Ein Mann aus Falkensee und seine Bienen
Er ist süß, er ist klebrig und nicht nur zum Frühstück beliebt: Honig. Mehr als 150.000 Imker mit ihren rund eine Million Bienenvölkern ernten in Deutschland den beliebten Brotaufstrich, unter ihnen Uwe Nedeß. Mit der Imkerei erfüllte sich der Vermesser vor zehn Jahren einen Kindheitstraum. "Das habe ich mir als Kind schon mal vorgenommen, weil mein Opa mit Bienen gearbeitet hat, habe aber nie so richtig Zeit gefunden." In der gemütlichen Wohnstube in Falkensee bei Berlin, wo er mit seiner Frau lebt, erzählt er von den cleveren Bienchen. Bücher, jedoch vor allem Youtube-Videos, assistieren dem Hobbyimker, wenn es um das Wohlbefinden seiner Bienenvölker geht. Neben der theoretischen Erfahrung zieht der 62-Jährige sein Wissen aus Lehrgängen. Am wichtigsten sei der Grundlehrgang, dem sich jeder vor der Anschaffung eines Bienenvolkes unterziehen sollte, angeboten von den lokalen Imkerverbänden. "Da gibt es einmal im Monat Versammlungen, um sich auszutauschen."
Schwerpunkte sind zum einen die Biologie einer Honigbiene sowie die Zusammensetzung eines Volkes. Nedeß musste sich damals mit dem Tagesablauf der Tiere, deren artgerechter Pflege und auch mit Krankheiten und Seuchen auseinandersetzen. "Es gibt so eine eingeschleppte Varroamilbe, die als Seuche bei den Bienen existiert." Seit den Achtzigerjahren müssen europäische Imker ihre Völker zunehmend gegen den aggressiven Feind schützen. Allein kann sich die Honigbiene nicht wehren. Die ursprünglich aus Asien stammenden Milben saugen sich an den Honigbienen fest und gelangen so in das Innere des Stocks. Dort werden die Milben im Frühjahr so rasant in der Brut vermehrt, dass die neu schlüpfenden Jungen geschwächt oder krank zur Welt kommen. "Irgendwann gibt es mehr Milben als Bienen", klagt der Hobbyimker. Als Schutz kommen chemische, biologische und physikalische Mittel zum Einsatz. Zu den bekanntesten Mitteln zählen Varroazide, die die lästige Milbe chemisch bekämpfen - natürlich nach der Erntesaison. Es handelt sich um organische Säuren wie die Milchsäure sowie ätherische Öle.
Doch auch unabhängig von Krankheiten muss Uwe Nedeß sein Bienenvolk betreuen. Dazu gehört primär die Versorgung mit Nahrung. Zwar findet die Honigbiene genug Nektar in der Hauptsaison von April bis Juli, allerdings wird die Nahrungssuche mit dem Verblühen der letzten Blühpflanzen erschwert. "Die letzte Pflanze, bei der sie sich Nektar holen, ist Efeu, der blüht erst Ende September." Ein Teil des Honigs, den die Bienen für die Winterzeit sammeln, wird von Mai bis Juli geerntet. Uwe Nedeß bewahrt diesen Honig in Eimern auf. Das Versorgungsdefizit wird dann mit Ersatznahrung ausgeglichen. Kontrollierte Mengen ihres produzierten Honigs werden den Bienen nun im Herbst für den Winter als Nahrung zugeführt. Zwar füttert er die Bienen ab und an auch mit Zuckersirup. Da dessen Mangel an Vitaminen die Tiere allerdings auf lange Sicht schädigt, füttert er sie damit so wenig wie möglich. Der Honigertrag steht für ihn nicht an erster Stelle. Nedeß schätzt den Aufwand, den die fleißigen Bienchen auf sich nehmen, um den Honig zu produzieren: Nektar wird von den Arbeiterbienen aus Blühpflanzen gesammelt und im sogenannten Honigmagen der Biene für den Heimweg