"Wir wollten Demokratie"

Sloweniens Staatspräsident Borut Pahor über Schulstreiche, Modeln und die besondere Verbindung seines Landes zu Deutschland.


Natürlich hat ein Staatspräsident wenig Zeit. 30 Minuten hatte das Büro von Borut Pahor für das Interview reserviert. Aber der slowenische Präsident erscheint schon fünf Minuten früher und bleibt zehn Minuten länger. "Ich finde euer Interesse, eure Neugier sehr wichtig. Als Schüler hätte ich gerne selbst an so einem Projekt teilgenommen", erklärt er. Das Treffen findet in der Residenz des Präsidenten in Ljubljana in einem mit Teppichen, Bildern und Vorhängen dekorierten hohen Raum statt. An der Decke hängen vergoldete Leuchter. Der Präsident ist wie immer elegant gekleidet: schwarze Schuhe, dunkler Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte. Bald lacht er, zieht sein Jackett aus, lehnt sich zurück und sagt: "Ihr stellt aber Fragen!" Pahor wurde 1963 in Postojna geboren. Der Ort ist berühmt für die Postojnska Jama, die Adelsberger Grotte, eine der größten Tropfsteinhöhlen der Welt. Neun Jahre alt war er, als sein Vater starb. Umso stärker, erzählt der Präsident, war dann seine Beziehung zur Mutter. Als er ins Gymnasium ging, arbeitete er als Touristenführer, um sie finanziell zu unterstützen. Bald hatte er Angst, auch sie zu verlieren, da sie an Krebs erkrankt war und viel Pflege brauchte. Selbstverständlich habe er sich um sie gekümmert.

 

Sein Vater war Musiklehrer, seine Mutter eine gute Sängerin. Er selbst lernte Klavierspielen. Weil er aber Sport mehr liebte, gab er die Musik bald auf. Das bereut er heute, weil die Musik eine Verbindung zu seinem Vater gewesen sei. Im Gymnasium organisierte er Konzerte für den Klassenkameraden Gianni Rijavec. Rijavec, der heute ein bekannter Künstler ist, hatte schon in der Schulzeit eine Big Band, die hauptsächlich Jazz und Musik afrikanischen Ursprungs machte. Pahor liebt diese Musik.

 

In der Schule ist er eigenen Interessen gefolgt. "Ich liebte Geschichte und schwänzte oft den Unterricht, um in der Bibliothek historische und politische Bücher zu lesen." So sei er nach den üblichen Maßstäben ein schlechter Schüler gewesen, der durch viele Streiche auffiel. Seinen Grundschullehrer provozierte er durch Desinteresse so sehr, "dass der mir die Ohren lang zog und meinen Vater zum Gespräch bestellte. Als der Vater aber zu dem Lehrer in die Schule kam, erkannten die beiden, dass sie einmal Klassenkameraden waren, freuten sich, und der Ärger um den Schüler Pahor war vergessen." Später, als er ins Gymnasium Nova Gorica an der slowenisch-italienischen Grenze ging, gab es in der Region ein starkes Erdbeben, von da an war eine Lehrerin verängstigt. Als sie eines Tages Unterricht in Pahors Klasse haben sollte, "machten wir vor dem Unterrichtsbeginn in unserem Klassenzimmer im oberen Stockwerk mit den Tischen viel Lärm und ließen die Lampen an der Zimmerdecke schaukeln. Aus Angst vor einem Erdbeben hat die Lehrerin dann die ganze Klasse evakuiert." Pahor erhielt einen Verweis: "Wenn ich noch einmal etwas angestellt hätte, wäre ich danach von der Schule geflogen", erzählt er schmunzelnd.

 

Er hatte Italienisch und Englisch als Fremdsprachen, "ich bedauere sehr, dass ich nicht Französisch und Deutsch gewählt habe, aber meine Basiskenntnisse in beiden Sprachen sind nicht schlecht". Vor allem hat er viel von seiner Mutter gelernt, die Schneiderin gewesen ist. Dadurch bekam er auch erste Jobs als Modell für die Kleidung, die die Mutter entworfen und genäht hatte. "Leider habe ich mit dem Modeln aber aufgehört, kurz bevor Melania Trump, damals noch Melania Knavs, in Slowenien mit dem Modeln anfing, sonst wären wir uns wohl früher begegnet." Als Sohn einer Schneiderin hat Pahor früh gelernt, dass Eleganz und gutes Auftreten wichtig sind. "Kleider machen Leute, aber nur zu einem gewissen Grad. Meine Mutter sagte immer: Wir sind zu arm, um uns ständig billige Sachen zu kaufen." So habe er früh gelernt, auf Kleidung mit Qualität zu achten, die einfach länger hält.

