Abgelöst, vergilbt und gerettet: Die aufwendige Restauration der 800 Jahre alten Fresken im Kloster Heiligkreuztal gestaltete sich schwierig.
Leise öffnet sich die faustdicke Holztür nach außen. Ein kühler Lufthauch weht aus dem dahinterliegenden Bogengang, der den offenen Innenhof mit der Marienstatue quadratisch umgibt. Die weiß verputzten Innenwände und das Deckengewölbe des hellen Gangs schmücken farbenfrohe Malereien mit geistlichen Motiven, jedes von ihnen so detailreich, dass man sich viele Stunden lang in ihnen verlieren könnte. Dabei füllt eine friedliche Atmosphäre das gesamte Bauwerk, in dem auf sonderbare Weise die Zeit stehenzubleiben scheint. Die Rede ist vom Kreuzgang des Klosters Heiligkreuztal, gelegen im gleichnamigen Ort im südlichen Baden-Württemberg. Nach seiner Erbauung vor bald 800 Jahren erhielt der Gang sein heutiges Erscheinungsbild im 16. Jahrhundert durch den Meister von Meßkirch, der das Kreuzrippengewölbe aufwendig bemalte. Dabei besaß der Kreuzgang in erster Linie eine praktische Funktion als Verbindungsweg zwischen der Klosterkirche und den Klausurgebäuden, die den Schwestern des Zisterzienserinnenordens vorbehalten waren. Ungezählte Male hallten die Schritte der Nonnen im Gang wider, als sie sich Tag für Tag etwa zur morgendlichen Laudes oder zur abendlichen Vesper begaben
Im Jahr 1843 zogen die letzten Zisterzienserinnen aus dem Kloster aus. Der Kreuzgang verbindet heutzutage das Foyer des seit den 1970er-Jahren im Kloster angesiedelten Hotelbetriebs mit dem als Refektorium bezeichneten Speisesaal. So wird jeder Gang der Gäste zum Frühstück, Mittag- oder Abendessen angesichts der Malereien zum Erlebnis. Doch das war nicht immer so. Drei Informationstafeln weisen auf die einstigen Schädigungen des Kulturdenkmals hin.
Monsignore Heinrich-Maria Burkard ist seit elf Jahren Leiter des Geistlichen Zentrums Kloster Heiligkreuztal. Kaum ein anderer besitzt ein so reges Interesse an den gelüfteten und ungelüfteten Geheimnissen der Klosteranlage. Ihm ist anzumerken, wie sehr ihn der heruntergekommene Zustand des Kreuzgangs bewegte. "Ich war entsetzt, als ich einmal beobachtete, wie eine Reinigungskraft einen abgefallenen Deckengemäldelappen mit einer schönen Lilie einfach zusammenkehrte", sagt der 64-Jährige.
Besonders im letzten Jahrhundert war der Kreuzgang vom Pech verfolgt. Ein Erdbeben sowie fehlerhaft ausgeführte Freilegungsmaßnahmen schädigten in den 1970er-Jahren Mauerwerk und Gemälde. Restauratoren in den 80er-Jahren gingen davon aus, dass der Überzug mit Kunststoffen die Malereien stabilisieren würde. Dies entpuppte sich als folgenreicher Irrglaube und führte zu einer stellenweisen Ablösung der wertvollen Malschicht sowie zu Vergilbungen und Glanzstellen, berichtet Restaurator Karl Schweikert. Zudem verursachten Salze, die sich nach Wasserschäden durch eine defekte Leitung im Mauerwerk abgelagert hatten, ein fortlaufendes Verblassen der Malereien. Jahrhundertealtes Kulturgut drohte unwiederbringlich verloren zu gehen, sodass sich die Stefanus-Gemeinschaft als Eigentümer der Klosteranlage im Jahr 2014 dazu entschloss, die dringend erforderlichen Rettungsmaßnahmen zu ergreifen. Monsignore Burkard erinnert sich gerne an die Freude, die er bei der Nachricht verspürte: "Endlich wurde dieser besondere kunsthistorische Schatz ordentlich untersucht und konserviert." Um nicht wie in früheren Jahren Schäden zu verursachen, wurde über mehrere Jahre hinweg gemeinsam mit dem Landesamt für Denkmalpflege, freiberuflichen Restauratoren sowie Studenten der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart ein genauer Plan ausgearbeitet, wie die Restaurierung ablaufen sollte. Auch die Finanzierung erwies sich als Herausforderung. Groß war die Erleichterung, als der Bund, das Landesamt für Denkmalpflege, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und die Diözese Rottenburg-Stuttgart ihre finanzielle Unterstützung zusagten. Auch viele private Spender unterstützten das Projekt, dessen Kosten von rund einer Million Euro so gemeinsam gedeckt werden konnten.
Noch weniger vorstellbar als die großen Beschädigungen ist heute das ungewohnt betriebsame Bild, das sich während der Restaurierung ab 2018 an dem sonst ruhigen Ort bot. Ein Gerüst füllte die gesamte Breite des Gangs aus, darauf die konzentriert arbeitenden Restauratoren. Zum Schutz des rötlichen Steinbodens wurde ein Filzteppich ausgelegt. Die Hotelgäste mussten Umwege in Kauf nehmen.
Das Landesamt für Denkmalpflege definiert hohe Standards. "Jedes Konzept muss restaurierungsethisch und -technisch höchsten Anforderungen entsprechen", erklärt Karl Schweikert. Der 52-Jährige war als Spezialist für Wandmalerei und Architekturoberflächen aktiv beteiligt. Für das Gelingen sah er eine gute interdisziplinäre Zusammenarbeit aller Spezialisten vor Ort als wichtig an.
Wie kompliziert die angewandten Techniken waren, zeigt ein kurzer Einblick: Um die schädlichen Kunststoffe von den Gewölben zu entfernen wurden laut Schweikert neben speziellen Lösungsmitteln ein Vakuum-Extraktionsverfahren angewandt, bei dem die Fachleute eine Vakuumpumpe an den entsprechenden Bereichen ansetzten. Nach und nach befreiten Kompressen in einem weiteren Arbeitsschritt die Gewölbeoberflächen von den Salzen. Entgegen der häufigen Annahme wurden keine Gemälde neu gemalt oder Originale übermalt - lediglich abgefallene Putzteile wurden ergänzt und farblich an die Umgebung angepasst. "Spuren der Alterung gehören zur Geschichte des Kunstwerks und sind zu respektieren."
Es gab auch Überraschungen. So konnten durch mikroskopische Untersuchungen wertvolle und seltene Farbpigmente nachgewiesen werden, die Monsignore Burkards Wertschätzung für den Kreuzgang noch steigerten. Seit Abschluss der Arbeiten im September 2020 häufen sich die positiven Stimmen zur Restaurierung. "Ein Kleinod besonderer Klasse", findet der Monsignore. Die Ehrfurcht vor dem Kulturdenkmal wird durch seine geheimnisvoll klingende Andeutung spürbar, dass der Kreuzgang noch viele unentdeckte Schätze berge. Damit diese erhalten bleiben, wird der Kreuzgang mittels Sensoren und regelmäßiger Kontrollen durch Restauratoren überwacht. Das Raumklima stabilisieren vier Klimageräte. "Es ist klar, dass Objekte wie dieser Kreuzgang immer auch Dauerpatienten sein werden", sagt Restaurator Schweikert.
Ruhe ist wieder eingekehrt. Die Schritte verhallen im Gewölbe. Es fällt schwer, sich aus der mysteriösen Atmosphäre des altehrwürdigen Gangs zu lösen.