Aus "glasnost" wird "angstlos"

Der Schweizer Künstler Hans Ruedi Fricker lässt sich nicht aus dem Konzept bringen und liebt den Austausch über Facebook.

 

Dass ich ein Künstler bin, das merkte ich, als ich in Aarau Kunst gekauft habe und einen Künstlerrabatt bekam", sagt Hans Ruedi Fricker lachend. Der Künstler, der seine Werke mit H. R. Fricker zeichnet, ist 1947 in Zürich geboren. Zusammen mit seiner Frau Verena lebt er im schweizerischen Trogen, etwas außerhalb in ei-nem alten, lichtgefluteten Haus, das früher als Kindergarten diente. Im Atelier stehen Materialien wie eine bis zum Rand mit Steinen gefüllte Schubkarre, die obere Küche ist übersät mit selbst gestalteten und gestanzten Briefmarken. An den Wänden hängen Kunstwerke von Freunden, bekannten Ausserrhoder und Schweizer Künstlern, und manchmal auch eines seiner eigenen Werke. Fricker, ein Mann mit grauen Haaren an den Seiten, markanten Augenbrauen und wachen Augen, hat zu allen eine Geschichte zu erzählen. Seine Frau hat kurze, weiße Haare und ausdrucksstarke Gesichtszüge. Sie wirken wie ein gutes Team beim Erzählen ihrer Erlebnisse und machen ab und zu Bemerkungen übereinander, über die beide lachen müssen.

 

Seit Anfang der 70er-Jahre macht Fricker Kunst. Konzeptkunst heißt das, eine Strömung aus Amerika. "Davon gab es in der Schweiz noch zu wenig. Ich dachte mir, da müsse man etwas tun. Außerdem interessierte ich mich schon früh für Neue Kunst." Frickers Kunst ist vielfältig, zu tun hat sie jedoch "nichts mit Malen und nichts mit Bildhauen, weil das kann er alles nicht", schmunzelt Verena Fricker. Was sich wie ein roter Faden durch sein Schaffen zieht, ist das Bedürfnis nach Kommunikation. Eines seiner großen Projekte sind die "Place of Places"-Schilder, quadratische, einfarbige Schilder mit Schriftzug, die sich mit Gefühlen auseinandersetzen. So gibt es den "Ort der Gier" in leuchtendem Gelb, den schwarzen "Ort der Nähe" und den altrosafarbenen "Ort der Wut". Dabei gehe es nicht darum, einem Kontext ein Gefühl zuzuschreiben, sondern dem Gefühl Platz einzuräumen. "Mir geht es um die Auseinandersetzung mit dem Wort", sagt Fricker.

 

Seit 1981 macht er Mail Art - Kommunikation durch Kunst, die mit der Post versendet wird. Seine Mail Art besteht aus Briefumschlägen, die über und über mit selbst gemachten Briefmarken bedeckt sind. Die Briefmarken, die er für andere Länder gemacht hat, nennt er "Netland". "Ich mache nur politisch korrekte Briefmarken. Briefmarken, die die Staaten selbst nicht machen würden." 1988 kreierte er eine Briefmarke für die DDR-Mail-Art-Künstler, für die Mail Art eine ernste Angelegenheit war, da sie mit ihren provokativen Postkarten das Regime kritisierten. "Auf der Briefmarke stand der russische Begriff 'glasnost'. Gorbatschow hat den Begriff oft verwendet, er bedeutet Offenheit, im weiteren Sinne auch Freiheit. Ein Anagramm von 'glasnost' ist 'angstlos'", erklärt der Künstler nachdenklich.

