Weinen auf der Bühne reinigt

Schauspielerin Boglárka Horváth ist aus Rumänien geflohen und verarbeitet vieles aus ihrer Kindheit mit ihren Rollen.

 

Schauspielerin zu werden", sagt Bogi Horváth strahlend, "war die beste Entscheidung meines Lebens." Schon als kleines Mädchen schnupperte sie oft Theaterluft. Sie und ihre zwei Jahre ältere Schwester verbrachten viel Zeit in den Garderoben und den Zuschauerräumen, denn ihr Vater und ihre Mutter waren beide Mitglieder einer Schauspielgruppe, nicht beruflich, aber engagiert. Für ihre Tochter war schon immer klar, dass sie später Schauspielerin werden wollte.

 

Die 39-jährige Boglárka Horváth, schlank, dunkle, mittellange Haare, eine Strickjacke locker um die Schultern geschlungen, erzählt lächelnd, dass sie jetzt seit etwa 14 Jahren in St. Gallen lebt, seit sie als Schauspielerin dort am Stadttheater engagiert wurde. Sie genießt ihr Leben mit ihrer Familie. Mit ihren Kindern Tosch und Tulipan, beides ungarische Namen, sie sind zehn und sechs Jahre alt, wohnt sie in einer Vierzimmerwohnung. Ihr neuer Partner wohnt ein Stockwerk höher mit seinen eigenen zwei Kindern. Sie meldet sich online. Pünktlich um 21 Uhr ist auf dem Bildschirm ihr gemütliches Wohnzimmer zu sehen. Lässig sitzt die Schauspielerin auf einem Stuhl und beginnt zu erzählen.

 

"Mit 16 Jahren habe ich 14 Umzüge gezählt." Ihre Kindheit und Jugend sind geprägt von ständigem Umziehen. 1990, als sie sieben Jahre alt war, war die politische Lage in Siebenbürgen, Rumänien, unsicher. Ihre Mutter beschloss, mit Bogi und ihrer Schwester nach Österreich zu fliehen. Ihre Mutter wollte schon lange weg von Rumänien. Sie hatte sich vorgestellt, dass es besser wäre, in einem anderen Land zu leben, um ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Der Vater plante, später nachzukommen. Er wollte zuerst das Haus verkaufen. Aber er machte sich nie auf den Weg und lernte in Rumänien eine andere Frau kennen, die er kurz danach geheiratet hat. "Heute glaube ich, dass er Angst hatte, in einem fremden Land Fuß zu fassen." Die Familie überlegte, zurück nach Hause zu fahren, entschied sich aber dagegen. Zu groß war die Hoffnung auf ein neues, besseres Leben.

 

Zunächst wurden sie in einem Flüchtlingslager in Traiskirchen in Niederösterreich untergebracht. Die Zeit im Flüchtlingslager war für Bogi Horváth beängstigend: "Es war eine völlig andere Welt; eine Sprache, die ich nicht sprach, mein Vater, der nicht da war." Doch sie und ihre Schwester waren neugierig und konnten sich schnell anpassen. Sie erlernten schnell die deutsche Sprache und durften die Deutschklassen besuchen. Bereits nach vier Monaten fand sich Bogi schon so gut mit der deutschen Sprache zurecht, dass sie in eine normale Klasse wechseln durfte. "Dort fühlte ich mich wie hinter einer gläsernen Wand. Ich sah und hörte alles, doch alles schien noch so weit weg." Nach der Schule hat sie erstmals "was Gscheites gelernt", obwohl sie wusste, dass sie Schauspielerin werden wollte. "Ich konnte nicht weiter zusehen, wie sich meine Mutter abrackert, um genügend Geld zu haben." Also hat sie eine Lehre zur Speditionskauffrau gemacht und direkt nach der Lehre ein Schauspielstudium in Budapest absolviert. "Es ist wichtig, seinem inneren Ruf Raum zu geben, dann passiert der Rest wie von selbst."

 

Später absolvierte Bogi auch noch ein Schauspielstudium in Wien. Die Aufnahmeprüfung hat sie allerdings nicht direkt beim ersten Versuch bestanden. Sie und ihr damaliger Freund entschieden sich, für sieben Monate auf einer Insel in Thailand zu leben, nachdem sie in Malaysia und London gewesen waren. Beim zweiten Versuch hat es dann geklappt. "Yes, go for it!", sagte sie sich. Der Schauspieldirektor des Stadttheaters St. Gallen engagierte sie, und sie erhielt eine Hauptrolle nach der anderen. Nach wie vor sind ihre Lieblingsrollen Rollen mit viel Gefühl und Drama und reifere Frauenrollen wie Hedda Gabler, Anna Karenina oder Genia in "Das weite Land".

