Als die Bilder sich aus dem Staub machten

Das Leben des kroatischen Künstlers und Professors Pero Markic ist ein von zwei Kriegen geprägtes Mosaik

Pero Markic ist Professor für kroatische Sprache und bildende Kunst, aber seinen Mitbürgern wenig bekannt. 1938 wurde er in der kleinen Stadt Oklaj geboren. Nach der Grundschule ging er nach Split. Obwohl es damals nicht üblich war, erlaubte ihm seine Mutter, die Schule für Design, Grafik und nachhaltiges Bauen zu besuchen. Nach dem Abitur absolvierte er ein Studium der Erziehungswissenschaften in Split in Rekordzeit und wurde als bester Student der vorhergehenden zehn Jahre ausgezeichnet. Anschließend studierte er an der Fakultät für Philosophie und Sonderpädagogik und Rehabilitation. Seine Diplome sieht man heute an den Wänden in seinem Arbeitszimmer.

 

"Es war nicht einfach, weil man arbeiten und Fortschritte machen, eine Familie gründen und studieren musste", erzählt Markic. Als Teil seiner Arbeit entwarf er Möbel, die so beliebt waren, dass sie sogar ins Ausland verkauft wurden. Bald arbeitete er auch als Professor an einer Akademie und als Schulleiter einer Mittelschule. Seinen Wehrdienst bei der damaligen jugoslawischen Armee leistete er in Slowenien, wo er als Schütze und Funker viele Auszeichnungen erhielt.

 

Schon in jungen Jahren beschäftigte er sich mit Kunst, sein Vater war Steinmetz und Zimmermann. Pero Markic malte oft Szenen aus dem Alltag in den Straßenstaub, denn viel Papier gab es nicht. Sein großes Talent wurde von seinem Lehrer in der dritten Klasse entdeckt, der ihm einen Zeichenblock, Wasserfarben und Pinsel gab. Als Lehrer versuchte auch Markic später herauszufinden, was seine Schüler am besten konnten. "Wir alle haben ein Talent, auf das wir aufbauen können", ist er sich sicher.

 

Heute beschäftigt sich Markic immer noch mit Bildhauerei, Malerei, Design, Grafik und Zeichnung, aber hauptsächlich mit Mosaiken. "Heute ist es einfacher geworden, Mosaiken zu produzieren, weil der Baukleber billig und sehr einfach zu bearbeiten ist." Die Kieselsteine für seine Mosaiken sammelt er oft am Soderica-See. Er schneidet sie in kleine Quadrate und klebt sie auf eine Leinwand. So hat er vor Kurzem die ersten zehn kroatischen Könige auf zehn Mosaiken dargestellt.

 

Er schuf auch sein eigenes Alphabet und nannte es "pleterica", da es auf dem kroatischen Flechtwerk "Hrvatski pleter" basierte und ähnliche Knotenmuster und Ornamente aufwies. Weil er das Flechtwerk als eine wichtige kulturelle Tradition Kroatiens betrachtete, wollte er es auch in seiner Schriftsprache widerspiegeln. Inspiration findet er an jedem Ort. Er fühlt sich zur Natur hingezogen, interessiert sich für Sport, Religion und Psychologie. Markic hatte weit mehr als 30 Ausstellungen und für viele Bücher kostenlos Illustrationen geschaffen. Er hat keines seiner Gemälde für Geld hergegeben, weil er möchte, dass sie als Andenken bleiben. Denn er hatte alle seine alten Gemälde 1991 nach der Schlacht um Vukovar verloren.

 

Markic hat zwei Kriege erlebt. Während des Zweiten Weltkriegs war er noch ein Kind. Er erinnert sich daran, wie seine Mutter ihn und seine Brüder nachts mitnahm, um sich in Höhlen zu verstecken, weil Kämpfe stattfanden, bei denen es Tote und Verwundete gab. In einer solchen Nacht wurde sein Vater ermordet und dessen Leichnam unter einem Stein versteckt. Erst Jahre später fand Markics Mutter heraus, wo die sterblichen Überreste ihres Mannes waren, und holte sie in einem Sack auf ihrem Rücken über den Fluss Krka nach Hause. Sie konnte nicht schwimmen, trotzdem überquerte sie den Fluss, der an dieser Stelle schnell und tückisch war. Markic besuchte die Schule in Citluk in der Nähe von Sinj, das im mittleren Teil Dalmatiens liegt. Der Unterricht war während des Zweiten Weltkrieges recht primitiv. Er erinnert sich besonders an die Armut. Er war das Zweitjüngste von elf Kindern, alle standen sich sehr nahe.

