In der Schweizer Sukkulentensammlung lassen sich 4500 Arten bestaunen. Fotos der Wandlungskünstler posten junge Besucher auf Instagram.
Aloe vera ist nur eine unter 450 Arten der Gattung Aloe", erklärt Gabriela Wyss. Die 55-Jährige sitzt auf einer Bank im Gewächshaus der Großpflanzen. Im Hintergrund ist das Rauschen eines Ventilators zu vernehmen. Aufgrund des Sonneneinfalls hat sich die Temperatur im Glashaus auf 35 Grad erhöht. Dem Wärmezustand entsprechend, trägt Wyss ihre braunen, schulterlangen Haare im Pferdeschwanz gebunden, dazu ihre sportliche Figur betonend ein kurzärmliges Oberteil, kurze beige Hosen und Sandalen. Sie ist umgeben von Sukkulenten aller Art. Besonders auffallend sind die mächtig emporragenden Pflanzen aus dem mittig platzierten Beet, darunter ein Gewächs mit sprödem Stamm und langen feinen Halmen, die in einem Strudel angeordnet sind. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Elefantenfuß. Neben ihm stehen Pflanzen stabartiger Statur, besetzt mit feinen borstigen Nadeln, worunter ein sattes Grün hervorschimmert. Im Vordergrund, eingebettet in dekorativem Kies, befinden sich kleinere, mehrheitlich kugelförmige Gewächse, die ihre ganze Pracht in Bodennähe entfalten. Lässt man seinen Blick weiter schweifen, trifft das Auge auf zarte, mit Blättern besetzte Äste, die im horizontalen Verlauf verspielt die gläsernen Wände zieren. Wyss ist Leiterin der Sukkulentensammlung in Zürich, die seit deren Gründung im Jahr 1931 ein einzigartiges Kulturgut beherbergt.
Als Sukkulenz wird die Fähigkeit zur Wasserspeicherung bezeichnet, die Pflanzen in Dürreperioden hilft, sich zu entwickeln. Die Pflanzen sind zudem überzogen mit einer dicken Haut oder einer Wachsschicht, um die Verdunstung der gespeicherten Flüssigkeit zu minimieren. Auch sind sukkulente Pflanzen zum Schutz häufig mit dornigen Trieben oder gezähnten Blättern versehen. "Wir können mit gutem Gewissen sagen, dass wir hier ein internationales Kompetenzzentrum für alle Fragestellungen rund um Sukkulenten sind. Wir haben weltweit die größte und vielfältigste Sammlung lebendiger sukkulenter Pflanzen", stellt die Biologin das Museum selbstbewusst vor. So gehören nebst dem Gewächshaus der Großpflanzen, das Sukkulenten aus verschiedenen Gebieten enthält, sechs weitere öffentliche Schauhäuser, die jeweils Sukkulenten spezifisch ihrem geographischen Standort aufweisen. Dabei sind unter anderem die Großregionen Afrika, Madagaskar, Nord- und Südamerika vertreten. Komplettiert wird der Komplex durch ein Herbarium, also eine Sammlung an konservierten Pflanzenteilen für den wissenschaftlichen Gebrauch, eine Spezialbibliothek und diverse Außenbereiche. Insgesamt sind mehr als 4500 Arten aus 78 verschiedenen Pflanzenfamilien in dem Museum zu finden.
