Winzige Spiralen

Serafim Oliveira ist Goldschmied in Gondomar

 

Ich und studieren? Nein, ich werde doch Goldschmied!", antwortete ein damals 10-jähriger Junge dem Lehrer auf die Aufforderung, seine Schulbildung fortzusetzen. Serafim Oliveira ist in Gondomar, der Hauptstadt des Schmucks in Portugal, aufgewachsen. Die Familie hat in den Portweinkellereien von "Vinho do Porto" gearbeitet. Serafim hat oft mit Freunden bei einem Filigranhersteller, dem Filigraneiro, zu Hause gespielt. Da ist ihm die glänzende Welt des Goldschmucks begegnet. Mit so gut wie keiner Kenntnis über diese Kunst wurde er dann gegen den Willen seines Vaters Goldschmied.

 

Er erinnert sich an seine Jugend mit dem typisch portugiesischen Sehnsuchtsgefühl, der Saudade. Sie beherrscht ihn beim Erzählen. Bereits 1941, mit 11 Jahren, habe die siebzig Jahre lange Berufslaufbahn in der Werkstatt eines Bekannten in Porto begonnen. Die zehn Kilometer lange Strecke von Gondomar nach Porto legt er zu Fuß täglich zweimal zurück. "Es war ein fantastischer Primitivismus", sagt der 91-Jährige. Als Juwelierlehrling habe er viel gelernt. Werkzeuge, Materialen, eine ganze Fachterminologie zählt er freudig auf. Fleißig habe er zugeschaut und probiert. Mit 13 Jahren gestaltete er zum ersten Mal für sich selbst einen Ring, in dem er einen Rubin einarbeitete. Der Lieferant des Rubins war so begeistert, dass er das Juwel nicht in Rechnung stellte. "Die Leute mochten mich sehr, weil ich ein geschickter Kerl war", sagt er. Die Namen der damaligen Mitarbeiter erwähnt er immer mal wieder, samt der derzeitigen Adressen und auffallender Charaktereigenschaften.

 

Zehn Jahre später, als sein Meister nach Brasilien ging, übernahm er das Geschäft und verlegte die Werkstatt nach Gondomar. Dort hat sich die Goldschmuckindustrie besonders entwickelt. Immer mehr Familien lernten die Kunst und arbeiteten zusammen, wie auch Familie Oliveira. In kürzester Zeit entsteht ein stabiler Familienbetrieb. Die Arbeit war umfangreich, das Material extrem billig im Vergleich zu heute. Geschwister, Onkel und Neffen kreieren viele Stücke. Eine der beliebten Aufträge sei der sogenannte Anel de curso gewesen, ein Ring, der den Akademikern beim Abschluss der Uni geschenkt wird und dessen Edelstein farblich den jeweiligen Studien entspricht. Die typischen Kleidungsstücke, die beim Abschluss getragen werden, enthalten traditionell einen Streifen in dieser Farbe, was als Kennzeichnung des Fachbereiches gilt. Für Jura nimmt man rot, für Medizin gelb und für Sprachstudien dunkelblau. Serafims wertvollstes Werkstück wird eine Goldkrone, die von einer Kirche bei Porto für eine Gottesmutterfigur in Auftrag gegeben wurde. Einige Wochen habe die Gemeinschaft daran gearbeitet. Der Preis sei bedeutend gewesen. Obwohl das Kleinunternehmen Serafims diese Kunst nicht beherrscht, gilt Gondomar als großer Vertreter des typisch portugiesischen Verfahrens, der Kunst der Filigrane. Das Wort "filigrana" stammt aus dem lateinischen filum, Draht, und granum, Korn. Sie wurde bereits in griechischer und römischer Zeit ausgeübt und später in Portugal mit eigenen Techniken weiterentwickelt. Die Zentren sind die Gemeinde von Gondomar und Póvoa de Lanhoso im Norden. Auch die Schwestern von Serafim haben da eine Arbeitsstelle gefunden, für die wesentlichste Aufgabe in der Schmuckherstellung waren die Frauen, die Enchedeiras, zuständig.

 

Joaquim Louceiro, ein guter Freund Serafims, zählt zu den alten Werkstätten, die heute noch im Betrieb sind. Das nun in dritter Generation bestehende Kleinunternehmen, arbeitet mit 19 Angestellten. Von außen kann die Werkstatt mit einem Wohnhaus verwechselt werden. Drinnen stehen Holztische nebeneinander in Reihe, in den Zwischenräumen sind große Maschinen aus Metall zu sehen, obwohl die Arbeit zum Großteil Handarbeit ist. Zunächst muss das Gold oder das Silber geschmolzen und zu dünnen Drähten geformt werden. Die minimal erreichte Dichte ist ungefähr 0,2 Millimeter. Als Nächstes werden zwei Drähte ineinandergewickelt, die dann zwischen zwei Zylindern zusammengedrückt werden. Das erhöht die Biegsamkeit des Materials. Nachdem die Umrisslinie des Stücks festgelegt ist, wird die Technik der Filigranarbeit von der Enchedeira, Auffüllerin, angewendet. Ihr Tisch ist gut ausgeleuchtet. Die Frau trägt eine dicke Brille, denn diese Aufgabe erfordert zusätzlich zur Geduld ein exaktes Sehvermögen. Das Ende des zuvor hergestellten Drahtes wird nun mit Hilfe einer Eisenpinzette in winzige Spiralen gebogen und anschließend abgeschnitten, bis das Skelett komplett gefüllt ist. Es unterscheiden sich die besonderen Muster der Rollen, wie Escama, Schuppen, und Cartão, Pappe, die, dem Design entsprechend, ausgewählt werden.

 

Zurzeit wird an einem typischen Coração de Viana gearbeitet. Das Stück besteht aus mehreren filigranen Schichten, die jeweils in zweieinhalb Stunden ausgefüllt sind. Als Endprodukt ähnelt es einem Herzen. Heute gilt dieses Motiv, das im 18. Jahrhundert als katholisches Symbol entstand, als Zeichen der Stadt Viana do Castelo. Man findet es in allen Auslagen von Schmuckgeschäften, es ist wahrscheinlich der Inbegriff der hohen Filigrankunst Portugals.

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.03.2022, Nr. 73, S. 26 - Carlota Oliveira Anjos. Deutsche Schule zu Porto

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