 

Markic erinnert sich sehr gut an die Ereignisse des Krieges im auseinanderfallenden Jugoslawien, der 1991 begann, vor allem an die ersten drei Monate, die er als Kriegsgefangener verbrachte. Wie ein Sklave musste er Holz hacken, Feuer machen und kochen, alles unter der Aufsicht schwer bewaffneter serbischer Soldaten. Selten gab es Strom, Wasser oder Gas. Er wurde gezwungen, die schmutzigsten Arbeiten zu erledigen. Markics Sohn Darko berichtet, dass sein Vater höchstwahrscheinlich Leichen mit einem Lastwagen transportieren und in ein Massengrab werfen musste, das nach dem Zweiten Weltkrieg das größte Massengrab in Kroatien wurde. Das Einzige, was ihm einen Hoffnungsschimmer gab, war die Tatsache, dass seine Frau und Kinder auf ihn warteten. Die Familie wartete in Drnje, in der Nähe von Koprivnica, auf Pero Markic, wo sie bei seinem Bruder wohnte, weil es der nächstgelegene Ort war, zu dem sie fliehen konnten. Als Markic nach drei Monaten endlich freigelassen wurde, fanden er und seine Frau Arbeit in Koprivnica, ihnen gelang es, eine Zukunft aufzubauen.

 

Trotz seiner schlimmen Erfahrung in Vukovar war er unter den Ersten, die nach der Befreiung dieses Teils Kroatiens dorthin zurückgegangen sind, um den Menschen dort Hilfe zu leisten. Seit 1999 hatte Markic dort Ausstellungen und half bei der Organisation kultureller Veranstaltungen. "Wir sind alle Menschen und müssen den anderen helfen", sagt er. Viele Einwohner von Koprivnica kommen jeden Tag an der Vucedol-Taubenskulptur vorbei, dem Symbol Vukovars, aber nur wenige wissen, dass diese Skulptur von Markic entworfen und geschaffen wurde, als Denkmal und Dankeschön dafür, dass die Einwohner Koprivnicas Flüchtlinge während des Krieges klaglos in ihre Häuser gebracht, ihnen Arbeit gegeben und sich um bis zu 100 verwundete Soldaten gekümmert hatten.

 

Pero Markic erinnert sich auch an seinen Geburtsort und die Feste seiner Jugend. Jedes Dorf hatte seinen eigenen Heiligen. An dessen Festtag tanzte man Kolo, einen Tanz für Männer und Frauen. Die Männer hatten einen großen Krug Wein, der kreiste und aus dem alle tranken. Jedes Jahr treffen sich die Leute aus Markics Dorf und reden über die alten Zeiten. Es gibt nur noch wenige aus dieser Generation. Markic berichtet, dass er viele Idole hatte. In der Kunst sind seine Vorbilder Michelangelo, Velazquez, Ante Kastelancic und Andrija Krstulovic. Auf die heutige Jugend angesprochen sagt er: "Junge Menschen sind heute schön, schlau und sehr geschickt. Aber sie sollten mehr Freude am Leben haben, statt nur Unterhaltung zu suchen, zu rauchen und zu trinken." Er hat eine Skulptur geschaffen, die eine Person zeigt, die auf einem Würfel sitzt und ein Handy hat: Das symbolisiere die Sucht, die eine junge, kluge Generation davon abhalten könnte, ihre eigenen Talente zu entwickeln. "Die Kinder von heute haben viel mehr Bilderbücher, Handys und Kleidung zum Wegwerfen. Vor allem aber gibt es keine Hungersnöte in unserer Region mehr." Markic bedauert es sehr, dass "Kinder ihren Familien heute nicht mehr so nahestehen".

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.05.2023, Nr. 112, S. 26 - Patricija Dlesk, Leon Matulec, Gymnazija "Fran Galovic" Koprivnica

zurück