 

Mit 25 Jahren hatte Bogi ihre erste eigene Wohnung in St. Gallen, sie blühte in ihrem Beruf richtig auf. Mittlerweile ist sie nicht mehr Teil der Schauspielgruppe am Stadttheater St. Gallen, sie studiert nun Dramatherapie und arbeitet in Produktionen der freien Szene. Die freie Szene besteht aus kleinen Ensembles und ist ständig auf der Suche nach neuen Arbeits- und Darstellungsformen. Das sei wichtig für die Weiterentwicklung des Theaters. Sie erklärt auf ihrer Website: "Dramatherapie als eine Form der Kunsttherapie nutzt das Spiel und die Imagination, um Themen aus der Distanz heraus zu erfahren und gegebenenfalls zu verändern. Im schöpferischen Prozess werden Erfahrungen generiert und in den Alltag übersetzt." Sie bietet auch Schauspielworkshops an. Es scheint, als junges Mädchen wäre Bogi selbst froh darum gewesen, das Angebot Dramatherapie nutzen zu können. Heute arbeitet sie zum Beispiel in Jugendheimen, da sie in diesem Bereich selbst Erfahrungen gesammelt hat.

 

Im frühen Teenageralter, in Österreich, fing es an, schwierig zu werden. Sie und ihre Mutter hatten viel Streit, ihre Mutter war überfordert, sie war allein und hatte für zwei Kinder Verantwortung, der Mann und Vater war nicht da, und sie musste von irgendwo Geld auftreiben. Das wurde auch nicht besser, als Bogis Onkel, der Bruder ihrer Mutter, zu ihnen zog. Es kam zu körperlicher Gewalt, und schließlich, berichtet Bogi mit brüchiger Stimme, entschieden sie und ihre Schwester, sie waren damals fast fünfzehn und sechzehn Jahre alt, in ein Mädchenwohnheim zu gehen. "Es war vielleicht nicht das Richtige, aber wir konnten einfach nicht anders." Sie hielten es zu Hause nicht mehr aus.

 

Nach etwa neun Monaten hatte sich Bogi mit ihrer Mutter wieder versöhnt, und so wollte sie wieder zu ihr zurück. Jedoch ohne ihre Schwester, diese wollte nie wieder zurückkommen und hat ihren Weg allein bestritten. "Meine Schwester und ich haben uns voneinander distanziert, und sie wollte ein Jahr lang nicht mehr mit mir reden." Schmerzlich erinnert sich Bogi daran zurück, wie verletzend das war. Auch für ihre Mutter, für die es eine Vision war, ihren Töchtern etwas Besseres zu bieten, und die dann von ihnen verlassen wurde.

 

Ihren Vater hat sie während insgesamt vier Jahren kein einziges Mal gesehen. Hie und da gab es Briefwechsel zwischen ihrer Mutter und ihrem Vater, das Geschriebene war voller Vorwürfe. Mit zwölf Jahren, als sie schließlich die österreichische Staatsbürgerschaft erhielten, war es möglich zu reisen und den Vater wiederzusehen. "Es war eine ganz intensive Begegnung", erinnert sie sich. Sie und ihre Schwester warteten an der Bushaltestelle auf ihn, entdeckten ihn sofort und riefen seinen Namen. Er drehte sich um und lief dann weiter. Er hat seine eigenen Töchter nicht erkannt. Erst nach dem zweiten Rufen begriff er, wer da mit erwartungsvoller Miene nach ihm rief. "Ich habe mal in der Schule einen Aufsatz darüber geschrieben und musste den dann auch der Klasse vorlesen. Da haben alle geheult."

 

Vieles aus ihrer Vergangenheit kann Bogi durch das Schauspiel verarbeiten. "Weinen auf der Bühne ist für mich eine Reinigung. Ich glaube, dass Theater heilend sein kann. Durch die Beschäftigung mit einer Rolle erfahre ich sehr viel über mich." Auf die Frage, wie sie sich auf einen Auftritt vorbereitet, antwortet sie: "Beim Schauspielen lasse ich mich einfach voll und ganz auf die Situation ein, alles andere wird unwichtig." Im Hier und Jetzt zu leben, den Moment zu genießen, darauf sei vielleicht mehr Wert zu legen.

 


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.06.2022, Nr. 146, S. 26 - Noëmi Weber, Kantonsschule Trogen

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