Am Douro ist alles im Fluss

Die Rabelo-Boote beförderten einst Weinfässer und heute Touristen. Gastão Teixeira ist der Wächter.

Es ist Freitagabend am Douro am Cais da Estiva in Ribeira do Porto. Es ist achtzehn Uhr. Die Sonne beginnt am Horizont unterzugehen und taucht das Wasser des Douro, die Weinkeller von Vila Nova de Gaia und die Brücke Don Luís in ein goldenes Licht. Das Geräusch der Möwen, die den Fluss entlangfliegen, trifft auf den plätschernden Klang der kleinen Wellen, die der Wind erzeugt, und schafft eine einladende Atmosphäre. Es riecht leicht salzig, nach Fisch, aus den Restaurants und Bars, die das Abendessen vorbereiten.

 

Gastão Teixeira, besser bekannt als Gastão Lobo do Mar, der Wolf des Meeres, wurde 1952 in Ribeira geboren. Als er klein war, lernte er, den Fluss zu seinem Spielplatz zu machen. Er trägt kurzes graues Haar und einen weißen Schnurrbart. Sein Gesicht ist faltig und von der Zeit gezeichnet, aber seine braunen Augen sind hell und ausdrucksstark. Er ist mittelgroß und hat eine aufrechte Haltung, obwohl sein Rücken leicht gekrümmt ist. Er trägt eine Jacke mit einer Kapuze und eine beige Mütze.

 

Gastão hatte nie großes Interesse an der Schule. Er begann mit kleinen Arbeiten als Kellner und Schreiner. Im Alter von 15 Jahren begann er in einer Fabrik seines Vaters als Schuhmacher zu arbeiten. Als er 18 Jahre alt war, ging er zur Armee und kehrte zu seiner Fabrik zurück, die dann geschlossen wurde. Danach arbeitete er für 31 Jahre als Töpfer in einer Keramikfabrik und ging mit 65 Jahren in den Ruhestand. "Die meisten Boote auf dem Douro sind die berühmten Rabelo-Boote", erklärt Gastão und zeigt auf die Boote, die sowohl auf der Seite von Porto als auch auf der anderen Seite, in Vila Nova de Gaia, festgemacht sind. Die Rabelo-Boote sind traditionelle Holzboote aus der Douro-Region, die laut Gastão früher zum Transport von Portweinfässern auf dem Rio Douro verwendet wurden. Sie ermöglichten den Transport der Weinfässer von den Weinanbaugebieten des oberen Douro zu den Reifekellern in Vila Nova de Gaia. Die Holzboote haben ein spezielles Design, um sich an die Bedingungen des Rio Douro anzupassen wie dem Widerstand von starken Strömungen und seichtem Wasser. Sie haben einen hohen und spitz zulaufenden Bug, das Ruder oder der Holm ist ein langes Paddel, das bis ins Wasser reicht. Das Steuerhaus besteht aus zwei hölzernen Pfählen und einem Brett, auf dem der "Kapitän" sitzt, denn es ist der höchste Punkt des Bootes. Es ist etwa 20 Meter lang und 2,5 Meter breit und kann rund 40 Fässer Wein laden, was ungefähr 16.000 Litern entspricht. Gastão erklärt, dass das Boot mindestens sechs Personen fasste und die Fahrt zu den Weinkellereien des oberen Douro drei Tage dauerte. Um den Fluss hinaufzufahren, wurde ein Rahsegel gehisst, und manchmal wurden die Rabelos von Ochsen gezogen, um die Strömung zu überwinden. Die Fahrt flussabwärts war durch die Strömung und die vollen Fässer ein Abenteuer: "Wer diese Reise machte, wurde als Held angesehen." Heute sind die Rabelos Touristenboote für eine Fahrt vorbei an Weinbergen und Tälern. Die modernen Rabelo-Boote sind ebenfalls aus Holz und im selben traditionellen Design, aber sie verwenden keine Segel, sondern werden von einem Motor angetrieben. Auch wenn sie ihre ursprüngliche Funktion und Bedeutung für den Transport von Portwein verloren haben, sind sie immer noch wichtig für die Kultur und für die lokale Wirtschaft, meint Gastão. "Meine Leidenschaft ist der Fluss, für mich ist der Fluss alles, ich bin jeden Tag hier", sagt er. Gastão Teixeira ist der Hüter dieses Flusses.

