Wer floh, verbrannte

Ein Ehepaar über Portugals Tragödie

 

Sie sahen aus wie Feuerkugeln, die über unser Haus flogen." Edviges Carvalho und ihr Mann, beide stammen aus Pedrogão, sind nur zwei der Opfer des großen Brandes von Pedrogão Grande 2017. Der Brand war die größte Tragödie der vergangenen Jahrzehnte in Portugal. Eine Tragödie, die 66 Menschen das Leben kostete, 250 Verletzte und Hunderte von Obdachlosen hinterließ und mehr als 500 Häuser zerstörte. All dies geschah innerhalb einer Woche. 53 000 Hektar wurden verbrannt, das sind 81 Prozent der bewaldeten Fläche von Pedrogão Grande. Die Spuren des Brandes sind zu sehen: Die Wälder haben sich noch nicht vollständig erholt, an den Stämmen vieler Bäume sind die schwarzen Spuren des Brandes zu erkennen. Es war notwendig, Lagerstätten für das verbrannte Holz zu schaffen. Wenn man auf der IC8 von Coimbra nach Osten fährt, findet man viele Stellen, wo verbranntes Holz gestapelt ist. Auf einer der Seiten dieser Schnellstraße, die von der Küste ins Landesinnere führt, haben Edviges und ihr Mann ihr kleines gelbes Haus mit einem großen Garten dahinter, in dem sie Gemüse und Obst anbauen. Daneben gibt es nur noch eine Grundschule, die jetzt als Sitz des Vereins zur Unterstützung der Brandopfer dient, und einige verstreute Häuser. Auf der anderen Seite der IC8 gab es kilometerlange Wälder, "die am 17. Juni 2017 zu Toren der Hölle wurden", sagt Edviges.

 

"Auf der anderen Seite der Autobahn brannte alles, die Bäume, die abbrachen, verursachten laute Feuerexplosionen, als sie auf dem Boden aufschlugen." Das Ehepaar erzählt von den Tagen, in denen sie ohne jegliche Hoffnung auf ein Überleben versuchten, ihr Haus und ihre Sachen zu retten. "Wir dachten, wir wären sicher hier, da die Autobahn uns vom Feuer trennte, aber plötzlich änderte sich alles, die Feuerbälle, die von den umstürzenden Bäumen verursacht wurden, flogen in unsere Richtung und kamen kurz vor unserem Haus zum Stehen, das Feuer umgab schließlich unser Haus", erinnert sich Edviges. Sie hatte nur noch Zeit, schnell zu ihrer Nachbarin zu laufen, um sie zu warnen, denn sie wusste, dass die Nachbarin schlief, weil sie an dem Tag Nachtdienst hatte.

 

Der Brand von Pedrogão wurde nicht nur durch seine Zerstörung zu einer Katastrophe, sondern auch durch das Versagen des portugiesischen Waldbrand-Notfall- und -Reaktionssystems SIRESP. Viele starben, weil keine Hilfe kam. Dies ging so weit, dass der Feuerwehrkommandant von Pedrogão Grande angeklagt wurde und nun vor Gericht steht. Ihm wird vorgeworfen, seine Ressourcen während des Brandes schlecht verwaltet zu haben. Edviges versuchte, die Feuerwehr zu rufen, weil alles um sie herum brannte. "Wir riefen die 112 an, aber es kam niemand. Ich konnte die Fahrzeuge der Feuerwehr sehen, die vor uns auf der Autobahn vorbeifuhren, aber sie hielten nicht an." Das Haus der Nachbarin wurde völlig zerstört, die Frau konnte noch rechtzeitig von einem Sohn abgeholt werden. Edviges und ihr Mann blieben und hatten glücklicherweise immer genug Wasser, um den Garten um das Haus feucht zu halten. Am Ende des Tages konnte Edviges kaum ihre Augen öffnen, sie erlitt schwere Verbrennungen an den Augen und musste ins Krankenhaus. Da ihr Auto teilweise wegen der Hitze geschmolzen war, mussten sie einen Krankenwagen rufen. "Wir haben am 17. um 19 Uhr die zuständige Stelle angerufen, der Krankenwagen kam erst am nächsten Morgen um 9 Uhr." Zwei Jahre lang wurde sie wegen ihrer Verletzungen in Coimbra behandelt.

 

Der Nachbarin wurde ein neues Haus gebaut, Geldspenden kamen aus ganz Portugal und Frankreich, wo viele Portugiesen wohnen. Das Ehepaar ist froh, dass sie nicht versucht haben zu fliehen, denn alle ihre Bekannten, die es versucht haben, sind verbrannt. Darunter auch eine Großmutter, die mit ihrer sechsjährigen Enkelin im Auto floh. Allein auf der Straße N-236, jetzt auch "Estrada da Morte", Straße des Todes, genannt, zwischen Castanheira de Pêra und Figueiró dos Vinhos kamen 47 Menschen ums Leben.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.2022, Nr. 194, S. 26 - Vasco Mendonça, Deutsche Schule zu Porto

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