Zwei drehen durch

Von St. Gallen nach Los Angeles: junge Regisseurinnen.

 

Am Esszimmertisch vor dem großen farbigen Gemälde ihrer Mutter und den Kritzeleien ihrer Halbgeschwister blicken die zwei Schwestern von ihrem Laptop auf und erzählen von ihrem Leben. Man könnte sie auch für Zwillinge halten. Die braunhaarigen Schwestern unterscheiden sich optisch lediglich in ihrer Haarlänge. Die ältere Schwester hat lange, wellige Haare, wohingegen die jüngere Schwester einen frechen Bob mit Pony trägt, unter dem ihre großen, braunen Augen hervorschauen. Die 30-jährige Florine und die 28-jährige Kim Nüesch wohnen zurzeit in ihrem Elternhaus in St. Gallen und arbeiten intensiv an einem Modefilm für die italienische "Vogue". Das junge Schweizer Duo, Töchter eines Architekten-Vaters und einer Künstler-Mutter, lebt normalerweise in Los Angeles. Dort sind sie vor ein paar Jahren hingezogen und haben ihre eigene Filmproduktionsfirma aufgebaut, mit der sie Erfolg haben. Durch hartes Arbeiten und den Glauben, ihre Ziele erreichen zu können, haben es die beiden geschafft, in Los Angeles ihren Traum wahr werden zu lassen.

 

"Woni siebni gsi bi, hämmer glaub üsern erschte gmeinsame Film drüllt", meint Kim zu ihrer älteren Schwester. Je älter sie wurden, desto klarer wurde ihnen, dass ihnen vor allem das Regieführen von Filmen Spaß bereitet, und während die meisten Kinder und Jugendlichen Filme geschaut haben, waren die jungen Mädchen von den "behind the scenes" fasziniert. Während ihrer Zeit am Gymnasium in ihrem Heimatort, das sie mit dem Schwerpunkt Kunst besucht haben, drehten sie gemeinsam Kurzfilme. Sie müssen beide lachen, als sie über die vielen Ideen berichten, die sie früher ausbrüteten. So haben sie einmal einen Film gedreht, in dem nur sie beide alle Charaktere verkörpert haben. Heute sind die Filme nur noch in der privaten Sammlung der Schwestern vorhanden.

 

Florine entschloss sich 2010 nach L.A. zu ziehen und dort am "Art Center College of Design" zu studieren. Ein Jahr später folgte ihr dann die damals 19-jährigem Kim mutig nach Los Angeles. Für die zwei Schwestern war es nicht schwer, die Schweiz zu verlassen. Sie hatten keine sprachlichen Barrieren, da beide schon mal ein Auslandsjahr in den Staaten absolviert hatten. Außerdem haben sie die Ferien genutzt, um ihre Familie in der Schweiz oder auch in Hongkong zu besuchen, wo ihr Vater mittlerweile lebt.

 

Während des Studiums hielten sich die beiden mit kleinen Nebenjobs oder auch dem Produzieren von Werbefilmen über Wasser. Als dann beide Schwestern ihren Abschluss in Regie und Drehbuchliteratur hatten, entschieden sie sich, ihre eigene Firma "Nüesch Sisters Productions" zu gründen. Die beiden wirken unzertrennlich. Auf die Frage, ob sie ab und zu auch streiten, meinen sie nur, dass das bei der Arbeit selten passiere. Manchmal hätten sie einfach als Schwestern Auseinandersetzungen, wenn es darum ginge, wer den Abwasch mache und wer die Wäsche. Sie erklären, dass das gut daran liegen könnte, dass sie meistens das Gleiche denken und eine Art "Zwillingsverbindig" hätten. Kim hat sich während ihrer Ausbildung und bis zum heutigen Tag auf das Schreiben von Drehbüchern spezialisiert. Ihre ältere Schwester ist für Schnitt und Visuelles zuständig. "Da isch s'Praktische dra, wenn mer s'zweite isch, normalerwis isch än Regiesseur immer für alles zueständig, aber mir chönds üs ufteile", sagt Florine.