 

Pahor studierte Politikwissenschaften; seinen Universitätsprofessor Petric bewundert er noch heute. Er ist auch sein Ratgeber als Präsident geblieben. "Den Wunsch, Präsident zu werden, hatte ich schon sehr früh. In den 1980er Jahren gab es viele Proteste im früheren Jugoslawien. Wir waren gegen den Kommunismus und wollten Demokratie. Ich erinnere mich noch gut an ein Feriencamp, das 1986 stattfand, in dem ich mich als eine Art Hilfslehrer um jüngere Grundschüler kümmerte. Ein Junge fragte mich dabei nach meinem Berufswunsch, und ich sagte spontan: Präsident."

 

Heute ist sich der Präsident sicher: "Wenn junge Menschen die Welt verändern möchten, dann werden sie das auch tun." Das sei auch sein Antrieb als slowenischer Ministerpräsident von 2008 bis 2011 und als Staatspräsident seit 2012 gewesen. Im Dezember wird seine zweite und damit letzte Amtszeit enden. Wenn er dann zurückblickt, möchte er "zufrieden sein, dass er zu wichtigen Veränderungen in Slowenien beitragen konnte". Denn für ihn sei das immer ein persönliches Anliegen gewesen, etwas für sein Land zu tun. Besonders geliebt hat er an seiner Arbeit den Kontakt zu Diplomaten und Politikern aus anderen Ländern. "Zu Nelson Mandela habe ich aufgeblickt und bin dankbar dafür, dass ich an seiner Beisetzung teilnehmen durfte. Die Begegnungen mit Barack Obama haben mich immer sehr erfreut. Mit Angela Merkel als deutscher Bundeskanzlerin habe ich lange zusammengearbeitet. Sie war eine große Anführerin und eine der wichtigsten politischen Persönlichkeiten in Europa überhaupt." Mit dem Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier verbindet den slowenischen Präsidenten nicht nur "eine gute Arbeitsbeziehung, sondern auch eine persönliche Freundschaft, die schon seit Jahrzehnten besteht".

 

Neben der guten Beziehung zu Frankreich sieht der Präsident eine besondere Verbindung zu Deutschland. "Slowenen und Deutsche haben viel gemeinsam, Ausdauer, Aufrichtigkeit, Einstellung zur Arbeit. Wir haben vor allem sehr gute Wirtschaftsbeziehungen." Ein besonders gutes Verhältnis habe er zu den deutschen Botschaftern in Ljubljana: "Das Ehepaar Pollmann und Kauther, die sich alle acht Monate als deutscher Botschafter und deutsche Botschafterin abwechseln, ist vor allem ein brillantes und inspirierendes Beispiel für professionelles und erfolgreiches Jobsharing." Das sieht Borut Pahor vielleicht auch deshalb so, weil er kaum Freizeit habe. Sport sei ein wichtiger Ausgleich. "Solange ich zurückdenken kann, habe ich immer Langlauf gemacht, auch Marathon - außer im Gymnasium, da sind wir Jungs den Mädchen nachgerannt", erzählt er lachend.

 

Borut Pahor ist seit 36 Jahren mit der Rechtsanwältin Tanja Pecar zusammen. Sie haben einen Sohn, Luka, "der gerade in Wien sein Studium abschließt". Das Familienleben beschränke sich leider auf Wochenenden und Ferien. Nach dem Ende seiner Amtszeit möchte er deshalb auch nur noch tun, was er liebt: "Das kann alles Mögliche sein, aber es muss mich erfüllen, sonst kann ich es nicht gut machen." Der Präsident sagt: "Wir können stolz darauf sein, was wir in Slowenien in den 30 Jahren der Unabhängigkeit erreicht haben." Und er möchte alle Menschen einladen, das Land und seine Menschen kennenzulernen: "Slowenien ist zwar ein kleines Land, aber mit viel Potential und großen Überraschungen."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2022, Nr. 170, S. 26 - Maja Trstenjak, Masa Kolaric Sluga. Jugendzentrum CID Ptuj

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