Auf dem Land ist der Automat ein Volltreffer
Sief ist ein Dörfchen bei Aachen, ruhig und idyllisch. Zu ruhig? Nein, denn hier entstand aus einer kleinen Idee etwas Großes. Angefangen hat alles auf einem Bauernhof der Familie Radermacher, die das Anwesen bereits in siebter Generation führt. Aus der Idee der Landwirtin Marilu, einen Milchautomaten aufzubauen, hat sich innerhalb von wenigen Jahren ein Mittelpunkt für die im nahen Umkreis wohnenden Menschen entwickelt. Was 2016 eine Anlaufstelle für Milch war, ist nun der Ort, um sonntagmorgens Brötchen zu holen, sich nach Lust und Laune Cupcakes oder ein paar Eier zu kaufen, wenn bereits alle Supermärkte geschlossen haben, und das in Selbstbedienung 24 Stunden, sieben Tage in der Woche. Alle Produkte stammen aus der Region, die Milch wird von den eigenen Weidekühen der Familie produziert.
Das stetig wachsende Angebot hat dafür gesorgt, dass das kleine Café bekannt geworden ist. Aufgrund der großen Nachfrage sei ja erst aus dem reinen Milchautomaten das "Milchcafé Radermacher" entstanden, was für die leidenschaftliche Bäckerin und Besitzerin des Cafés Marilu Radermacher ein Job mit Spaßfaktor ist, wie sie sagt. Zu Beginn habe sie auf gut Glück vier kleine Körbchen mit 50 Brötchen in das Café gestellt. Dass innerhalb weniger Stunden alle Brötchen ausverkauft sein würden, damit hatte sie nicht gerechnet. Seither kann in der Region morgens das Kind "kurz zum Brötchenholen" geschickt werden. Radfahrer finden in dem Café ein schönes Plätzchen zum Rastmachen. Marilu Radermacher bäckt mittlerweile knapp 800 Brötchen am Wochenende, und das seit drei Jahren. Butter, Milch, Eier und Nudeln werden auch angeboten.
Das Wachstum bringt nicht nur positive Seiten mit sich. Schweren Herzens stellt die Bäuerin eines Tages während des Corona-Lockdowns fest, dass in ihrer offenen Kasse weniger eingezahlt wurde, als sie selbst ausgegeben hatte. Das war traurig: "Leider wurde so viel gestohlen, dass ich die kleine Blechdose, in die man selbständig Geld einwerfen konnte, gegen einen Automaten mit Geldeinwurf austauschen musste." Nun wird die Ware nur noch gegen Bargeld ausgegeben. Das hat die gebürtige Tamilin enttäuscht. Täglich kommen 25 bis 40 Kunden aus den Ortschaften Schmithof, Sief, Lichtenbusch und dem nahen Belgien zu dem gartenhausgroßen, hellblauen Haus auf dem Grundstück der Familie. Manche Kunden staunen nicht schlecht bei der Nachfrage, wer denn der Chef ist, wenn sie dann eine eher kleine Frau erblicken. "Na, einige sind es eben nicht gewöhnt, dass Frauen so etwas auf die Beine stellen können", lacht die Inhaberin. Für sie stehe die Freude im Vordergrund. Dass sie diese hat, ist unschwer erkennbar anhand ihrer kunstvollen Backerzeugnisse wie Torten oder Cupcakes, die sie an besonderen Tagen und Festen anbietet.
Man merkt ihr an, dass ihr Wille, den Laden auszubauen, groß ist, sie ist präsent in den sozialen Medien. Mit viel Überzeugungskraft bringt sie ab und an ihren Mann Frank dazu, zu helfen, ihren Traum zu verwirklichen. Für die Zukunft plant sie den Verkauf von Kuchen im Glas. Viele Radfahrer pausieren auf der gemütlichen Terrasse, andere erfreuen sich an dem Erlebnis des Einkaufens. Durch ihre Tätigkeit werden die regionalen Landwirte unterstützt, die sich für einen fairen Milchpreis und nachhaltige Erzeugung einsetzen.