Das war Liebe auf den ersten Blick

Die Sennhütte im Zürcher Oberland hat auf ihre jungen Pächter gewartet

Die Zukunft kann man nicht planen. Wir haben gelernt, das Leben so zu nehmen, wie es kommt, Schritt für Schritt, Tag für Tag", sagen die 38-jährige groß gewachsene, braunhaarige Sarah Tiefenbacher und ihr zehn Jahre jüngerer, etwas kleinerer Ehemann Felipe Rojas schmunzelnd. Sie sind Pächter der Gastwirtschaft "Sennhütte", die auf einem Hügel oberhalb des Dorfes Fischenthal im Zürcher Oberland liegt. Das von außen eher unscheinbare Restaurant überrascht mit seiner einladend gestalteten Inneneinrichtung umso mehr. Liebevolle Details übermitteln eine bodenständige Wärme, sodass man sich als Gast willkommen fühlt. Der Gastraum mit den urchig braunen Holzmöbeln und dem dämmrigen Licht der Lampen strahlt Ruhe aus. Die vielen Fenster bieten einen wunderschönen Ausblick auf die unberührte Natur, den riesigen Wald und die herrlichen Blumenbergwiesen.

 

Sarah, die auf dem Hof ihrer Eltern im Zürcher Oberland aufgewachsen ist und später die Rudolf-Steiner-Schule besuchte, entdeckte ihr Interesse für die Gastronomie früh und absolvierte die Hotelfachschule Belvoirpark in Zürich. Ihre andere große Leidenschaft ist das Reisen. "Ich wollte schon immer die ganze Welt bereisen." So entschied sie sich, ins chilenische Patagonien auf eine kleine Lodge zu wechseln, die den Eltern ihres heutigen Ehemannes gehörte. "Die Lodge an sich war schön, und es gefiel mir, jedoch war sie zu abgelegen und zu weit entfernt von der Gesellschaft, weshalb ich nach knapp zwei Wochen den Entscheid traf, wieder zu gehen." Am Abreisetag kam es zu einer Straßensperre, Sarah konnte nicht fahren. Als später an jenem Abend die Zufahrt wieder möglich wurde, kehrte Felipe zurück auf die Lodge. Die beiden lernten sich kennen. Die Lodge, die ursprünglich Douglas Tompkins, dem Gründer der Modemarke "The North Face", gehört hatte, hatten Felipes Eltern gekauft, als er vier Jahre alt war. "Schon früh in meiner Kindheit half ich meinen Eltern stets auf unserer Lodge aus und entdeckte so eine Leidenschaft für mich", sagt der 28-Jährige.

 

Sarah und Felipe verstanden sich vom ersten Augenblick an; es war die berühmte Liebe auf den ersten Blick. Sarah änderte also ihre Meinung und blieb für Felipe in Patagonien. 2019, als ihre Tochter auf die Welt kam, reisten sie in die Schweiz. "Unser Plan war es, für die Geburt unserer Tochter in die Schweiz zu kommen und nach drei Monaten zurück nach Chile zu gehen. Die politisch instabile Lage verhinderte dies jedoch." So blieb den frisch gebackenen Eltern nichts anderes übrig, als sich in der Schweiz nach einer Arbeit umzusehen und sich eine Existenz aufzubauen. Sie erfuhren durch Freunde von Sarahs Eltern von der Bergwirtschaft Sennhütte, für die ein neuer Pächter gesucht wurde. Das gab Hoffnung. "Die Pacht der Sennhütte war für drei Jahre ausgeschrieben, was gut für uns passte, da wir dann nach Ablauf dieser Zeit neu entscheiden können, ob wir hierbleiben oder eventuell doch nach Patagonien zurückkehren wollen."