 

Lobo do Mar ist der Name seines Bootes. Am Anfang wurde es zum Fischen benutzt, aber die Zeit hat seine Funktion verändert. Seit 27 Jahren nimmt er damit Ertrunkene auf, die sich von Brücken stürzen "Sie stürzen wirklich, um sich selbst zu töten." Gastão ist derjenige, der immer Wache hält, bevor die Seepolizei eintrifft. Für seine Taten wurde er bereits mit der vom Rathaus von Porto verliehenen Stadtmedaille ausgezeichnet. "Solange ich kann, werde ich weitermachen. Ich verbringe meine Tage hier. Mein Herz zieht mich hierher."

 

Es gibt auch Jugendliche, die sich zum Spaß von der Brücke stürzen und nicht wissen, wie gefährlich das ist. "Ich habe in meinem Leben mehrere Menschen gerettet, und die Leichen, die ich geborgen habe, waren leider viele." Er hat aufgehört, die Leichen zu zählen, die er aus dem Fluss geborgen hat. Das einzige Jahr, in dem er gezählt hat, war 2014: Es waren 19 Menschen und nur vier von ihnen leben noch. Solange er sich erinnern kann, war er jeden Tag am Fluss.

 

"Wenn es mir gelang, ein Leben zu retten, ging ich in meinem Boot auf die Knie und dankte Gott." Es war ein regnerischer Tag, als sie über das Radio meldeten, dass ein Kind von der Brücke gesprungen war. Es war ein 16-jähriger Jugendlicher. "Ich verließ das Ufer in der Gewissheit, dass der Junge am Leben war, und so war es auch, ich konnte ihn lebendig retten." Gastão erinnert sich, dass es ein schreckliches Regenwetter war, aber er kniete in seinem Boot nieder, um Gott zu danken. "Das war ein Wunder für mich", sagt er gerührt. "Der Vater des Kindes, das ich gerettet hatte, kam vorbei, um mir zu danken und mich zu umarmen."

 

Es war ein Donnerstag, der 21. Oktober 1971, als er seine erste Rettungsaktion durchführte. "Das werde ich nie vergessen", sagt er. Es war eine sehr windige und sehr kalte Nacht. Er kam von der anderen Seite, von Gaia, und auf der Brücke stand ein Steuerwächter und pfiff. "Ich schaute in den Fluss und sah eine Leiche treiben", erinnert sich Gastão. Er rannte zum nächsten Boot, das er sah: "Es war kaum ein Boot, es war sehr klein." Er ging mit dem Boot ins Wasser, zerbrach ein Brett und machte daraus ein Ruder. Gastão gibt zu, dass er Angst hatte, ihn nicht mehr retten zu können. Da er ihn nicht ins Boot hieven konnte, hielt er ihn an den Armen fest, während sein Kopf aus dem Wasser ragte, und steuerte zum Ufer, wo ein Freund von ihm ins Wasser sprang, um ihnen zu helfen. Es handelte sich um einen Mann mittleren Alters, den Gastão noch lebendig retten konnte, obwohl er später erfuhr, dass er nicht überlebt hatte.

 

Nach einem langen Tag mit dem, was er am meisten liebt, kehrt er nach Hause zu seiner Familie zurück. Gastão wäre nicht Gastão ohne den Fluss. "Ich will mich nicht vom Fluss zurückziehen", sagt er mit Bestimmtheit.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.07.2023, Nr. 151, S. 26 - SOFIA TORRES, Deutsche Schule zu Porto

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