Nach fünf Jahren Gefangenschaft in Sri Lanka fühlt sich ein Tamile heute in der Schweiz sicher.
Sri Lanka, ein Land, das wunderbare Urlaubsbilder zu bieten hat. Unberührte Natur und eine exotische Kultur machen die Insel am Indischen Ozean aus. Doch für einige Einheimische ist es ein Staat voller dramatischer Erinnerungen. So wie für Sudar, einen Tamilen, dessen echter Name nicht genannt werden soll. "Plötzlich wurde eine Granate auf die Menschenmenge geworfen", erinnert er sich an seinen letzten Aufenthalt in der Heimat, sein freundliches Gesicht wird ernst. "200 Leute kamen ums Leben, aber ich wurde nur leicht verletzt. Es ist ein Wunder, dass ich diesen Anschlag überlebt habe." Der ehemalige Flüchtling erlebte mehrere Anschläge während des Bürgerkriegs. Bis heute leidet er an dem Trauma, das seinen Alltag einschränkt.
Schon als der heute 54-Jährige zur Welt kam, gab es Auseinandersetzungen zwischen der tamilischen und singhalesischen Bevölkerung. Der südasiatische Inselstaat erlebte eine lange Geschichte der blutigen Gewalt zwischen den beiden ethnischen Gruppen und Religionsgemeinschaften. "Ich war der Jüngste aus meiner Familie und hatte zwei ältere Brüder", erklärt der Kellner aus Basel. Die Familie lebte in einem Dorf an der Nordostküste namens Trincomalee. Als Kind genoss Sudar jeden Moment mit seinen Freunden, Murmelspiele, auf Bäume klettern, Mangos pflücken und im See baden. Doch mit der Zeit spürten die drei Brüder den Hass der Singhalesen. In der Hauptstadt Colombo wurden zu dieser Zeit Hunderte Tamilen verprügelt und sogar ermordet. Tamilische Geschäfte wurden zerstört, das Eigentum wurde ihnen weggenommen, viele Frauen wurden Opfer sexueller Gewalt. "Als ich von den Überfällen erfuhr, war ich sprachlos. Meine Gefühle bestanden aus Mitleid, Hass, Angst und Sorge, denn wir wurden in unserem eigenen Land diskriminiert." Die singhalesische Armee marschierte 1984 in den Nord- und Ostteil Sri Lankas ein, wo die tamilische Bevölkerung mehrheitlich lebte, und besetzte Gebiete und Dörfer. "Um vier Uhr morgens, sobald die Sonne aufging, wurde unser Dorf von singhalesischen Soldaten umkreist, das sogenannte 'round up'. Wer sich zu dieser Zeit im Dorf aufhielt, musste mit einer Gefahr rechnen. Viele Leute wurden gefangen, verprügelt und als vermisst erklärt." Nach dem Schulunterricht musste er mit seinen Brüdern und anderen Tamilen in den Wald fliehen und dort die Nacht verbringen, Zelte wurden aufgebaut und Laternen angezündet. Mücken, giftige Schlangen, aggressive Elefanten und Skorpione haben ihnen das Leben unter freiem Himmel erschwert. "Am frühen Morgen wurden wir von knatternden Hubschraubergeräuschen geweckt. Meist kam ich dann von meinem Traum in die grausame Realität zurück." Als der Bürgerkrieg 1983 offiziell begann, war Sudar gerade mal 14 Jahre alt. Sein Leben bestand nur aus Schule, Fliehen und Sich-Verstecken. Erst wenn bestätigt wurde, dass keine Soldaten mehr im Dorf herummarschierten, durften sich die Brüder auf den Weg zur Schule machen. Ihre Eltern blieben meist zu Hause, da sie alt waren und die gefährliche Flucht im Wald ermüdend war. Eines Tages beschlossen sie, bei den Eltern zu übernachten. "Wir waren alle glücklich, wieder einmal zusammen zu frühstücken. Aber ich habe damit nicht gerechnet, dass ich meinen ältesten Bruder zum letzten Mal sehen werde", sagt der Mann leise. Die Familie wurde von zwei singhalesischen Soldaten überrascht. Es wurde behauptet, dass der Bruder ein Mitglied der LTTE sei. Das steht für Liberation Tigers of Tamil Eelam und war eine Organisation, die aktiv für die Freiheit ihres Volkes kämpfte. Doch keiner der Brüder gehörte dieser Gruppe an. "Die Soldaten schleppten meinen Bruder mit und versprachen, dass sie ihn nur befragen und bald wieder freilassen würden. Tage, Wochen und Monate vergingen, und er kam nie wieder zurück. Bis heute weiß ich nicht, ob er überhaupt noch lebt." Die Familie trauert bis heute und sehnt sich nach ihrem verschwundenen Kind. Die lebensgefährlichen Umstände in seinem Land brachten den Tamilen dazu, das nicht länger zu ertragen, sondern für sein Volk zu kämpfen.
