Die Freiheit nehmen

Eine Exiliranerin demonstriert Mut für die

unterdrückten Frauen in ihrer Heimat.

Ein sehr persönlicher Erfahrungsbericht.

 

Es ist September. Es ist heiß. Ich spüre die Hitze der Sonne auf meiner Haut. Obwohl sich das unangenehm anfühlt und meine Stimme bereits heiser ist, rufe ich lautstark weiter: "Frau! Leben! Freiheit!" Während ich in der einen Hand ein Bild von Jina Mahsa Amini halte, auf dem sie im Krankenhaus liegt, strecke ich meine andere zur Faust geballt hoch Richtung Himmel vor dem iranischen Generalkonsulat in Frankfurt. Tränen füllen meine Augen, aber ich lasse nicht zu, dass sie über meine Wangen laufen, weil ich die Stärke einer iranischen Frau beweisen möchte. Der Tod von Jina Mahsa Amini ist vier Tage her. Zeitgleich, während die Frauen und Männer im Iran deshalb auf die Straße gehen und protestieren, tun es ihnen Hunderttausende im Exil lebende Iraner gleich. Sie alle kämpfen für die Unschuld von Amini stellvertretend für alle iranischen Frauen, und sie wollen zeigen, dass der iranische Staat die Frauen wie in einem Käfig hält und sie mit seiner Politik in Fesseln legt. Die ganze Welt soll dieses Unrecht sehen. Es ist wie ein Aufschrei, der aus dem tiefsten Herzen einer Frau kommt und zu einer Hand wird, die die Ketten der Ungerechtigkeit sprengen soll.

Eine Demonstration zu organisieren ist herausfordernd. Es macht mich wütend, traurig, verzweifelt, wenn ich Informationen über die schreckliche Lage des iranischen Volkes sammeln muss, um die anderen bei den Demonstrationen zu informieren. Ich bin innerlich wie zerrissen, und trotzdem muss ich stark bleiben und mich nicht von meinen Emotionen überwältigen lassen. Ich weiß, dass ich für viele andere Menschen ein Fels bin, ein Halt, auf den sie sich stützen. Diese Menschen darf ich nicht fallen lassen. Meine Demo an diesem Tag verlief gut, es waren ungefähr 150 Personen da, unter ihnen viele Iranerinnen und Iraner. Sie sind dankbar, dass ich ihnen durch die Demonstrationen die Möglichkeit gebe, ihre Stimme zu erheben.

Diese Rückmeldungen geben mir immer wieder die Kraft und die Stärke weiterzumachen. Und trotzdem bin ich immer wieder leer, kraftlos und ausgelaugt. Dann würde ich am liebsten schreien, um meine Verzweiflung rauszulassen und um mich davon zu befreien. Aber leider geht das nicht. Ich muss damit leben, ich muss stark bleiben. Für mich selbst und die Frauen im Iran. Denn sie werden vom iranischen Regime lebendig begraben. Sie werden begraben mit Erniedrigung, Frauenfeindlichkeit, Ungerechtigkeit und Gewalt. Und ich bin mit ihnen begraben worden, denn all das habe ich auch erlebt. Und immer, wenn ich darüber spreche, erlebe ich noch einmal jede einzelne bittere Sekunde meines vergangenen Lebens. Ich erlebte, wie ich gedemütigt wurde. Wie mir meine Rechte genommen wurden. Wie ich als Frau allein auf mein Aussehen und meinen Körper reduziert und nicht als Mensch gesehen wurde. Wie fremde Männer über mein Leben entschieden haben, was ich darf und was nicht, wie ich mich zu kleiden habe, was ich sagen darf und was nicht. All das erlebe ich immer wieder und wieder, wenn ich über die Frauen und Mädchen im Iran spreche. Deshalb packe ich einfach all meine Emotionen in eine Kiste und verschließe sie mit einem dicken Schloss und vergrabe sie tief im schwarzen Loch meines Herzens. Mit dem Tod von Jina Mahsa Amini hat sich alles im Iran verändert. Die Menschen haben sich verändert. Sie sind mutiger geworden und kennen ihre Rechte. Doch auch das Regime hat sich verändert, es ist grausamer geworden, wie ein wildes Tier. Dadurch haben viele ihre Liebsten verloren, ihre Söhne, ihre Töchter, ihre Männer und Frauen. Jedoch sind diese nicht die Ersten, die Opfer der grausamen Taten des iranischen Regimes der letzten 44 Jahre wurden. Denn die heutigen Proteste im Iran haben eine lange Geschichte und vielschichtige Hintergründe. Die Menschen im Iran haben bereits seit Jahrzehnten keine wirtschaftliche Sicherheit, Benzinpreise können sich über Nacht verdoppeln, Familien leben in drastischer Armut, sodass Frauen, Mütter, sich dazu gezwungen sehen, ihren Körper zu verkaufen, um ihre Familie zu versorgen. Auf den Straßen herrscht keine Sicherheit, der Staat bietet keine Versorgung und keine Absicherung. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass das Regime sich nicht um seine Bürger kümmert, sondern ihnen eine islamistische Diktatur aufzwingt. In dieser Diktatur habe ich viele Jahre lang gelebt, und ich habe sie erlebt.