 

Seit 2008 ist er auf Facebook unterwegs. Jeden Tag postet er etwas. "Und wenn jemand einen Post "liked", schaue ich sofort nach, wer das ist, was diese Person macht, an was sie interessiert ist und was sie selbst hochlädt." Vreni und Hans Ruedi waren im September 2022 in Wien, Salzburg und Graz, um Künstlerpaare zu besuchen, die sie über Facebook kennengelernt hatten. Für ihn ist dieser Austausch über Facebook ähnlich wie der "Tourismus" in den 80er-Jahren. Woher kommt seine Faszination fürs Internet? "Als Künstler habe ich das Gefühl, es sei meine Aufgabe, mich für Kommunikation zu interessieren. Kunst ist ein Kommunikationsinstrument, und das Internet, das ist die phantastische Ausdehnung davon, weil sie mich unabhängig macht. Sich zu interessieren und allenfalls zu intervenieren, das ist die Aufgabe eines Künstlers." Intervenieren, das tut Fricker. Zum Beispiel als er in Sommeri, einer kleinen Gemeinde im Thurgau, durch ein Heim für Schwerbehinderte streifte. Verena war Präsidentin eines Verbands für Behinderte, und wenn sie zu Sitzungen musste, war Hans Ruedi ihr Fahrer. Er schaute sich die Heime an, redete mit den Leuten und entdeckte, dass es dort teilweise "ganz fantastische" Bilder gab. So auch in Sommeri, wo er in den Gängen auf Bilder von bunten Badekleidern stieß. "Ganz empört ging ich zur Heimleitung und sagte, dass ich es daneben fände, wenn man an einem Ort, an dem die Leute selbst Kunst machten, Bilder von auswärtigen Künstlern aufhänge." Die Antwort - "nein, nein, die malt Brigitte Huber, eine Heimbewohnerin" - erstaunte und erfreute Fricker gleichermaßen. Den Frickers war klar: Solche Kunst gehört an die Öffentlichkeit.

 

Zu der Zeit organisierte Verena Fricker den Trogener Adventsmarkt. "Ich hatte das Feuer, ich war die Ansprechperson und das Gesicht", erzählt sie. Die Stände werden von Behindertenwerkstätten aus der Ostschweiz betrieben. Als sie zum 20-jährigen Jubiläum des Adventsmarktes den Marketingpreis für den Standort Appenzell Ausserrhoden bekam, wurde ihr Mann damit beauftragt, diesen Preis zu gestalten. Er machte dem Kanton den Vorschlag, einen Kunstpreis mit einer Ausstellung im Café und einem Kunststand zu schenken. Wenn am Abend vor dem Adventsmarkt die Heime kamen, um die Stände aufzubauen, fragte er, ob sie nicht ein paar Bilder mitbringen könnten. Daran, dass sich am Tag des Marktes die Künstlerinnen und Künstler freudig und stolz vor ihre Bilder am Stand gestellt haben, erinnern sich die Frickers gern. Der Trogener Kunstpreis zeichnet jährlich Künstler mit Behinderung aus.

 

Ein anderes Beispiel für Frickers Intervenieren ist sein Einsatz in den frühen 80er-Jahren für etwas, das er Tourismus nannte. Er wollte, dass sich Mail-Art-Künstler gegenseitig besuchen. Mit einem Genfer Kollegen hatte er im Sinn, einen Mail-Art-Weltkongress zu organisieren. Doch da in den 80er-Jahren noch der Eiserne Vorhang den Osten vom Westen trennte und in Südamerika viele Menschen in Diktaturen lebten, war die Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt. Hans Ruedi und sein Genfer Mail-Art-Kollege kamen zum Schluss: Der Weltkongress musste dezentral stattfinden.

 

Also fand überall, wo sich im Jahr 1986 zwei oder mehr Mail-Artisten trafen, ein Kongress statt. Es gab viele, manche mit zwei oder drei Teilnehmern, aber auch solche mit 50 oder 60. Die ersten beiden Male hat er die Kongresse selbst organisiert, seit 1986 findet alle sechs Jahre ein solcher Mail-Art-Kongress statt. Anfang 2020 begann Fricker Mail-Art-Briefe an Leute zu schicken, mit denen er teils seit 40 Jahren Kontakt hat. "Ich habe die Briefe genutzt, um die Isolation der Corona-Pandemie zu durchbrechen. Ich habe wunderschöne Inhalte in den Antworten bekommen." Der einzige Nachteil sei, dass man nichts Eigenes behalten könne. So schenkt er Dubletten der Couverts Verena. Sie bekam mittlerweile mehr als 100 solcher "Liebesbriefe", wie er sie nennt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.04.2023, Nr. 97, S. 26 - LEVA SIDLER, Kantonsschule Trogen

zurück