"Ich wusste ab dem Zeitpunkt, wenn ich überleben möchte, muss ich der LTTE beitreten." Er wurde monatelang trainiert und hat mehrmals gegen die Singhalesen gekämpft. Während dieser grausamen Zeit lernte Sudar seine Frau kennen und heiratete im Alter von 32 Jahren. Als Mitglied der Organisation konnte er sie und seine fünf und sieben Jahre alten Kinder kaum sehen. Seine Frau war meist bei ihrer Schwester und musste je nach Gefahr mit den Kindern in die Nachbarstadt fliehen.
Gegen Ende des Bürgerkriegs im Frühjahr 2009 wurden die Anhänger des Tamil Eelam gezwungen, sich den Singhalesen zu unterwerfen. Tamil Eelam bezeichnet den von tamilischen Separatisten geforderten Staat, der den Nord- und Ostteil Sri Lankas umfassen soll. Die tamilischen Bürger wurden in verschiedenen Camps befragt. Eine schreckliche Situation, denn die Angehörigen der LTTE-Gruppe wurden verhaftet und mussten mit schlimmen Konsequenzen rechnen. "Damit ich nicht verdächtigt werde, bin ich mit einem fremden Mann und einer älteren Frau bis zu diesem Camp in Omanthai gelaufen und habe mich als deren Familienmitglied ausgegeben." Doch Sudars Plan scheiterte. "Im Camp angekommen, wurde ich von einer tamilischen Angestellten erkannt und als Mitglied der Tamil Tigers identifiziert."
In Omanthai wurden insgesamt 1400 Tamilen festgenommen und in ein "Central College" gebracht. "Ich war durstig, hatte keine Kraft mehr, die Sonne brannte auf der Haut. Mehrere Stunden mussten wir an dieser Kolonne anstehen." Zum Teil gab es gar nichts mehr zu essen und trinken, nur wenige Toiletten standen zur Verfügung. Immer wieder wurden sie von Soldaten verprügelt. Knochenbrüche waren nicht selten. Nach einigen Monaten wurden die Kriegsgefangenen gruppenweise in Lagern untergebracht. Der Familienvater wurde nach Galle, einer Stadt an der Südwestküste, verschleppt. "Zwei Jahre musste ich in diesem Camp verbringen. Die alltägliche Quälerei nahm auch dort kein Ende. Immer wieder wurden wir mit der Behauptung konfrontiert, dass wir Terroristen seien und Waffen besitzen. Ich stritt dies ab. Ich habe stets nur für unsere Freiheit gekämpft. Ständig wurden wir mit Stöcken geschlagen."
Kurze Zeit später wurde er in Colombo verhaftet und in eine Einzelzelle gebracht. "Als ich in den Knast kam, da war ich erleichtert. Hier musste ich nicht mehr um mein Leben fürchten. Denn in den Camps konnten sie mich jederzeit abschießen." In der Einzelzelle wurden bis zu neun Gefängnisinsassen inhaftiert. Es gab keine Betten, die Männer mussten sich eng nebeneinander auf den Boden legen und so die Nächte überstehen. "Die Luft war sehr stickig, und es roch nach Schweiß. Das Essen war unappetitlich und ekelerregend." So verbrachte er eineinhalb Jahre im Gefängnis Welikada.
Erst 2013 wurde er freigelassen. Die Angst war zu groß, nochmals in die Hände der singhalesischen Armee zu geraten. Er floh und lebt seit 2015 mit seiner Familie in der Schweiz und arbeitet als Kellner. Seine Verletzungen am Bein und am Rücken beeinträchtigen ihn. Ihm wurde eine Operation ermöglicht, seither fühle er sich wohler. "Die Umstände haben mich gezwungen, meine Schulkarriere aufzugeben. Heute bin ich ein Familienvater mit zwei Kindern. Mir fehlen die Zeit und das Geld für eine Ausbildung. Dafür möchte ich meinen Kindern das Beste geben und ihnen ein schönes Leben ermöglichen."