Ich habe am eigenen Körper erfahren, was es bedeutet, im Iran eine Frau zu sein. Es bedeutet, übersehen zu werden, keine eigene Meinung zu haben, unfrei und unbedeutend zu sein. Ich war der Willkür und der Gewalt von Männern ausgesetzt, doch niemand hat mir geholfen. Meine Worte waren nichts wert, genauso wie die von Millionen anderen Frauen und Mädchen. Jetzt bin ich hier in Deutschland und in Sicherheit. Doch ist mein Leben deshalb mehr wert als das der Frauen, die im Iran geblieben sind? Was unterscheidet mein Leben von dem Leben eines siebenjährigen Mädchens, das auf den Straßen Irans erschossen wurde? Ich kann nicht anders, als diese geschenkte Freiheit, die ich hier habe, zu nutzen für all die Menschen, die Frauen und Männer im Iran, die diese Freiheit nicht haben.

Denn obwohl es Tage gibt, an denen ich nicht mehr kann, an denen ich einfach nur noch weinend am Boden liege und mir die Kraft fehlt, ich nicht mehr will, einfach nur wegwill von alldem, gibt es auch andere Tage. Und das sind Tage der Hoffnung. Das sind Tage, an denen ich die Kraft habe, das Positive zu sehen und nach vorne zu blicken. An diesen Tagen habe ich den Mut, an eine andere Zukunft zu glauben, und ich sehe, dass meine Stimme etwas bewirkt. Ich sehe, dass die Menschen im Iran durch meine Stimme und die Stimmen vieler anderer Menschen neuen Mut bekommen weiterzukämpfen, weil sie sehen, dass sie nicht allein sind, sondern dass es Menschen auf der ganzen Welt gibt, die für sie auf die Straße gehen und ebenfalls nicht aufhören zu kämpfen.

Die für sie ihre Stimmen und Fäuste erheben und den Schandtaten des iranischen Regimes nicht einfach tatenlos zuschauen. All diese Menschen wollen sich diesem Regime nicht beugen, sie wollen nicht gleichgültig werden, sie wollen all das, was im Iran passiert, nicht hinnehmen. Sie wollen aufstehen und kämpfen. Und das möchte auch ich tun. So lange, bis die Menschen in meinem Land frei sind und ein Leben in Menschenwürde führen. So lange, bis eine Frau im Iran in einem kurzen Rock und mit offenen Haaren auf die Straße gehen und im Regen tanzen kann.

So lange, bis auch ich wieder in mein Heimatland zurückkehren kann, ohne die Angst haben zu müssen, verhaftet, gefoltert oder sogar getötet zu werden. So lange, bis ich in meinem Heimatland frei sein kann. Denn wir alle sind so lange nicht frei, bis auch der letzte Mensch auf der Welt in Freiheit leben kann. In Freiheit, Gleichheit und Menschenwürde. Denn wir sind alle Menschen. Darauf kommt es an.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.08.2023, Nr. 193, S. 26 - Der Name der Autorin ist der Redaktion bekannt. Zu ihrem Schutz nennen wir ihn hier nicht.

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