschklinik wendet, bekommt es keine finanzielle Unterstützung vom Staat, und die Behandlung kann schnell auf 700 bis 800 Euro pro Versuch kommen", bedauert Lisa Haring. Verheiratete heterosexuelle Paare hingegen bekommen Unterstützungen. Wie Schneider berichtet, würde die Bundeswehr für ein heterosexuelles Pärchen, das keine Kinder bekommen kann, drei künstliche Befruchtungen übernehmen. "Uns sagt man, Sie könnten eigentlich Kinder bekommen, Sie sind ja gesund, deswegen bezahlen wir das nicht." Die Klauseln im fünften Sozialgesetzbuch dazu treffen nicht auf eine gleichgeschlechtliche Ehe zu. Die Behandlung selbst sei belastend gewesen, und gleich nach der Geburt folgte dann auch die nächste große Hürde: die Adoption. "Das ist für uns natürlich ein kleiner Schlag ins Gesicht", seufzt sie und schildert den Berg an Briefen, Formularen und Anträgen vom Amtsgericht und Jugendamt. "Wir als gleichgeschlechtliches Ehepaar müssen, obwohl mein Sohn in unsere Ehe hineingeboren wurde, das gleiche Verfahren durchführen, als würden wir ein fremdes Kind adoptieren." Bei diesem Verfahren müsse sich ihre Frau sozusagen nackig machen, meint Friederike und lacht bitter auf. Rechtlich gesehen, sind homosexuelle Paare bei der Familiengründung nach wie vor nicht gleichgestellt. Bei einem verheirateten lesbischen Paar muss die Mutter, die das Kind nicht geboren hat, das gemeinsame Kind adoptieren. Laut Lisa Haring könne das Adoptionsverfahren ein Jahr oder länger dauern. In einer heterosexuellen Ehe jedoch ist der Ehemann der biologischen Mutter automatisch der Vater des Kindes. Beide Ehepartner sind rechtlich Eltern. Das gilt auch, wenn sicher ist, dass der biologische Vater nicht der Ehemann, sondern beispielsweise ein Liebhaber ist. In Deutschland gilt als Mutter nur, wer ein Kind zur Welt bringt oder es adoptiert. Aber als Vater gilt, wer Ehemann der Mutter ist, einen Vaterschaftstest geltend macht oder sich mit der Zustimmung der Mutter beim Amt als Vater meldet - und das auch ohne Überprüfung.

 

"Das ist einfach eine Ungleichbehandlung gegenüber heterosexuellen Paaren", sagt Lisa Haring. Schneider sieht es genauso. Will ihre Frau den Sohn von der Kita abholen, brauche diese dafür extra eine Vollmacht der rechtlichen Mutter und das so lange, bis das ganze Verfahren endlich abgeschlossen ist. "Das ist schon viel, viel Bürokratie um eine Sache, wo jeder Mensch sich fragt, wie so etwas sein kann", meint sie traurig. Doch gleich darauf ergänzt sie lächelnd, dass allgemein nach einer Geburt viele Behördengänge fällig seien und sie nicht gedacht hätte, wie anstrengend so ein Elterngeldantrag sei. "Da frage ich mich, wie schaffen das denn andere, diesen Antrag auszufüllen?", schmunzelt die Mutter, die nebenbei ein Adoptionsverfahren zu stemmen hat.

 

2017 wurde in Deutschland die "Ehe für alle" eingeführt, die Vielfalt schaffen und Diskriminierung abschaffen sollte. Allerdings ist die "Ehe für alle" noch längst nicht für alle gleich. Das Abstammungsrecht wurde nicht angepasst, was Betroffene schmerzt. Um das zu ändern, sollten nach Haring die Begriffe Mutter und Vater durch das geschlechtsneutrale "Elternteil" ersetzt werden und für Ehen, egal welches Geschlecht die Partner haben, die gleichen Regeln gelten. Das würde bedeuten, dass, wenn ein Kind in eine Ehe geboren wird, die Ehepartner auch Eltern sind.

 

Der Regen hat aufgehört. Es bleibt grau. "Warum muss man ein so aufwendiges Verfahren machen, bei einem Kind, was zwei liebende Mütter bekommen?", fragt Schneider nachdenklich, "wir haben uns dieses Kind zusammen gewünscht, es ist in unsere Ehe hineingeboren worden. Da fühlt man sich schon benachteiligt." Es herrscht einen Moment Stille in der Leitung. Sie seien aber guter Dinge, meint sie dann. Das Paar hat alle Unterlagen zusammen, die nächste Phase der Adoption steht an. Von ihrem Umfeld werden sie gut unterstützt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.04.2022, Nr. 90, S. 30 - Melina Wolter, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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