gelagert. "Dann gibt sie diesen Nektar der Stockbiene, die schon darauf wartet. Diese würgt den Nektar wieder hervor, die nächste saugt ihn wieder ein und versucht ihn dann irgendwo einzulagern." Doch der Nektar bleibt nicht fest an einer Stelle. Er wird von den Stockbienen umgeschichtet und umgelagert. Die Trocknung des Nektars erfolgt durch die konstante Beibehaltung des Stock-Klimas. Über das ganze Jahr hinweg herrscht hier dieselbe Luftfeuchte und Temperatur von etwas mehr als 30 Grad. Die Bienchen tragen außerdem bestimmte Enzyme in sich, die dem Nektar Wasser entziehen, wodurch nach und nach die typische klebrige Konsistenz des Honigs erreicht wird. Der ursprüngliche Nektar mit einem Wassergehalt von 80 Prozent darf als Honig erst geerntet werden, sofern der Wassergehalt unter 18 Prozent gefallen ist. Der Geschmack des Honigs lässt sich steuern. Hierfür spielt die Platzierung des Stocks eine wichtige Rolle. "Indem man mit der Bienenkiste in eine Haupttracht wandert, also beispielsweise in ein Rapsfeld, sammeln sie nur Raps." Nedeß hält seine Völker primär in Falkensee sowie auf der Golfanlage Kallin etwas nördlicher.
Naturgemäß leben die Bienenvölker vorrangig in hohlen Bäumen. In Deutschland sind wild lebende Bienen allerdings kaum bis gar nicht mehr vertreten. Natürliche Hohlräume gibt es hier nämlich kaum mehr. Die Imker wissen sich anders zu helfen. Zum Einsatz kommen vor allem sogenannte Magazinbeuten, die simplen Holzkisten ähneln. In diese werden anschließend Rähmchen eingesetzt, wo die Bienen dann mit dem Wabenbau beginnen. Ein Bienenvolk zu halten ist platzaufwendig. "Ich habe mal gelesen, dass man für ein Bienenvolk drei Quadratmeter Platz für Zubehör braucht", sagt Nedeß. Der Honig muss geschleudert sowie aus den Waben ausgeschmolzen werden. Das zugehörige Equipment ist dafür ein Muss, von Eimern bis zu einem Brenner, Nedeß besitzt alles, was er für sein Hobby benötigt. "Ich habe fast die ganze Garage voll", erzählt er enthusiastisch.
Man kann den nützlichen Tierchen jedoch nicht nur den Honig entnehmen. Es entstehen diverse Nebenprodukte, von denen Nedeß nichts wissen will: "Man kann den Bienen natürlich auch den Pollen wegnehmen, der sehr vitaminreich ist, das mache ich aber nicht, weil die den selbst fressen sollen." In der Medizin gefragt ist zudem das Gift, das die Bienen aus ihrem Stachel absondern. Hierfür werden die Tiere mit einem Elektroschock versehen, wodurch sie vor Schreck ihr Gift abgeben, das anschließend getrocknet wird. Medizinisch wird zudem das von den Bienen aus Kittharz produzierte Desinfektionsmittel Propolis verwendet. Seltener kommt es zusätzlich zur Bienenstockinhalation, therapierend für Asthmakranke. Grund hierfür ist die gesunde Luft innerhalb des Stocks durch die Reinlichkeit der Tiere. Kranke Bienen werden unverzüglich aussortiert, sie fliegen aus zum Sterben. Die zusätzliche Desinfektion säubert die Luft enorm. Natürlich kann auch das Bienenwachs gewonnen werden.
Den geernteten Honig verkauft Uwe Nedeß ab und zu an einen Gemüseladen und Nachbarn. Vor seinem Haus steht eine Kiste mit einer Tür und Klappe und Gläsern. "Dann gibt es da eine Kasse des Vertrauens. Die Leute holen sich ein Glas Honig und stellen das alte wieder hin. Funktioniert!", sagt er knackig.