 

An einem typischen Arbeitstag steht Felipe gegen 6 Uhr auf und beginnt dann zügig, Brot aufzubacken und die für den Tag notwendigen Speisen vorzubereiten. "Wir stellen alles, was wir anzubieten haben, selbst in der Küche her." Sarah kommt meistens ein wenig später mit ihrer kleinen Tochter aus den Federn. "In den Tag starten wir dann alle mit einem gemeinsamen Frühstück, dabei darf ein nach südamerikanischer Art hergestellter Matetee natürlich nicht fehlen." Dann beginnen sie die Tagesplanung, schauen, wie viele Reservierungen vorliegen und wie sie die Putzerei, das Entsorgen und die Einkäufe organisieren. Um 11 Uhr stößt das Servicepersonal dazu. Um 12 Uhr beginnt der Mittagsservice, der bis 14 oder 15 Uhr dauert. "Vereinzelt haben wir auch Besucher, die morgens um 9 Uhr für einen Kaffee oder etwas Kleines zum Essen vorbeikommen." Nach dem regen Betrieb am Mittag gibt es zwischen 15 und 16 Uhr eine Verschnaufpause. "Unter der Woche ist es abends meistens ruhig, am Wochenende hingegen herrscht um die Abendzeit Hochbetrieb." Das Paar bietet auch Übernachtungsmöglichkeiten an. "Vor allem seit Corona gibt es viele Leute, die abschalten wollen und deshalb unsere Übernachtungsmöglichkeit nutzen und hier dann eine Art Homeoffice machen, um den Kopf frei zu kriegen." Um 21.35 Uhr wird die Küche geschlossen, das Aufräumen und Reinigen beginnt. Die Arbeitstage ziehen sich bis etwa 23 Uhr hin.

 

Obwohl die beiden in völlig verschiedenen Kulturen und mehr als 12.000 Kilometer entfernt voneinander aufgewachsen sind, finden sich Parallelen. "Wir sind beide sehr ähnlich auf einem Hof aufgewachsen. Trotz der verschiedenen Kulturen haben wir so zu vielen Themen die gleichen oder zumindest ähnliche Ansichten", sagt Sarah. Es braucht trotzdem viel Toleranz und den Willen, Dinge immer wieder miteinander zu besprechen. "Wir erziehen unsere Tochter überwiegend auf Spanisch, nur selten spreche ich Deutsch mit ihr. Ich kann zwar gut Spanisch, trotzdem erschwert es die Kommunikation ein wenig, vor allem in hitzigen Gesprächen wird die gegenseitige Kommunikation erschwert." Mit der Zeit lerne man, dass es nicht wichtig ist, jedes einzelne Wort zu verstehen, sondern das große Ganze. "Schwierig ist, dass immer einer von uns weit weg von seinem Zuhause und seinen Eltern entfernt ist." Die Eltern von Felipe lernten ihre Enkelin wegen Corona erst dann kennen, als sie sie endlich in der Schweiz besuchen konnten.

 

Es ist dem Paar wichtig, dass ihre Tochter mit beiden Kulturen und Sprachen aufwächst. Dies sei ein riesiger Vorteil und eine große Bereicherung. Da es dort, wo Felipe aufwuchs, keine renommierten Schulen gibt, wurde er mit 13 Jahren von zu Hause weggeschickt, um eine bessere Ausbildung zu bekommen. "Ich bin es gewohnt, den Ort, an dem ich mich befinde, zu meinem Zuhause zu machen." Heimat ist für ihn dort. Das Paar fühlt sich sowohl in Patagonien als auch in der Schweiz zu Hause. "In Patagonien war es sehr viel klarer, wie viele Leute kommen werden und wie viele Reservationen es gibt." Zur Sennhütte kommen hingegen viele Wanderer, die nicht reservieren. Dennoch war die Organisation in Patagonien deutlich aufwendiger, da die Wege dort lang sind. "Ein Einkauf nimmt drei bis vier Stunden in Anspruch, da die Reise bis zur nächsten Stadt namens Ushuaia, die mit dem Auto eineinhalb Stunden entfernt liegt, sehr langwierig ist." Der Arbeitsalltag sei ähnlich. "Gastronomie ist immer mehr oder weniger dasselbe, weshalb wir uns mit unserer Leidenschaft dafür auch überall auf der Welt zu Hause fühlen können."

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.06.2023, Nr. 145, S. 26 - Elias Dillier, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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