Wümmen mit allen

Besuch bei einer Winzerin am Zürichsee

Es ist schwierig, auch mal Pause zu machen", sagt Andrea Wetli schmunzelnd. Die 48-Jährige Winzerin sitzt an einem breiten Holztisch. Der Duft eines Kuchens weht aus der geräumigen Küche hinter ihr herbei. Seit 15 Jahren führt sie mit ihrem Mann Martin einen Weinbetrieb in Uerikon am Zürichsee und ist davon überzeugt, dass sie sich wieder für diesen Beruf entscheiden würde. "Mir gefällt besonders, dass ich selbständig bin und meine Arbeit selber einteilen kann. Ich schätze aber auch den Kontakt zu den Kunden." Sie ist vor allem für die Büroarbeit und die Aufgaben zu Hause zuständig, während Martin Wetli in den Weinreben tätig ist. Zur Arbeit zu Hause gehören Aufgaben wie die Buchhaltung, das Anpassen der Webseite und der Verkauf des Weins. "Momentan bin ich vor allem mit der Organisation des Suuser Fäschts beschäftigt", sagt Andrea Wetli. Konkret heißt dies, einkaufen gehen, Reservationen einschreiben, Material und Helfer organisieren und das ganze Drumherum. Wenn man selbständig arbeitet, gibt es natürlich keine vorgeschriebenen Arbeitszeiten. Meistens stehen die beiden um 7 Uhr auf. "Es kommt allerdings darauf an, wie viel Arbeit wir haben, wir machen auch mal früher Feierabend oder gehen auswärts essen."

 

Doch welche Prozesse stecken hinter einem Glas Wein? Alles beginnt in den Weinreben, wo die Trauben wachsen. Im Winter schneidet man diese runter, bis sie anfangen, sich zu entwickeln. Während des Frühlings und Sommers pflegt und spritzt man sie mit Fungiziden und Pestiziden, bis die Trauben im Herbst geerntet werden können. "Für die Arbeit in den Reben haben wir einen Mitarbeiter, der von Frühling bis Herbst zu 100 Prozent bei uns arbeitet." Dann kommen die Trauben in die Abbeermaschine im Keller unterhalb des Hauses. Die Maschine erfüllt einen wichtigen Zweck, mit ihr können die Stiele von den Beeren abgetrennt werden. Je nachdem ob es sich um weiße oder rote Trauben handelt, werden sie gleich abgepresst oder - bei roten Trauben - zuerst noch mit den Häuten gegärt.

 

Der Weinverkauf findet dann zu 80 Prozent an den Anlässen statt. "Wir machen viele verschiedene Veranstaltungen, die wichtigsten sind das Treberwurstessen, das Suuser Fäscht und der Tag der offenen Weinkeller." Letzteres findet jeweils am 1. Mai statt und ist eine gesamtschweizerische Veranstaltung, bei der man den Beginn des Traubenwachstums feiert. Als Suuser bezeichnet man in der Schweiz den Federweissen, den teilweise gegorenen Traubenmost. Beim Treberwurstessen konsumiert man Walliser Saucissons, die auf Traubenhäuten und in Schnapsdampf gegart werden und eine Spezialität darstellen. Während beim Treberwurstessen meist etwa 200 bis 300 Gäste kommen, kann man bei den anderen Anlässen sogar 400 Besucher erwarten. Diese Besucher werden je nach Wetter drinnen im geräumigen Keller oder draußen vor dem Hof nach ihren Wünschen bedient. Während der Corona-Pandemie war das schwierig. "Man hat nie gewusst, ob und wie viele Gäste kommen würden." Auch heute merkt man den Einfluss der Pandemie noch stark, denn vor allem die alten Menschen haben Angst vor Corona.

 

Seit 2006 führt das Paar den Betrieb. "Martin arbeitete zu diesem Zeitpunkt als Verkäufer im Landi, einem Supermarkt, den man vor allem in den ländlichen Teilen der Schweiz finden kann. Ein Mitarbeiter fragte ihn, ob er den Betrieb übernehmen wolle", erklärt Andrea Wetli. Davor hätten sie beide noch nie in einer ähnlichen Branche gearbeitet. Sie war in der Buchhaltung tätig. Nun lebt die Familie mit den vier Kindern auf dem Hof mit Ausblick auf die Alpen. Die ältesten zwei Töchter sind die 22-jährige Nicole und die 21-jährige Stefanie. Danach folgten die Zwillinge, Pascal und Dominic, die 19 Jahre alt sind. "Wenn die Kinder Zeit haben, helfen sie gern im Betrieb mit, vor allem an den Anlässen und beim Wümmen - der Weinernte."

 

Die diversen pilzwiderstandsfähigen Rebsorten, die die Wetlis anbauen, lassen den Hof gegenüber anderen Betrieben herausstechen. Dazu gehören die weißen Sorten Johanniter, Sauvignac, Muscaris und Solaris sowie die roten Sorten Divico, Cabernet Jura und Monarch. All diese "Piwis" leisten im Vergleich zu anderen Reben deutlich besser Widerstand gegen Schädlinge und Parasiten. "Seit fünf oder sechs Jahren haben wir mit der Essigfliege zu kämpfen", erzählt Andrea Wetli. Die Winzerin bedauert, dass durch die Globalisierung und den Tourismus immer mehr Schädlinge und Krankheiten eingeschleppt werden. "Die Menschen möchten, dass man weniger spritzt, aber gleichzeitig wird ein Haufen Schädlinge von den Menschen eingeschleppt." Dies ist nicht das einzige Problem. Zum Beispiel hatte die Region den ganzen Sommer über mit starkem Hagel zu kämpfen, was einen Teil der Ernte zerstört hatte. Neben der Weinherstellung bauen die Wetlis Äpfel, Birnen und Zwetschgen an. "Das Biken ist ein großes Hobby von mir", sagt Andrea Wetli, "und ich verbringe gern Zeit im Garten." Zudem hat die Familie eine Ferienwohnung in Klosters - zum Skifahren.


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2022, Nr. 67, S. 30 - Femke Kuipers, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

zurück