Fischverkäufer Jürgen Gosch hat eine Inselbegabung
Über einem roten Hemd ein weißes mit roten Knöpfen, eine rote Mütze auf dem Kopf und ein rotes Hummer-Maskottchen, das aus der Brusttasche schaut: Das ist Jürgens "Gosch-Outfit". Dazu einen Champagner in der Hand und ein freundlicher Gesichtsausdruck. Der Koch mit der aufregenden Lebensgeschichte hat hart arbeiten müssen, um nun auf sein Lebenswerk mit gut tausend Mitarbeitern und mehreren Standorten blicken zu können.
Schon in seiner Kindheit war Jürgen Gosch gefordert und musste arbeiten, um zu überleben. Er wuchs mit seiner Mutter, seiner Zwillings- und einer weiteren Schwester in Tönning auf und wurde von ihnen bei seinem Spitznamen "Jünne" gerufen. Seinen Vater lernte der gebürtige Nordfriese nie kennen. Als Mann im Haus unterstützte der Junge seine Mutter, wo er nur konnte. Täglich ging er zum Hafen, pulte Krabben und verdiente sich so einen Lohn. "Ich wurde immer schneller im Krabbenpulen. 40 Jahre später wurde ich sogar 'Krabbenpul-Weltmeister' in Holland", erzählt der 81-Jährige. Die frühe Verantwortung hatte auch Positives, denn sie formte den Unternehmer. "Zunehmend wurde aus mir der Junge, der anführen wollte", sagt er rückblickend.
Nach dem Ende der Schulzeit wünschte sich seine Mutter, dass er etwas Solides lernen sollte. Gosch entschied sich für den Beruf des Maurers. Sein damaliger Chef schickte den Lehrling häufig quer durch Nordfriesland. Dabei entdeckte Gosch sein Herz für Sylt. Die Liebe zur Nordseeinsel wuchs, und so verhandelte er mit seinem Vorgesetzten, um öfters auf Sylt eingesetzt zu werden. Neben der Arbeit als Maurer war Gosch damals täglich am Lister Hafen und pulte Krabben. Dabei hörte er Gäste des Öfteren nach Aal fragen. "Ich entdeckte eine Marktlücke, mit der ich Geld verdienen konnte. Aber man muss ein bestimmter Typ zum Verkaufen sein - ein Handelsmann eben", erklärt Gosch. "Ich bestellte 50 Aale und lief mit dem Aalkorb über die Insel, und der Korb wurde im Laufe des Tages tatsächlich leer." Anfangs arbeitete er tagsüber als Maurer und verkaufte im Anschluss seine Aale. Dabei merkte Gosch, dass ihn das Maurern auf Dauer nicht glücklich machen würde, das Handeln hingegen seine Leidenschaft war. "Ich bin mit Fischen groß geworden, und mein Leben ist der Fisch." Nicht nur damals ernährte er sich hauptsächlich von Fisch, auch heute ist dies immer noch seine Lieblingsspeise. Sie macht 80 Prozent seines Speiseplans aus.
"Anfangs lief ich am Strand auf und ab und rief ständig ,Frische Aale, frische Aale!' und klingelte dabei mit einer kleinen Glocke. Jedoch fühlten sich einige Badegäste gestört, und so stand ich meistens am Dünenübergang, wo die Gäste den Strand verließen", erinnert er sich. Die Aale, Krabben und Fischbrötchen kamen sehr gut an, und so folgte 1972 eine Genehmigung für einen festen Platz am Lister Hafen. In einer zwei mal zwei Meter kleinen Bude, die Nordsee im Rücken, gründete der Gastronom die nördlichste Fischbude Deutschlands. Bald schon folgte die Erweiterung des Sortiments, und so gab es auch "Fischsuppe ohne Fisch und Gräten". Seine Bekanntheit wuchs und breitete sich über Westerland und Hörnum über die gesamte Insel aus. Aus Aal-Jürgen wurde Gosch. Später durfte Jünne seine Bude vergrößern. Der Grundstein war gelegt, und Gosch wuchs. Der Lister Hafen war der Ort, wo alles begann. Bis heute befindet sich dort der Hauptsitz.
Jürgen Gosch entwickelte sich zu einem Handelsmann mit vielen großen und verrückten Ideen. "Ich bekam immer mehr Gäste und wollte mich weiter vergrößern." Dabei fiel sein Blick auf die Bootshalle gegenüber von seiner Fischbude. Zunächst durfte er dort seine Ware saisonal verkaufen. Doch dies war ihm nicht genug. Er bot dem Yachtclub, dem die alte Bootshalle gehörte, schließlich eine schönere und größere Halle an. Dafür bekam er selbst die alte. Nach der Übernahme wurde dort ein Restaurant mit "maritimer Atmosphäre" geschaffen. Als Bar diente ein Fischkutter. Dieser trägt den Namen "Seute Anna", Süße Anna, den Namen seiner Frau. Gosch ließ seiner Kreativität bei der Gestaltung des Restaurants freien Lauf. Die Dekorationen in Gestalt von vielen Figuren und Fischen wurden nach seinen Vorstellungen von einem guten Freund angefertigt. Andere Dinge kaufte der Gründer selbst. Dazu gehörten unter anderem die von der Decke hängenden Fischernetze. "Ich wollte etwas Eigenes und Unverwechselbares schaffen, damit man Gosch immer wiedererkennt." In der alten Bootshalle herrscht eine ausgelassene Stimmung.
Neben seinem Restaurant verfolgte der Koch eine weitere Idee: einen mobilen Goschwagen. "Mein Kumpel dachte zuerst, ich mache Scherze. Aber ich meinte es sehr ernst." Gesagt, getan: Gosch kaufte einen Lincoln und baute ihn zu einer Bar mit integriertem Grill um. Die Stretchlimousine bekam ein ausfahrbares Dach, um Champagner ausschenken zu können. Ebenso gab es einen ausklappbaren Tresen, an dem ein Barkeeper stehen konnte. Im Kofferraum entstand ein Grill. Nach einigen Schwierigkeiten und mehreren Rücksprachen mit dem TÜV-Prüfer war das Projekt nach gut einem Jahr fertig. Und der Wagen entpuppte sich als echtes Highlight auf Sylt. "Die Scampis vom Grill aus dem Kofferraum sind der Hit", sagt Gosch. Der Wagen ist inzwischen sogar durch ganz Deutschland getourt.
Seine Gastronomie breitete sich im Laufe der Jahre in ganz Deutschland aus. Dabei sieht der Chef einen großen Anteil am Erfolg daran jedoch nicht bei sich: "Ohne gute Mitarbeiter hätte ich den Laden nie so gut aufbauen können." Allein auf Sylt hat der Gastronom inzwischen 400 Mitarbeiter, weltweit sind es sogar rund 1500. "Es hat allerdings auch 50 Jahre gebraucht. Ohne Zeit und Geduld kann man nichts schaffen." Seit 25 Jahren hat der Nordfriese eine eigene Produktionsstätte, sein Restaurant gehört regelmäßig zu den Top Ten in Deutschland, 2020 wurde er zum Gastronomen des Jahres gekürt. "Solange ich kann, möchte ich den Laden weiterführen. Man wird mich irgendwann zwingen müssen aufzuhören. Gosch ist mein Leben, und ich hänge sehr daran."