Der letzte Brief

Arthur Müller wird seit dem Zweiten Weltkrieg vermisst


Das Essen ist knapp. Ich habe ein Geschwür unter dem Arm, und der Fuß ist geschwollen", schrieb Arthur Müller am 10. Dezember 1942 in einem seiner vielen Briefe an seine Mutter Katharina Müller, geborene Waigel. Seine Schwester, Anna Maria Reichert, erinnert sich noch genau an seine Briefe. Sie hat sie aufbewahrt neben einem Mitgliedsbuch der Deutschen Arbeitsfront. Die 88-Jährige wohnt in Lauterschwan im Pfälzer Wald. Das Dorf liegt nah an der französischen Grenze. Das Haus, in dem sie lebt, wurde während des Zweiten Weltkriegs zerbombt und von ihrem Vater wieder aufgebaut. Am 22. Juni 1941 begann der Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion. Mit beinahe 3,3 Millionen Soldaten, darunter der 19-jährige Arthur, griff die Wehrmacht ohne Kriegserklärung auf breiter Front zwischen Ostsee und Schwarzem Meer an, obwohl seit August 1939 ein Nichtangriffspakt zwischen Berlin und Moskau bestand. "Mit meinen jungen Jahren und dem fehlenden Wissen über das Ausmaß dieses Krieges fasste ich vieles gar nicht so schlimm auf, wie es tatsächlich war. Ich freute mich immer, wenn die Post kam und mir einen Brief meines Bruders überreichte. Voller Vorfreude lief ich zu meiner Großmutter, welche mir vorlesen konnte, was mein Bruder zu berichten hat. Meist waren es nur ein paar Zeilen, trotzdem war man froh, sie zu lesen, da man die Ungewissheit für einen Augenblick beiseitelegen konnte".

Bis heute plagt Anna Maria Reichert dennoch die Ungewissheit über den Verbleib ihres Bruders. Arthur Müller ist einer von mehr als 20 Millionen Menschen, der in der zentralen Namenskartei des Deutschen Roten Kreuz registriert ist. Es sind die Namen von Toten und Vermissten des Zweiten Weltkriegs. Gefallene Soldaten, Kriegsgefangene, Zivilisten, aber auch Kinder stecken hinter den mehr als 20 Millionen Menschen, bei denen man nicht zwischen Opfern und Tätern unterscheidet. Etwas, das all diese Menschen vereint, ist, dass sie von jemanden vermisst wurden. Als der Krieg sich immer weiter ausbreitete, mussten die Bewohner der zwölf Häuser in Lauterschwan über die Nacht in den sicheren Bunker. Tagsüber konnten die Kinder des Dorfs im Wald um den Bunker spielen, die Frauen kümmerten sich um die Tiere, die Äcker und bewältigten ihre Hausarbeit. Der Bunker lag in einem Berg im Langental, es war dunkel und kühl darin.

An den Heiligabend im Jahr 1941 erinnert sich die alte Frau, die durch kaputte Knie und steife, krumme Finger gezeichnet ist, noch genau: "Meine Großmutter bereitete das Essen zu, es roch herrlich, und man konnte das Geschehen um sich herum für einen Augenblick vergessen. Ich vermisste Arthur sehr und wünschte mir nichts sehnlicher, als ihn bei mir zu haben und mit ihm zu spielen. Die Stimmung war dennoch gut, und man sang gemeinsam Weihnachtslieder. Doch durch einen Knall nicht weit entfernt von unserem Haus wurden wir aus der festlichen Stimmung herausgerissen. Wir mussten unsere Sachen zusammenpacken und schnellstmöglich in den Bunker, um diesen Angriff zu überleben." An diesem Tag erlitt das Haus der Familie Reichert Schäden, die sie in den darauffolgenden Wochen beheben mussten. Ein Fenster und Teile der Hauswand waren beschädigt. Betrachtet man das Haus heute genauer, so lässt sich erkennen, dass das Dach schief ist, weil man zum Wiederaufbau alle Materialien nutzen musste, die einem zur Verfügung standen. Das Haus wird von Rissen in den Hauswänden durchzogen und ist auch technisch nicht an heutige Standards angepasst. Dennoch, so berichtet Anna Maria Reichert, würde sie nirgends lieber wohnen als in ihrem Eigenheim, das eine ganze Geschichte erzählt und für sie auch einen hohen emotionalen Wert hat. "Es ist das Letzte, was mein Bruder und ich teilten, und auch das Letzte, was mich ihm näherbringt."

Nach dem Krieg hausten die Menschen in Kellern, Trümmerwohnungen und Baracken, gezeichnet vom täglichen Überlebenskampf. Der letzte Brief von Arthur Müller ist vom 10. Dezember 1942. Weitere Briefe an ihn kamen alle als unzustellbar zurück, es verlor sich jede Spur. Ob er in Stalingrad gefallen ist oder in einem Gefangenenlager ums Leben kam, weiß niemand. Bis heute sind die Schicksale von rund 1,3 Millionen Menschen ungeklärt. Die letzten Zeilen, die die Familie von Arthur erhielt, lauteten: "Macht Euch keine Sorgen um mich, im nächsten Jahr wird alles besser."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2023, Nr. 193, S. 26 - Leonie Reichert, Gymnasium im Alfred-Grosser-Schulzentrum, Bad Bergzabern

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