"Ich kenne nicht die Namen aller Pflanzen, das ist nicht Teil meines Ressorts", sagt Gabriela Wyss. Zu ihren Hauptaufgaben zählen das Management der Institution, die Personalführung und die strategische Ausrichtung des Museums. Es ist die Leidenschaft jedes einzelnen Mitarbeiters, die sie ungemein schätzt. "Es ist wirklich toll, dass ich am schönsten Ort der Welt arbeiten darf", sagt sie begeistert. "Heute können wir sagen, dass wir keiner Unsicherheit mehr unterliegen", meint die promovierte Botanikerin und deutet damit auf die zwischenzeitliche Unklarheit hinsichtlich einer fortbestehenden Existenz der Sukkulentensammlung in vergangenen Jahrzehnten hin. So gab es Anfang der 1990er-Jahre eine Periode, in der angesichts der mangelhaften Investition in ein attraktives Programm und der entsprechend niedrigen Besucherzahl der Gemeinderat Zürich dem Museum mit der Schließung drohte. "Wir mussten aktiver und sichtbarer werden", erklärt Gabriela Wyss. Reformen mussten her. Zentral bei deren Umsetzung war die Gründung des Fördervereins 1996, der durch Experten aus der ganzen Welt, Behördenmitglieder und Privatpersonen finanziert wird. Anvisiert bei den Neuerungen wurde nicht nur die Erhöhung der Besucherzahl bereits interessierter Altersklassen, sondern auch der Gewinn weiterer Gesellschaftsgruppen. "Als ich angefangen habe, hier zu arbeiten, war das Publikum 40 oder vielleicht sogar eher 50 plus." Man schuf ein neues Angebot der Wissensvermittlung, richtete Hörstationen und interaktive Möglichkeiten ein. Seit Kurzem gibt es die Möglichkeit, mittels QR-Codes Informationen abzurufen. Ein weiterer Werbeträger vor allem für jüngere Generationen sind die sozialen Medien. "Seit einigen Jahren posten immer mehr junge Leute unter #Sukkulentensammlungzürich Fotos von unserer Ausstellung auf Instagram. Es ist interessant, was das für einen Werbeeffekt erzeugt." Mittlerweile ist es dem Museum gelungen, dem Ziel näher zu kommen. "Heute haben wir ein sehr diverses Publikum." Und noch immer gilt der Förderverein als ein unverzichtbares Fundament der Sukkulentensammlung.
Die Königin der Nacht, deren botanischer Name Selenicereus Grandiflorus lautet, ruft bei Gabriela Wyss besondere Faszination hervor. Diese Pflanze gehört zur Familie der Kakteengewächse, auf deren Verwandtschaft unter anderem aufgrund ihrer Sukkulenz und ihren mit nadelfeinen Dornen ummantelten Sprossen geschlossen werden kann. Sie ist ursprünglich ausschließlich in Mittelamerika zu finden. Dort wächst sie als reiner Epiphyt, folgt demnach einer Wuchsstrategie, die darauf basiert, auf anderen Pflanzen kletternd zu gedeihen. Ihren Namen hat das tropische Gewächs ihrer in der Pflanzenwelt eher selten existierenden Eigenschaft zu verdanken, ihre Blüten in der Nacht zu öffnen. Aufgrund der Kurzlebigkeit und der Blütenpracht ist der Öffnungsprozess ein einmaliges Spektakel: Das anfänglich braun-weißliche, wattige und geschlossene Pflanzenorgan entfaltet sich nach wenigen Stunden zu einer cremeweiß becherförmigen Blüte mit gelblichen Hüllblättern. Dabei verströmt sie einen schweren Vanilleduft. "Die Königin der Nacht ist ein Highlight, weshalb wir jährlich für die Nacht der Öffnung ihrer Blüten extra eine Abendöffnung organisieren", sagt die Biologin.
"Ich hatte immer das Interesse, die Zusammenhänge der Natur besser verstehen zu wollen", erklärt Gabriela Wyss ihre überwiegend an der Biologie orientierte akademische Laufbahn. So hat die gebürtige Zürcherin die Universität Zürich mit einem Master in Biologie verlassen und einen Doktortitel im Bereich der Naturwissenschaften an der ETH Zürich erlangt. Danach absolvierte sie an der University of Florida einen Postdoc und besetzte nach ihrer Rückkehr einige Führungspositionen, wozu sie sich zwischenzeitlich mit Managementwissenschaften auseinandersetzte. Letztere Ausbildung dient als wertvolle Erfahrung für ihren gegenwärtigen Posten, den sie seit zwölf Jahren besetzt.
In ihrer Freizeit spiegelt sich ihre Leidenschaft für Pflanzen wider: Gemeinsam mit ihrem langjährigen Partner, der gleichermaßen naturverbunden ist, unterhält sie einen Naturgarten mit einheimischen Pflanzen, kultiviert Gemüse und pflegt eigene Sukkulenten. Zudem teilen die beiden eine Vorliebe für Wanderungen und Velotouren. Ihre Sympathie für Kultur zeigt sich in gelegentlichen Museumsbesuchen. Sie lebe nach der Überzeugung: "Es gibt immer etwas Neues zu lernen."