Ariel Rossi kam als Kind aus Argentinien in die Schweiz. Die Musik gibt in seinem Leben den Ton an.
Ich will hier so schnell wie möglich wieder weg" war der erste Gedanke des damals zwölfjährigen Ariel Rossi, als er mit seiner Familie aus Argentinien in die Schweiz zog. Heute ist er 42 Jahre alt, begeisterter Musiklehrer und tritt als Gitarrist mit den unterschiedlichsten Bands rund um den Globus auf. Und noch immer lebt er in der Schweiz, in Albisrieden bei Zürich. "Ich habe mich schnell eingelebt und an das neue Umfeld gewöhnt", meint er. Rossi sitzt im Musikzimmer zwischen Gitarren und Notenständern. Er trägt schwarze Jeans, eine schlichte Trainingsjacke und Converse-Schuhe, die Schuhbändel lässig offen. Dunkle Locken fallen ihm in die Stirn, und seine tiefgrünen Augen lachen freundlich, während er von seiner Kindheit in Argentinien erzählt.
Die Musik begeisterte Rossi von klein auf und verbindet die ganze Familie. "Meine Mutter singt Tango, und meine Schwester ist Klavierbauerin. Auf den Familienfesten in Argentinien, den Asados, wo musiziert, gesungen und getanzt wird, kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit der Musik. Mit acht Jahren habe ich selbst begonnen, Gitarre zu spielen und Unterricht zu nehmen", erzählt Rossi. Auf die Frage, wieso er sich für die Gitarre entschied, antwortet er lachend: "In Argentinien ist die Gitarre so populär, dass ich mich nie gefragt habe, welches Instrument ich einmal spielen möchte." Vor dreißig Jahren beschloss seine Familie aufgrund der finanziellen Lage in die Schweiz zu ziehen. "Für mich war es eine große Umstellung, und ich vermisste die Familienzusammengehörigkeit, die wir in Argentinien hatten. In der Schweiz nahm ich das Zusammenleben als kälter wahr. Ich wollte wieder zurück in meine Heimat." Die deutsche Sprache hatte er als Kind zwar von seinem Vater, der gebürtiger Schweizer ist, gelernt, doch über die Jahre völlig vergessen. "Ich konnte nicht einmal bis drei zählen, als ich in die Schweiz kam", sagt er. "Musiker wollte ich schon immer werden, doch mir wurde gesagt, dass dieser Beruf in der Schweiz zu riskant sei und ich eine sichere Ausbildung machen sollte. Deshalb studierte ich während fünf Jahren Jazz in Zürich, da mich diese Musikrichtung besonders interessierte. Die Ausbildung bestand aus Theoriefächern und einem Schwerpunkt Pädagogik. Für mich war bereits klar, dass ich nach der Ausbildung als Musiklehrer tätig sein würde." Seit mehr als 15 Jahren unterrichtet er nun an den Musikschulen Hombrechtikon und Knonauer Amt im Kanton Zürich. Er arbeitet drei Tage die Woche als Musiklehrer, an den übrigen Tagen tritt er auf Konzerten auf, komponiert neue Lieder für seine Band Musique En Route oder bearbeitet Musikaufträge in seinem Studio. "Oft erhalte ich von Bands eine Aufnahme, die aus Schlagzeug, Bass und manchmal auch Gesang besteht, und füge dann eine Gitarrenspur hinzu, um das Lied zu vervollständigen. Wichtig ist mir die Balance zwischen dem Unterrichten und der kreativen Arbeit als Musiker."
Sein Arbeitstag beginnt erst am Mittag. "Deshalb stehe ich gegen zehn Uhr morgens auf. Der Unterricht dauert dafür bis spätabends, was für mein soziales Leben belastend ist. Ich habe mich jedoch gut daran gewöhnt, und mein Umfeld besteht hauptsächlich aus Musikern mit ähnlichen Arbeitszeiten." Er unterrichtet Schüler im Alter zwischen fünf und zwanzig Jahren. Neben klassischer Gitarre unterrichtet Rossi auch E-Gitarre, E-Bass und Ukulele. "Ich bin sehr dankbar, dass ich meine Leidenschaft zum Beruf machen konnte und meine Gitarre jederzeit griffbereit habe." Er deutet auf die dunkelbraune Gitarre aus Zedernholz und Palisander neben ihm. "Mir ist es wichtig, den Unterricht auf die Bedürfnisse der Schüler angepasst zu gestalten. Zum einen lernen sie Grundlagen wie das Notenlesen und Rhythmus, zum anderen schaue ich, was sie gerne spielen wollen." Vor allem aber beim Erwachsenenunterricht komme es vor, dass manche das Notenlesen nicht lernen wollen. "In diesem Fall frage ich nach, was sie erreichen wollen. Ob sie einfache Akkorde oder ein Solo spielen möchten."
Die Abwechslung genießt der Musiker besonders. So kommt es, dass er in unzähligen Bands mit den verschiedensten Musikrichtungen mitspielt. "Meistens werde ich von den Bands direkt angefragt, oft auch durch Mundpropaganda oder über Social Media." Ob er Hochzeiten zusammen mit Sängerinnen begleitet oder auf Bühnen vor mehreren Tausend Zuschauern spielt, nicht selten begleitet ihn die Nervosität. "Wenn ich auf einem Festival vor vielen Menschen auftrete, bin ich meistens sehr entspannt und kann meinen Auftritt genießen. Wenn ich jedoch in einem Saal vor wenigen Dutzend Menschen spiele, bin ich deutlich nervöser, weil jeder noch so kleine Fehler auffällt. Schon ein Gähnen oder ein böser Blick verunsichert mich teilweise", meint er. "Als ich zum Beispiel im Kanton Glarus bei einem Candle-Light-Dinner auftrat, fiel mir eine Frau auf, die während des ganzen Auftritts am Handy war und alle drei bis vier Minuten gähnte. Auch wenn der ganze Saal den Auftritt genoss, verunsicherte mich das Verhalten dieser einzelnen Zuschauerin. Das finde ich etwas schade." Als Tipp gegen die Nervosität empfiehlt er, den Auftritt optimal vorzubereiten und verinnerlicht zu haben.
"Mein größter Traum ist es, mit der Musik zu reisen. Durch die Musik lerne ich die Kulturen und Menschen in neuen Ländern auf eine ganz andere Art und Weise als durch den Tourismus kennen." Lima, São Paulo, Santiago de Chile, Mexiko City, jeden Ort verbindet der Musiker mit einem unvergesslichen Erlebnis seiner Südamerikatournee. "In Mexiko City hatte ich meinen bisher größten Auftritt. Schon am Flughafen wurden wir von Fans erwartet, die Fotos und Autogramme wollten. Wir haben bis heute keine Ahnung, wie sie von unserer Ankunft erfahren haben. Während des Auftritts sang das Publikum so laut mit, dass wir uns selbst kaum mehr spielen hörten." Als Nächstes steht eine Schwedentournee an.
Ein halbes Jahr unterrichtete er an einer Musikschule in Videira in Brasilien. "Für mich war es ein unglaubliches Erlebnis zu sehen, wie verschieden die Menschen sind und was es bedeutet, mit Musik aufzuwachsen. Zwar hielten die Schüler die Gitarren gleich schräg wie in der Schweiz, aber ich entdeckte zum ersten Mal, was es heißt, den Rhythmus im Blut zu haben", schwärmt Rossi. "Für die Zukunft wünsche ich mir, wieder mehr argentinische Musik zu spielen und zu meinen Wurzeln zurückzukehren. Seit einigen Jahren begleite ich den Gesang meiner Mutter mit der Gitarre."