Das Geld liegt mitunter auf der Straße

Der argentinische Musiker Sergio Andrés Torales bringt Berlins Straßen zum Tanzen


Das Rauschen der Reifen auf dem Asphalt, plaudernde Menschen, eine quietschende Straßenbahn: Die Geräuschkulisse einer wachen Großstadt. Hört man genau hin, kann man in dem Wirrwarr noch ganz andere Stimmen entdecken. Ob Saxophon, Cello oder Gitarre, im Sommer wimmelt es in manchen Straßen nur so von Instrumenten, und an jeder Ecke findet ein anderes Konzert statt. Dabei ist nicht nur die Bandbreite an Musikstilen und Klangkörpern riesig, sondern auch die Vielfalt der Menschen dahinter. Einer von ihnen ist Sergio Andrés Torales, ein mittelgroßer Mann mit dunkelblauem Hemd, schwarzem Hut und grauem Vollbart. Inmitten der Passanten bereitet er sich auf seinen Auftritt vor. Abseits von Berlins viel befahrenen Straßen ist sein heutiger Arbeitsplatz direkt an der Spree idyllisch und ruhig. Im Hintergrund spielen Jugendliche Volleyball, direkt daneben liegen Dutzende Menschen auf einer Wiese und genießen die sommerliche Atmosphäre am Wasser. Am gegenüberliegenden Ufer erstreckt sich das prachtvolle Gebäude des Bode-Museums.

Sein Equipment hat Sergio an einem kleinen, handlichen Transportwagen mit zwei Rädern befestigt. Die selbstgebastelte Konstruktion besteht vor allem aus einer großen Holzkiste mit einem akkubetriebenen Verstärker für Gesang und Gitarre. Obendrauf liegt ein rotes Keyboard. Das Mikrofon ist am Handgriff angebracht. An den Seiten wird der Wagen von hängenden Taschen und einem Klappstuhl verdeckt. So hat der gebürtige Argentinier immer alles dabei, was er für seine Arbeit braucht. Der 50-Jährige spielt vor allem Tango, am liebsten vor Bars oder Restaurants, wo er die Menschen zum Tanzen bringt. Besteht seine Zuhörerschaft aus Passanten, bevorzugt er eher rockige Stücke. Neben Gitarre und Gesang nutzt er sein kleines Keyboard. Das dient nicht nur als Klavier, er spielt mit seinen Fingern auch Schlagzeug darauf. Sergio covert keine Songs, er spielt fast ausschließlich eigene Stücke oder improvisiert.

1972 in Buenos Aires geboren, entdeckte er schon früh seine musikalische Leidenschaft. Seit seinem achten Lebensjahr spielt er Gitarre. Mit 20 Jahren machte er sein Hobby zum Beruf. Der große Vorteil seiner Arbeit: "Es gibt keinen Ort auf der Welt, an dem die Menschen Musik nicht lieben." So ist Sergio über die Jahre viel gereist und hat lange Zeit in Städten wie Dublin oder Barcelona musiziert. Seit zehn Jahren lebt er in einer Wohnung in Berlin-Grunewald und fühlt sich sehr wohl. Was sich nach einem Traum anhört, entpuppt sich manchmal als düstere Realität. Denn trotz Digitalisierung wird es für Straßenmusiker eine Sache niemals geben: Homeoffice. Die Corona-Pandemie traf Sergio besonders hart. Zwischen Lockdowns und Kontaktbeschränkungen verstummten die Straßen der Millionenstadt. "Die Menschen waren verunsichert und haben Distanz gesucht. Da wollte niemand anhalten und einem zuhören", erklärt er. Um in dieser Zeit über die Runden zu kommen, musste er einige Monate als Aushilfe in einer Küche arbeiten.

Finanziell bleibt der Beruf eine Achterbahnfahrt: "An manchen Tagen arbeite ich stundenlang und mache vielleicht 30 Euro. Dann spiele ich an einem Tag zwei Stunden und habe plötzlich 100 Euro verdient." Was sich wie ein Leben in Unsicherheit anhört, scheint Sergio nicht zu stören: "Klar, reich werde ich dadurch nicht, aber am Ende des Monats habe ich genug, um meine Miete zu zahlen, mit Freunden abzuhängen und das zu essen, was ich will." Einfach ist das nicht. "Eine Sache weiß ich. Ich muss jeden Tag auf die Straße. Da bleibt meist kein Wochenende." Hin und wieder nehme er Urlaub, meist um seine Familie zu besuchen. Immer wieder laufen andere Straßenmusiker an der Promenade vorbei, auf der Suche nach einer passenden Spielstätte. Dann wird der gut gelaunte Mann kurz ernst und verstummt, um sicherzustellen, dass ihm niemand seine Bühne stiehlt. Konkurrenz sei für ihn allerdings nie ein großes Problem gewesen. "Ich kenne viele von ihnen. Man muss respektvoll sein, es gibt Platz für jeden", erklärt Sergio. Kommt es doch mal zu einem Streit, sucht er meist eine friedliche Lösung: "Wenn jemand mich nicht hören will, packe ich meine Sachen und gehe einfach woandershin. Ich mag keine Konflikte."

Diese Einstellung hilft Sergio nicht nur im Umgang mit Kollegen. Denn die Arbeit auf der Straße birgt auch Gefahren. Vorsicht ist für ihn daher das oberste Gebot. "Ich habe alle meine Sachen hier, meine Investitionen." Er zeigt auf seine Instrumente. Vor allem abends meide er abgelegene Plätze. Allerdings ist er einiges gewohnt: "Buenos Aires, Barcelona oder Dublin, da war es gefährlicher. Berlin ist vergleichsweise friedlich."

Mit seinen mittlerweile 30 Jahren als Straßenmusiker hat Sergio mehr Erfahrung als manch anderer im Geschäft. Für alle neuen Stadtmusikanten hat er einen Tipp: "Nehmt euch die Reaktion der Menschen nicht zu sehr zu Herzen. Manche werden es mögen, andere eben nicht." Wichtiger sei es, selbst Spaß zu haben, dann würde der Erfolg von allein kommen. Wer auf Berlins Straßen Musik machen möchte, muss dafür eigentlich eine Lizenz beantragen. Wie Sergio verrät, verzichten viele auf diesen bürokratischen Extraaufwand. Probleme mit dem Ordnungsamt habe er nur sehr selten. Auf die Frage, was das Schönste ist, das er in seinen vielen Jahren als Musiker erlebt hat, findet er lange keine Antwort. "Jeden Tag passiert so viel. Manchmal ist es einfach ein kleines Mädchen, das zu deiner Musik tanzt." Schließlich fällt ihm doch etwas ein: "Letztens war da eine Frau. Sie hat angehalten und mir beim Spielen zugehört. Dann hat sie angefangen zu weinen." In solchen Momenten merke er, dass er mit seiner Musik Menschen erreicht und berührt. "Durch Musik kann man sich mit anderen verbinden, und mit sich selbst. Es ist eine großartige Art zu kommunizieren", sagt er begeistert. 

Stolz erzählt er, dass er aktuell sein erstes eigenes Album aufnehme und über den Schritt in die digitale Welt via Instagram und Co nachdenke. Sein Traum: möglichst viele Menschen zu erreichen und sich einen Namen zu machen, wie es als reiner Straßenmusiker sonst nur schwer möglich ist.

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2023, Nr. 229, S. 30 - TONI LÖSEKE, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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