Die Hausarbeit muss fertig werden

Als sechsfache Mutter erfolgreich im Studium

 

Isabelle Alan sitzt entspannt auf dem Sofa im Wohnzimmer ihres Einfamilienhauses in der Nähe von Heidelberg. Neben ihr liegt ein junger Labradoodle, das jüngste Mitglied der Familie Alan, und neigt interessiert den Kopf, als wolle er auch einen Blick in das auf ihrem Schoß liegende Fachbuch werfen. An den Wänden hängen Fotos von Zwillingen, Drillingen und einem weiteren kleinen Mädchen. Es sind ihre Kinder. Sechs an der Zahl. Allein das macht sie bereits zu einer außergewöhnlichen Frau. Wie es die 48-Jährige daneben noch geschafft hat ein Studium zur Grundschullehrerin zu absolvieren, bleibt vielen ein Rätsel.

 

Als ihre jüngste Tochter, die heute neunjährige Irem, in den Kindergarten kam, wollte sie einen beruflichen Neuanfang. Sie hatte Zweifel, ob das mit sechs Kindern zu schaffen sei. Doch die Grundschullehrerin der heute 15-jährigen Drillinge ermutigte sie, den Schritt zu wagen. "Keiner wusste von meinem Plan, bis die Immatrikulation bestätigt war, weil es mir tatsächlich etwas peinlich gewesen wäre, wenn ich eine Absage bekommen hätte", gesteht Isabelle Alan. Heute, fünf Jahre nach Studienbeginn an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg, ist sie froh, dass sie den Schritt gewagt hat. Es sei zwar teilweise stressig gewesen, jedoch auch erfüllend. Die Reaktion von Verwandten und Freunden fand die gut organisierte, sechsfache Mutter überraschend positiv: "Ich hätte eher Naserümpfen oder so erwartet, aber die meisten waren begeistert." Viele freuen sich mit ihr, dass sie ihren Traum verwirklicht. Auch ihre Kinder haben nichts dagegen, da es auch etwas Positives hat, eine Mutter zu haben, die Lehrerin wird, verrät der 15-jährige Evren: "Sie hilft uns nun häufiger bei den Hausaufgaben." Auch seine Drillingsschwestern, Gizem und Sinem, sehen die Veränderung positiv. Ihr Ehemann Ibrahim, der eine Praxis als Urologe hat, ist ebenfalls stolz auf seine Frau. Als sie das erste Mal von der Idee erzählte, war er zwar überrascht, aber das im positiven Sinne. "Das Studium ist für sie eine Selbstbestätigung, die aber auch gesundheitliche Spuren hinterlassen kann", weiß der Arzt nur zu gut. Das erscheint fast unumgänglich. Denn wenn man tagsüber die "Mamafunktion" inne hat und sich dann noch, wenn alle Kinder versorgt sind, als Studentin an den Laptop setzt, ist das belastend. Ihr Mann Ibrahim ist glücklich, dass Isabelle diese Belastungen gut meistert. Die 23-jährige Dünya, mittlerweile selbst Lehramtsstudentin, sagt, dass es zwar besonders am Anfang ungewohnt gewesen sei, aber irgendwie auch "cool".

 

Oberste Priorität hat für Isabelle Alan jedoch immer die Familie. Ihren Seminarplan richtete sie nach den Betreuungs- und Schulzeiten ihrer Kinder aus. Dabei half die Tatsache, dass man sich als Studentin die zu belegenden Seminare weitestgehend aussuchen kann. Deswegen hatte sie die ersten drei Jahre die Seminarthemen auch nicht nach Interesse gewählt, sondern nach der zeitlichen Lage im Studienplan - ein Kompromiss. Das führte zu kompakten Lernblöcken von vier bis sechs Stunden am Stück, um dann nachmittags wieder zu Hause zu sein, wenn die Kinder kommen. Das verlief nicht immer reibungslos, und so musste auch manche Nachtschicht eingelegt werden, um zum Beispiel eine Hausarbeit fristgerecht fertigzustellen. Ihr Einstieg ins Studium führte am Anfang bei ihren Kommilitoninnen zu Irritationen aufgrund des Altersunterschieds. Isabelle Alan beschreibt Situationen, in denen sie gesiezt wurde oder erst mal die Frage im Raum stand, ob sie die Dozentin sei. Jedoch nach einigen Seminaren wurde es für alle wie selbstverständlich. Auch die Dozierenden gingen damit locker um.

 

Sogar die Tatsache, dass die älteste Tochter, die 23-jährige Canay, an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg studiert, ist mittlerweile zur Normalität geworden. Das erste Treffen auf dem Flur der Hochschule war zwar etwas unbeholfen, da Isabelle Alan ihre Tochter normalerweise mit Küsschen begrüßt, sie in dem Moment aber nicht sicher war, ob es angemessen ist. Mit der Zeit hat sich auch diese Unsicherheit gelegt und alle, die von der Mutter-Tochter-Beziehung wissen, schmunzelten, wenn sie die beiden mal zusammen sahen. Insgesamt lastet trotz allem eine Reihe an Herausforderungen auf den zierlichen Schultern der Hobby-Balletttänzerin, die dreimal die Woche trainiert. Doch sie selbst ist der Meinung, dass Belastbarkeit eine ihrer größten Fähigkeiten ist. Durch die Geburt von Zwillingen und Drillingen und ihrem Engagement als baden-württembergische Landesvertreterin der Internationalen Drillings- und Mehrlingsinitiative und jetzt auch als erste Vorsitzende bundesweit hat sie früh gelernt, sich zu organisieren und alles zusammenzuhalten. Das hilft in vielen Lebenslagen.

 

Durch die Corona-Pandemie hatte sich das Familienleben stark verändert. Irem, Gizem, Sinem und Evren saßen nun jeden Tag zu Hause und mussten ihre Aufgaben für die Schule erledigen. Da kam es eben schon mal vor, dass während einer virtuellen Seminarveranstaltung ein Kind ins Zimmer platzte und ganz dringend etwas wissen wollte. Die Dozenten lächelten darüber, keinen störte es. Selbst die Kleinste hat gelernt, dass die Mama etwas lernen muss und nicht immer sprungbereit ist. Isabelle Alan hat mittlerweile ihren Master abgeschlossen und arbeitet seit eineinhalb Jahren als Dozentin an der PH, unterrichtet Türkisch und demnächst auch Bulgarisch. "Das ist superspannend, und ich möchte das nicht missen", sagt die Frau, die aus kleinen Verhältnissen stammt und fünf Sprachen spricht. Sie wird ein Referendariat machen, übernimmt aber schon Lehrtätigkeiten an der Grundschule. In die Zukunft schaut sie positiv. Auf neue Herausforderungen freut sie sich. Wenn sie sich heute noch mal entscheiden müsste, was sie tun möchte, würde sie genau denselben Weg einschlagen.

 

Anderen Vätern und besonders Müttern will sie mitgeben, dass sie es ausprobieren sollen. Sie empfiehlt allen, die mit einem späten Studium liebäugeln, sich aber bisher noch nicht getraut haben, den Schritt zu wagen, nicht davor zurückzuschrecken - schon gar nicht wegen der eigenen Kinder. Jeder könne es schaffen, wenn der Wille da sei. Es brauche zwar viel Organisation und Selbstdisziplin, jedoch sei sie das beste Beispiel für alle.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.04.2023, Nr. 79, S. 26 - Kristin Trumpa, Dietrich-Bonhoeffer- Gymnasium, Eppelheim

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