Schafskopf ist eine Delikatesse und gewöhnungsbedürftig
Und das soll ich jetzt essen?" Fassungslos starre ich auf das, was vor mir auf dem Tisch platziert ist: Neben einer Suppenterrine mit würzig-duftender, dampfend heißer Brühe thront auf einem großen flachen Teller etwas, was mir im ersten Moment einen gehörigen Schrecken versetzt: ein kompletter Schafskopf. Zwei hervorquellende, dunkle Augen schauen mich ausdruckslos an, Wangen zu beiden Seiten hängen schlaff herunter, Zähne blitzen hervor, und zwei Ohren wackeln, als ob sie lebendig wären. Ja, es ist tatsächlich ein Kopf, ein gekochter Kopf, der so lange gekocht wurde, bis er weich und genießbar wurde. Zum Glück ist es nur ein Schafskopf, aber trotzdem mehr als gewöhnungsbedürftig.
"Du musst das unbedingt probieren! Wirf all deine negativen Gefühle dieser Speise gegenüber über Bord!", werde ich von Freunden ermutigt. Von Freunden, die mich geradezu zwingen, zum ersten Mal davon zu essen. In meinem Kopf kreisen die Gedanken, was passieren könnte, wenn ich das esse. Ob ich es überhaupt runterkriege oder ob mir vielleicht sogar schlecht wird? Denn seit meiner Kindheit finde ich dieses Gericht eher eklig. Nicht nur die Gerüche, sondern vor allem das Aussehen dieser Speise haben mich immer ein bisschen abgestoßen. Den meisten Männern im Iran geht es aber ganz anders: Für sie ist Schafskopf eine ihrer Lieblingsdelikatessen. "Wenn es so vielen Menschen so gut schmeckt, sollte ich dieser Speise vielleicht doch noch eine Chance geben", überlege ich und überwinde heldenhaft meine Vorbehalte. Die nächste Herausforderung wartet auf mich: Ich möchte beginnen, sehe aber weder Messer noch Gabel vor mir, nur einen Löffel für die dicke Brühe, die ich zunächst einmal als Suppe schlürfe. Um danach dem Fleisch beizukommen, bleiben offensichtlich nur meine Hände, wird mir klar. Ich atme einmal tief durch und greife mutig mit beiden Händen in den heißen Fleisch- und Knochenberg hinein, um mir als erstes die Zunge herauszuzupfen. Nach kurzer Überwindung beiße ich beherzt hinein und bin überrascht, wie zart und unglaublich lecker das Fleisch schmeckt. Nun greife ich immer und immer wieder zu, angele mir nach kurzem Zögern sogar den glatten, festen Augapfel und genieße ihn als besondere Delikatesse, bis zum Schluss nur die abgenagten Knochen übrig sind. Ich kann kaum glauben, dass ich tatsächlich einen ganzen Schafskopf allein geschafft habe. Meine Vorbehalte sind restlos geschwunden. Ich bin nun tatsächlich begeisterter Schafskopfliebhaber geworden.
Dieses Gericht wird nicht nur in meinem Heimatland Iran, sondern im gesamten Mittleren Osten und in Nordafrika traditionell zu besonderen Anlässen serviert. Die Zubereitung ist denkbar einfach: Der Schafskopf muss drei bis vier Stunden in Wasser kochen und wird nur mit Salz, Kurkuma, Zimt, Lorbeerblättern, getrockneten Zitronen und Pfeffer gewürzt. So bleibt der unverfälschte Eigengeschmack erhalten. Vor allem auf Märkten wird Schafskopf frisch zubereitet. Wenn früh morgens schon der exotisch angenehme Duft dieser beliebten Speise in der Luft liegt, weckt das den Appetit, und Menschen würden am liebsten schon zum Frühstück Schafskopf konsumieren. Doch eine Delikatesse ist nichts für zwischendurch, die ist etwas für besondere Anlässe wie Familienfeiern. Traditionell wird sie auch serviert als krönender Abschluss nach kräftezehrenden Wander- oder Klettertouren in den Bergen. Zum Schluss noch ein starker und schwarzer iranischer Tee mit Zitrone und Safrankandis macht das Glück perfekt.