Die Probleme zeigen sich in der Praxis

Daniel Schroeder therapiert Kinder und Jugendliche

Auf dem Weg zu seiner Praxis in der Bahn geht Daniel Schroeder die Akten der Patienten des anstehenden Arbeitstages durch und bereitet sich auf die Therapiestunden vor. Schroeder ist drei Tage pro Woche in seiner Praxis in Birkenwerder und therapiert Kinder und Jugendliche, die restlichen Tage nutzt er für Telefonsprechzeiten und Büroarbeit von zu Hause aus. Seit 2019 arbeitet er als Therapeut in einer Praxis und ist sehr zufrieden, obwohl diese Berufslaufbahn gar nicht sein Ziel war. "Ich habe Psychologie studiert, und als ich angefangen habe, wollte ich alles, nur nicht Therapeut werden." Spannend waren für ihn hauptsächlich die Prozesse im Gehirn. Als er in seinem ersten Praktikum dann innerhalb der Schulpsychologie mit Kindern gearbeitet hat, empfand er dies auch als sehr interessant. Nachdem er sein Studium beendet hatte, machte er die für eine eigene Praxis nötige Ausbildung zum Therapeuten. Vorerst arbeitete er jedoch viel mit Computern und merkte dann, auch durch Praktika, dass er lieber mit Menschen arbeiten wollte. "Ich wollte lieber mit Kindern arbeiten, weil man schneller merkt, wenn man etwas falsch macht, und sich dementsprechend besser anpassen kann. Außerdem dachte ich, dass ich mich mit Erwachsenen schnell langweilen würde."

 

Die kleine Praxis des 45-Jährigen besteht aus einem Vorraum, einem kleinen Büro, einem Bad und einem Therapiezimmer. In diesem steht ein runder Tisch mit vier Stühlen, die Wände sind gelb, die Fensterfront wird von milchigen Vorhängen verdeckt. Es gibt ein Whiteboard, eine Kiste mit Spielzeugen und ein Regal mit Büchern und Gesellschaftsspielen. An den Wänden hängen Plakate und von Kindern gemalte Bilder. Bis zu neun Therapiestunden gibt Schroeder hier am Tag. In diesen Stunden spricht er mit seinen Patienten über ihre Probleme und Sorgen und überlegt, welche psychologischen Konzepte wirksam sein könnten. Vor dem Mann im schwarzen Strickpulli und grauen Jeans liegt ein iPad, das er zum Mitschreiben während der Gespräche nutzt. Mit ruhiger Stimme erklärt er, dass sein Beruf viel eigenständige Weiterbildung mit sich bringt: "Zum Job gehört für mich tatsächlich auch viel Lesen, oft auf die spezifischen Probleme der Patienten angepasst. Aktuell lese ich ein Buch zum Thema Prokrastination, also das ständige Aufschieben von Dingen." In seiner Praxis sind alle willkommen, die sich um irgendetwas Sorgen machen, denn selbst wenn es nichts Ernsthaftes ist, gehen die meisten nach einer professionellen Einschätzung beruhigter nach Hause. "Das ist wie, wenn man bei einer Erkältung zur Sicherheit den Arzt aufsucht." Unbedingt zu ihm kommen sollten Eltern, wenn einzelne Lebensbereiche der Kinder beeinträchtigt oder Entwicklungsrückstände feststellbar sind. Erfolgreich sind Psychotherapien vor allem dann, wenn beim Patienten eine Veränderungsmotivation und der Wille, mit dieser Therapie etwas zu verbessern, bestehen. "Das ist aber nicht nur vom Patienten selbst abhängig, sondern auch viel davon, wie die ersten Stunden verlaufen und wie das Verhältnis zum Therapeuten ist." Hauptsächlich behandelt er Patienten im Alter von neun bis 17 Jahren. Bei seinen Patienten häufen sich depressive Erkrankungen, während im Grundschulalter häufig externalisierende Störungen wie ADHS auftreten. Angststörungen ziehen sich durch alle Generationen, die er behandelt. Auch mit Zwangsstörungen hat er zu tun.

 

Seine Arbeit kann emotional fordernd sein, da die Probleme der Patienten auch dem Psychologen nahegehen können und der Umgang damit viel Selbstachtsamkeit erfordert. "Schon als ich im Zivildienst im Krankenhaus gearbeitet und viele Menschen sterben sehen habe, gelang es mir schon recht gut, die Erlebnisse von der Arbeit nicht mit nach Hause zu nehmen." In der Ausbildung zum Psychotherapeuten ist Selbsterfahrung und Selbstfürsorge ein wichtiger Inhalt, um das zu erlernen. Im richtigen Berufsalltag kostet das viel Eigenverantwortung. Die ständige Selbstwahrnehmung ist nötig, um zu erkennen, welche Themen der Patienten den Therapeuten durch ähnliche Erfahrungen emotional treffen können. Auch deswegen haben Psychotherapeuten ein hohes Burn-out-Risiko, sie müssen daher ständig schauen, inwiefern ihre psychische Situation vom Job beeinflusst und hervorgerufen wird. "Ich glaube, dass unsere Berufsgruppe dazu neigt, zu glauben, sie müsste das jetzt auch noch schaffen und für die Menschen da sein", sagt Daniel Schroeder. "Ich mag es, dass ich in der Praxis bin und weiß, gleich kommt jemand und der macht jetzt was mit mir, statt mich ständig zu fragen, was jetzt meine Aufgabe ist." Den Nachhauseweg in der Bahn nutzt er, um die Notizen zu den Patienten zu vervollständigen, Ideen zu ergänzen und die Sitzungen zu reflektieren.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.06.2023, Nr. 128, S. 26 - LIVIA DAHLKE, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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