Der Glaube versetzt doch Berge

Wie das kleine Schweizer Männedorf zum "Jerusalem am Zürichsee" wurde.


Das größte Lob ist, wenn am Ende eines Gottesdienstes Menschen strahlend zu mir kommen und sagen, dass sie das gestärkt habe", erklärt Jürgen Gatter, Pastor und Gesamtleiter der Stiftung "Acasa" in der Gemeinde Männedorf am Zürichsee. Die evangelische Einrichtung umfasst heutzutage ein Pflegezentrum, Alterswohnungen und Mietwohnungen. Rostrote Fensterläden zieren das Hauptgebäude. Man hat einen prächtigen Blick auf den türkisblauen Zürichsee, der in der Sonne glitzert. "Dieser Blick ist sehr inspirierend", schwärmt der 56-Jährige. Trotz der zentralen Lage vernimmt man kein einziges Motorgeräusch, nur die Vögel hört man zwitschern, ein Blumenduft steigt einem in die Nase.

"Acasa" hat eine geschichtsträchtige Vergangenheit. Es wurde 1854 von Dorothea Trudel gegründet. Sie war eine außergewöhnliche Frau und wurde weltberühmt. In mehreren Häusern, die Trudel für psychisch und physisch Kranke gegründet hatte, so liest man auf der Website, soll sie Kranke geheilt haben, indem sie ihnen ihre Hand auflegte und mit ihnen betete. Die auch Jungfer Trudel genannte Frau ist mit einer gläubigen Mutter und einem alkoholsüchtigen Vater aufgewachsen, beinahe ohne Schulbildung. Da lag es nahe, dass sie Kraft in Gott suchte. Sie ließ sich in Männedorf nieder. "Dort hat sie erlebt, wie Arbeiter aus der Fabrik ihres Neffen erkrankten und trotz ärztlicher Hilfe nicht gesund wurden", erzählt Gatter. Schließlich wandten sie sich an Dorothea. Diese betete mit ihnen und legte ihnen ihre Hand auf. Nach wenigen Minuten sollen sich die vier Männer wieder gesund gefühlt haben. Nach diesem Ereignis kamen viele Leute, unter anderem auch aus England, Deutschland und sogar Russland, ins kleine Männedorf. Die nichtmedizinische Behandlung blieb den Behörden nicht verborgen, weshalb zwei Prozesse gegen sie geführt wurden. Beide Male wurde Trudel freigesprochen. Weiterhin suchten Leidende bei ihr nach Hoffnung und Heilung. "Ziel waren für sie nicht nur das Menschenheilen, sondern auch das Weitergeben von dem, was sie selber mit Gott erlebt hat." Deshalb bekam Männedorf den Beinamen "Jerusalem am Zürichsee". Dieser Name hat seinen Ursprung in der Heilung, die von Trudel ausgegangen ist. Wie in Jerusalem Jesus beim letzten Abendmahl den Jüngern Hoffnung gab, machte dies Dorothea in Männedorf.

Seither hat sich "Acasa" stark verändert. Auch der Name wurde 2021 zum sechsten Mal geändert. Vorher hieß die Einrichtung "Bibelheim". Doch dieser Begriff sei veraltet, denn mit Heim verbinde man häufig etwas Negatives. Auch die Bibel sei den Menschen heute nicht mehr vertraut. Heute gehe es darum, in "Acasa" ein Zuhause bei Gott zu finden, "a casa" heißt auf Italienisch "zu Hause". "Wir wollen den Menschen nicht schon durch den Namen eine Hürde geben", erklärt Gatter. Damit der Glaube im Namen nicht verloren geht, gibt es den Leitspruch: "Raum für Leben, Wohnen, Glauben." Das weitläufige Hauptgebäude wurde vor 125 Jahren errichtet und diente lange als Ferienzentrum, das 2021 wegen rückläufiger Besucherzahlen schließen musste. Grund dafür sei, dass viele Besucher aus Deutschland gekommen waren, denen es mit der Einführung des Euros jedoch zu teuer wurde. Zudem sind die Besucher, die der älteren Generation angehörten, mehrheitlich verstorben. Dennoch "wollen wir jetzt nicht junge Leute erreichen, das wäre die falsche Bewegung", stellt Gatter klar. "Wer alle erreichen will, erreicht niemanden." Auch Familien seien nicht die Zielgruppe, denn im Ferienzentrum soll man "zur Ruhe kommen" und "in sich kehren".

Zurzeit ist er der Einzige, der in diesem Gebäude arbeitet. Es wirkt verlassen mit dem großzügigen, leergeräumten Speisesaal. Das Ferienzentrum wird renoviert und modernisiert. Besucher hätten schon vor 20 Jahren gemeint, dass es in die Jahre gekommen sei. Das will man nun für die Wiedereröffnung 2024 ändern.

Gegenüber vom ehemaligen Gesamtgebäude steht eine Kapelle, die 1897 von Samuel Zeller gebaut wurde. Nachdem er selbst seelische und körperliche Heilung in Männedorf erlebt hatte, wurde er der Gehilfe von Dorothea Trudel. Nach Trudels Tod im Jahr 1862 aufgrund ihrer Typhus-Erkrankung wurde Zeller ihr Nachfolger. Die Kapelle ist großzügig gebaut. Ein goldenes Kreuz steht auf der Spitze. Momentan finden hier nur Beerdigungen von Leuten, die in den Alterswohnungen gelebt haben, statt. Die wöchentlichen Gottesdienste werden zurzeit im Pflegezentrum gefeiert. "Es gibt kaum einen Unterschied zur öffentlichen Kirche, aber wir haben keine so langen Gottesdienste." Alte Menschen seien nicht mehr so aufnahmefähig. Das Pflegezentrum für Bedürftige umfasst 103 Betten. Auch Wohnungen gehören zum Angebot. Es sind moderne, lachsfarben gestrichene Blockhäuser mit Blick auf den Zürichsee. Zurzeit werden 60 neue Mietwohnungen gebaut, die am rechten Zürichseeufer momentan sehr gefragt und eine nachhaltige Einnahmequelle sind. Der Glaube steht für Jürgen Gatter aber immer noch im Zentrum. "Wir tun das nicht für uns, sondern letzten Endes für Jesus."

Seit zweieinhalb Jahren ist er nun Gesamtleiter. "Es ist schwierig, meinen Tagesablauf zu beschreiben. Das kommt immer auf den Tag drauf an." Seine Arbeit sei vielfältig, vom Büro geht es zum Gottesdienst, von der Seelsorge zum Immobilienplanen. Doch das hauptsächliche "Ziel ist es, Menschen auf den letzten Lebensschritten zu begleiten und ihnen nochmals Elementares mitzugeben." Was Dorothea Trudel wohl von der Einrichtung halten würde? Das wird man leider nie erfahren. Die vielen Blumen rund um die Gebäude hätten der ehemaligen Blumenbinderin aber mit Sicherheit gefallen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.10.2023, Nr. 240, S. 26 - Jasmine Sege, Kantonsschule, Uetikon am See

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