Eine Collage, die an das jüdische Leben im brandenburgischen Lübben erinnert und einen Rolf-Joseph-Preis erhalten hat
Die Geschichte der Lübbener Juden beginnt bereits im Mittelalter, jedoch beherbergte Lübben nicht durchgehend eine jüdische Gemeinde, zeitweise lebten keine Juden in Lübben, teils aufgrund von Vertreibungen. Seit dem Jahr 1853 existierte wieder eine Synagogen-Gemeinde in der Kleinstadt, es gab einen jüdischen Friedhof in der Majoransheide. In der Altstadt und Umgebung eröffneten viele jüdische Familien ihre eigenen Geschäfte. Einer von ihnen war Julius Moses mit seinem "Alteisen und Rohprodukte"-Geschäft in der Kirchstraße - zu sehen in der Collage oben links (eine mögliche Rekonstruktion des Ladens durch alte Postkarten); das Haus in der Kirchstraße 28 steht heute nicht mehr. Ein anderer war Wilhelm Wolff, der seinen Stoffwarenladen in der Hauptstraße am Marktplatz eröffnete (Collage oben rechts).
Es schien, als würden die Juden endlich einen Platz in der Gesellschaft gefunden haben. Doch mit der NS-Zeit änderte sich die Lage. Julius Moses und seine Frau Frieda flohen in der Hoffnung auf Anonymität nach Berlin, wurden letztlich nach Auschwitz deportiert und umgebracht. In der rechten oberen Ecke der Collage sind Ausschnitte zu sehen aus einem Gedicht der Geschwister Käthe und Ernst Wolff, das sie ihrem Vater Wilhelm Wolff zum 50-jährigen Jubiläum des Vorstandes der Lübbener Synagogengemeinde schrieben. Die Verse deuten auf ein erfolgreiches Leben des Wilhelm Wolff hin, der 1937 in Berlin eines natürlichen Todes starb. Vor dem heute noch stehenden Haus der einstigen Familie Wolff ist ein Stolperstein eingelassen, der an Johanna Wolff erinnert, die am 17. August 1942 durch die Nationalsozialisten nach Theresienstadt deportiert wurde und dort wenige Zeit später ihren Tod fand. Ein Teil der Familie konnte nach Palästina fliehen.
Des Weiteren ist neben Julius Moses' Geschäft das Wohnhaus der Familie Burchardi in seiner heutigen Form in Weiß gemalt. Vor diesem befinden sich zwei Stolpersteine von Minna und Julius Burchardi. Das Ehepaar wurde in das Warschauer Ghetto deportiert und dort ermordet.
In der Mitte steht groß in Gold das hebräische "Chai", das heißt "Leben". Rechts daneben ist ein Plakat der Nationalsozialisten an einer Mauer eines jüdischen Geschäftes angebracht, das die nichtjüdischen Bürger Lübbens dazu auffordert, nicht mehr bei den aufgelisteten jüdischen Geschäften einzukaufen. Kleine Glassplitter unterhalb des Plakates stellen die Plünderung und Zerstörung der Geschäfte im Zuge der Pogromnacht 1938 dar. Unterhalb des Plakates ist die damalige Staatliche Paul-Gerhardt-Schule von Lübben zu sehen, die heute als Paul-Gerhardt-Gymnasium bekannt ist.
Ein schattenartiger Umriss eines Mannes zeigt den früheren Studienrat Alfons Rosenthal, der aufgrund seiner teils jüdischen Abstammung aus dem Schuldienst entlassen wurde und unter ständigen Denunzierungen durch Schüler und Einwohner aus Lübben fliehen musste. Unten links ist eine symbolisch angebrannte Thorarolle angebracht mit einem alten Foto der ehemaligen Lübbener Synagoge in der Schulgasse. Ebenfalls symbolisch stehen die schwarz-weißen Flammen, die auf das Bild gemalt wurden, der angebrannte Rand der Rolle und die Glasscherben für die Pogromnacht 1938, in der die Synagoge den Flammen vollständig zum Opfer fiel. Heute erinnert in einem Innenhof zwischen Häuserblocks eine Gedenktafel und ein in den Boden eingelassener Davidstern an deren vollständige Zerstörung. Im Zusammenhang damit sind die beiden Schabbat-Kerzen gemalt, die für "Hüte!" (hebräisch Schamor) und "Gedenke!" (hebräisch Sachor) stehen.
Links neben dem goldenen Chai findet sich ein Zitat aus dem Talmud: "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist." Auch unterstützt es die darüber befindlichen Bilder des ehemaligen jüdischen Friedhofs, die vor der Schändung und Zerstörung durch die Nationalsozialisten entstanden sind. Heute befindet sich auf der großen, grasbewachsenen Fläche ein einziger Gedenkstein, der unter anderem zum Frieden mahnt und auf die Verbrechen der Nationalsozialisten hinweist. Hinweise auf jüdisches Leben finden sich auch in den heutigen Straßennamen, zum Beispiel Judengasse (während der NS-Zeit: Zur Bleiche) und Logenstraße (damals unter anderem in Hindenburgstraße umbenannt).
Das große goldene Chai-Zeichen beinhaltet einige Fotos von jüdischen Familien und Einzelpersonen - Familie Wolff, Familie Burchardi, Familie Moses und Alfons Rosenthal. Es steht für die Blütezeit des jüdischen Lebens, für den Aufschwung und die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Juden vor der NS-Zeit in der kleinen Spreewaldstadt. Das Zeichen soll aufzeigen, dass es ein jüdisches Lübben gab, das durch die Nationalsozialisten restlos zerstört wurde. Alles, was an diese jüdische Zeit erinnert, sind Gedenksteine, Straßennamen und freie Flächen, wo einst das jüdische Leben blühte.