 

Trotzdem ist generell ein solcher Dreh alles andere als ein Spaziergang. Sie er-zählen, selten genug Schlaf zu bekommen und kaum abschalten zu können, wenn ein großer Dreh ansteht. Die Trennung von Arbeit und Privatem ist schwer, wenn man selbständig ist. Die Situation mit der Pandemie ist zusätzlich eine Belastung. Viele ihrer Mitstudenten hatten dieselben Ziele wie die Schweizerinnen, seien aber letztendlich trotzdem umgestiegen auf einen Job mit fester Anstellung. Für sie würde so etwas aber nie infrage kommen, betonen die beiden. Dafür ist ihre Leidenschaft viel zu groß. "Damit muess mer lebe als Künstler, bi de meiste Kunstforme isch mer jo nöd fest agstellt", sagt Florine. Damit ist es aber noch nicht getan, denn mit Kurzfilmen verdient man kaum Geld. Kim meint, sie seien nur eine Art Visitenkarte. Die Filmfinanzierung ermöglichen sie nebenbei mithilfe von Werbe- oder Musikvideos, für die sie engagiert und bezahlt werden.

 

Neben dem unsicheren Einkommen, mit dem viele junge Künstler konfrontiert sind, haben sie mit der Schwierigkeit zu kämpfen, erstmals in das Business einzusteigen. Im Showbiz haben viele Leute das Denken, je älter jemand ist, desto mehr Erfahrung habe und desto besser sei diese Person. "Es isch en Tüfelskreis", sagt Florine. Anerkennung und Vertrauen muss man sich hart erkämpfen. Das Schwierigste daran ist, seinen ersten Job zu erhalten. Viele meinten, dass ältere Leute mehr gesehen und aufgrund dessen vielfältigere Ideen hätten, aber man vergesse dabei, dass junge Menschen frischen Wind in die Branche bringen könnten. Florine und Kim erzählen zum Beispiel, dass sie neben ihrer Inspiration aus dem Alltag und schon Gelebtem auch Ideen in gemalter Kunst finden und nicht nur in anderen Filmen. Sie erzählen, dass sie in einem ihrer bisher erfolgreichsten Kurzfilme "Forget Me Not" ihre persönliche Geschichte verarbeitet hätten.

 

Vermutlich ist dieser Film erfolgreich, weil er die Menschen berührt und einen Einblick in ihr Privatleben gibt. Mit dem Film haben sie zahlreiche Awards gewonnen. Sie bekamen zum Beispiel Silber beim "Young Director Award" 2018 und schafften es bis ins Programm des "LA Shorts International Film Festival 2018".

 

Florine und Kim Nüesch sind vorübergehend in die Schweiz gekommen, weil sie die aktuelle Corona-Lage und die politischen Unruhen in den Vereinigten Staaten ziemlich belastet haben. Aufgrund der Pandemie konnten sie sieben Wochen lang kaum aus dem Haus und dann nur, um ihren wöchentlichen Großeinkauf zu machen. Es gäbe einen Umschwung in der Filmbranche, sagen sie. Die Schweiz sei nur ein Zwischenstopp, sie wollen abwarten, wie sich die Pandemie weiterentwickelt und überlegen, entweder nach Paris oder nach Berlin zu ziehen. Neben dem geplanten Wohnsitzwechsel haben sie ein nächstes Ziel. Sie wollen ihren eigenen Spielfilm drehen. Dies wäre für sie ein großer Schritt, denn bis jetzt arbeiten sie im Kurzfilmformat. Man kann es mit den Bildern an ihren Wänden vergleichen. An einem gewissen Punkt muss sich der Künstler entscheiden, einen mutigen Pinselstrich zu ziehen und damit ein gewöhnliches Gemälde in ein Kunstwerk zu verwandeln.


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.09.2022, Nr. 218, S. 26 - Lara Mettler, Kantonsschule Trogen

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