Eine Kauffrau wird Buchhändlerin in einem Dorf
Wenn man Sandra Bellinis Laden betritt, sieht man vor allem eines: Bücher. Ein vom Aussterben bedrohtes Gut, das sie zum Leben erweckt. Nicht nur Bücher, sondern auch Postkarten, Schreibwaren und kleine Leseecken verstecken sich innerhalb der Buchhandlung. Davor steht ein Schild mit einem Spruch: "Bücher lesen ist Kapital ohne Kursverluste." Dieser Spruch stammt von einer Kundin, sonst sucht Bellini die Sprüche selbst aus.
Ein strahlendes Lächeln begrüßt einen, wenn man den Laden betritt. Die Buchhandlung ist renoviert, hölzerne Balken im Innern zieren die Decke, und verschiedenste Weinharasse bilden ein Bücherregal. Bellini hat braune Haare und dunkle, funkelnde Augen. Die 52-jährige, zierliche Inhaberin der modernen, schön gestalteten Buchhandlung in der Goethestrasse in Stäfa, einer Gemeinde am Zürichsee, nimmt sich für jeden Kunden Zeit. Es herrscht eine ruhige Atmosphäre, als eine Kundin eintritt. Sie sucht ein rumänisches Buch, und Bellini hilft ihr dabei. Sie ist eine dieser Menschen, die ihr Leben noch einmal umgekrempelt haben. Die ehemalige Kauffrau hatte nämlich Lust dazu.
Es braucht viel Mut, in der heutigen, digitalisierten Zeit, eine Buchhandlung zu führen, vor allem aber braucht es die Überzeugung, die Bellini vor sieben Jahren hatte. Eigentlich war die Übernahme der Buchhandlung nicht geplant. Es hat sich einfach so ergeben, als sie als Aushilfe im Vorgängerbuchladen Kupper in Stäfa anfing. "Fünf Jahre gab ich mir, um zu schauen, ob es mir gefällt oder ich Erfolg habe, ohne Plan B, falls es nicht funktioniert hätte." Umso stolzer kann Bellini nun sein, sich Gewinnerin des "Buchhandlung des Jahres 2022"-Preises der Schweiz nennen zu dürfen. Auch eine Bestätigung für sie, dass es viele Leute schätzen, eine Buchhandlung im Dorf zu haben. "Wir haben natürlich all unsere Kunden gebeten, für uns abzustimmen, sonst wäre das alles nicht möglich gewesen. Durch die Werbung auch auf unseren Social-Media-Kanälen stimmten mehr und mehr Kundinnen und Kunden für uns ab." Sandra Bellini hat durch ihren Charme und ihre lebensfrohe Art immer mehr Kunden dazugewonnen. Ein Geheimrezept für ihren Erfolg scheint es nicht zu geben. Viel Mühe, Fleiß und Schweiß stecken in der Buchhandlung. Jede Woche erscheint von den Mitarbeiterinnen und Bellini selbst ein Buchtipp auf der Website. Auf ihrem Instagram-Kanal posten sie regelmäßig Einblicke in das Geschäft. Hin und wieder gibt es Lesungen. Jemand, der 16 Jahre in einer Handelsfirma gearbeitet hat, hat auch mal Lust, selbst etwas anzupacken. "Um den Tapetenwechsel war ich froh, er gab mir neue Chancen und Perspektiven, vor allem auch weil ich von einem Bürojob zu einer kreativeren Branche wechselte." Erfolg ist jedoch nie garantiert, und das war er auch nicht bei ihr. Immerhin hatte sie von ihrem Vorgänger viel lernen können. Mit 46 Jahren hat sie ihre Lehre zur Buchhändlerin abgeschlossen. Etwas Neues, so Großes anzufangen braucht Mut und bringt auch viele schwierige Dinge mit sich. Viele Leute lesen heutzutage bekanntlich lieber auf einem E-Reader als in einem echten Buch, sagt Bellini. Ihr ist es wichtig, dass die Bewohner der Gemeinde Stäfa und Kunden aus der Umgebung einen Ort haben, an dem sie sich kulturell verwöhnen lassen können. Zweimal in der Woche sorgt Bellini dafür, dass die Buchhandlung am Abend ein Wohlfühlort für Leseratten wird. Die Kunden können sich zwischen verschiedenen Wohlfühlpaketen entscheiden und so einen schönen literarischen Abend verbringen. Unter anderem "Buchgenuss nach Ladenschluss", wo man mal bei einem Glas Wein die ganze Buchhandlung für sich allein hat. Sandra Bellini schaut also, dass sie ein variierendes Angebot an Aktivitäten hat, zwischen den vielen Büchern.
Man muss nicht immer eine Buchhandlung eröffnen, wenn man etwas Neues machen möchte im Leben. Wer war denn schon einmal auf einer Weltreise? Vielleicht geht man noch mal an die Universität, um etwas zu studieren. Oder man macht einen Selbstfindungs-Yoga-Trip in Nepal. Der Nachbar würde sich sicher über eine Häkeldecke oder einen frisch gebackenen Zopf freuen.