A star is born

Gesang der Koledari: Ein Weihnachtsbrauch in Bulgarien

 

Es ist spät am Abend des 24. Dezembers. Schneeflocken fallen, und der kalte Wind lässt die Äste rascheln. Hunde bellen in der Ferne. Die Schüler sammeln sich in der Schule. Der 18-jährige Lubomir Zhelev nimmt zum ersten Mal an dem Brauch Koleduwane teil. Das ist ein Winterbrauch für Fruchtbarkeit, Gesundheit und Glück. Die Jungen der Nationalschule für Volkskunst "Filip Kutev" in Kotel sind in dicke Mäntel gekleidet. Sie tragen große Mützen und lange Hirtenstäbe. In der Nacht zum 25. Dezember um Mitternacht beginnen sie von Haus zu Haus zu gehen und Weihnachtslieder zu singen. Die jungen Koledari besuchen zuerst ihre Lehrer und dann vorab ausgewählte Personen wie den Bürgermeister, den Priester und den Sekretär des Gemeindezentrums. Sie singen für jedes Familienmitglied ein Lied und sprechen am Ende einen Segen. "Wie viele Sterne am Himmel, so viel Gesundheit in diesem Haus." Alle Gastgeber heißen sie herzlich willkommen. Sie geben ihnen Geschenke wie Brot, Münzen, Würstchen und Äpfel. Dies war Lubomir Zhelevs erstes Koleduwane, das eine wichtige Rolle in seinem zukünftigen Leben spielen sollte.

Lubomir ist heute 51 Jahre alt. Trotzdem erinnert er sich noch an sein erstes Koleduwane vor mehr als 30 Jahren: "Damals war ich im elften Schuljahr, und wir lernten alte Weihnachtsbräuche kennen. Weihnachten stand vor der Tür, und unserer Lehrerin kam es in den Sinn, uns zu organisieren und den Brauch in Kotel zu erfüllen, einer Stadt, die in Zentralbulgarien, im Bezirk Sliwen, liegt. Ich war aufgeregt und begann sofort mit meinen Freunden Weihnachtslieder zu lernen." Im Anschluss an die Nationalschule für Volkskunst in Kotel absolviert Lubomir die Musikakademie in Plowdiw. Inzwischen lebt er seit mehr als 25 Jahren in Sofia und arbeitet als Solist mit dem Folklore-Ensemble "Filip Kutev" und unterrichtet im Gemeindezentrum "Vasil Levski 1928" und an der 124. Sekundarschule "Vasil Levski". Viele Jahre lang wollte Lubomir erneut an dem Brauch teilnehmen und ihn auch seinem Sohn beibringen. Doch erst 2022 bekam er die Gelegenheit dazu. Seit 2021 bereiten er und der Sekretär des Gemeindezentrums "Vasil Levski 1928" das Projekt "Sofia Koledari" vor. Der Brauch in der großen Stadt unterscheidet sich jedoch von dem in der kleinen Stadt. Der Alltag in Sofia ist hektischer, die Menschen schenken ihren Traditionen weniger Beachtung. Nicht alle Gastgeber nehmen die Koledari positiv auf, weil sie sich stärker von der ursprünglichen Kultur entfremdet haben. Lubomir hat den Brauch modernisiert, und er ermöglicht jedem, sich vorher anzumelden, damit die Koledari gern gesehene Gäste in den Häusern sind. Alle Gastgeber, die einen Besuch der Gruppe erwarten, müssen sich vorbereiten, um den Brauch ordnungsgemäß durchzuführen. Die Gastgeberin backt kleine Brezeln für alle Koledari und eine große für den Segen am Ende. "Die Brezeln haben eine große Bedeutung und symbolisieren die Sonne, die vier Jahreszeiten und den Kreislauf des Lebens. In der Vergangenheit glaubten die Menschen, dass Brezeln magische Kräfte hätten, vor bösen Geistern schützten und auch Wohlstand brächten", erklärt Lubomir. Auf dem Tisch liegen auch hufeisenförmige Dauerwürste, Äpfel, Walnüsse, Wein und Trockenfrüchte, die die Herrin des Hauses an die Sänger verschenkt.

Eine Weihnachtsliedgruppe besteht aus 15 bis 20 Personen. Den ältesten und angesehensten Mann der Koledari nennen die anderen "Stanenik". Die Gruppe versammelt sich zur Vorbereitung in seinem Haus, man spricht über die Lieder und unterrichtet die Neuankömmlinge. Heute spielt das Gemeindezentrum die Rolle des Hauses vom Stanenik. "Ich habe Menschen versammelt, die an dem Projekt teilnehmen wollten. Wir haben uns im Gemeindezentrum getroffen, damit ich ihnen die Lieder und das Singen in einer Gruppe beibringe", erklärt Lubomir. Entgegen der Tradition wählt die Gruppe der Sofia-Koledari den jüngsten Teilnehmer als Stanenik. So will man gewährleisten, dass der Brauch eine Zukunft hat. "Wenn die jüngeren Kinder sehen, dass sie auch eine wichtige Position einnehmen können, werden sie mehr Interesse an dem Brauch haben." Die Lieder werden meist als Antiphone, also als Wechselgesänge, dargeboten. Einer singt, und der andere wiederholt dasselbe mit etwas Verzögerung. Trotzdem singen die Koledari aus der Schopska-Folklore-Region, in der Sofia liegt, auch zweistimmig, weil diese Art des Singens für die Region spezifisch ist. Lubomir und der Sekretär des Zentrums haben sich die Mühe gemacht, ein sogenanntes "Handbuch der Weihnachtslieder" zu erstellen. Dieses kleine Buch enthält das Repertoire der Weihnachtsliedergruppe.

Die Koledari widmen jedes Lied verschiedenen Familienmitgliedern. Beispielsweise gibt es Lieder über den Herrn und die Herrin des Hauses, den Junggesellen und die Jungfrau. Sie singen auch für das Vieh und die Gesundheit. In Sofia sind natürlich keine Hirten mit Herden zu sehen. Lubomir hat den Brauch ein bisschen verändert. "Wenn Tiere zur Familie gehören, spielen wir auch Lieder für das Vieh, obwohl die Tiere in der Regel Hunde und Meerschweinchen sind."

Am Ende des Rituals nimmt der Stanenik das Brot und spricht den Segen: "Wie viel Gesundheit im Wald, so viel Gesundheit in diesem Haus! Wie viele Sterne am Himmel, so viel Gesundheit in diesem Haus!" Die Koledari hängen ihre Brezeln, Dauerwürste und anderen Geschenke an ihre Hirtenstäbe und machen sich auf den Weg zum nächsten Haus.

Lubomir und der Sekretär wollen die bulgarische Kultur erhalten. "Es ist wichtig, sich an Traditionen zu erinnern, denn sie unterscheiden uns von anderen Nationen", sagt Lubomir. Er ist bereit, hier lebenden Ausländern die Lieder beizubringen. Auf diese Weise werden uns die unterschiedlichen Kulturen nicht auseinandertreiben, sondern vereinen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12.2023, Nr. 294, S. 26 - Antonina Rasheva Galabov-Gymnasium, Sofia

zurück