"Im Skulpturenknast einjesperrt, watt soll dit?!" Die Berliner Künstlerin Suzy van Zehlendorf will die Kunst aus den Museen befreien.
Berlin-Spandau, 10 Uhr in der Kunstwerkstatt "Mosaik". Vertieft in ihr aktuelles Projekt, sitzt die 43 Jahre alte Künstlerin Suzy van Zehlendorf an ihrem Platz und schneidet kleine Bilder aus Zeitschriften zurecht. Sorgfältig klebt sie die Schnipsel in ein herkömmliches Wissensbuch über Haie: "Ick klebe irgendwat rin, und dann ist jut", erklärt sie, während sie weiter konzentriert eines der vielen Bilder positioniert. Sie gestalte ihre Kunstwerke immer so, wie es kommt, ohne viel darüber nachzudenken: "Ick nehme dit, watt ick jerade in die Hände krieje." Sie greift zu einem Katzenbild. Ein gutes Gesprächsthema, um das zunächst noch etwas zähflüssige Gespräch aufzulockern. Seite für Seite blättert sie um, sodass man einen Eindruck von ihrem aktuellen Kunstwerk bekommt.
Der bunte und auf den ersten Blick etwas chaotische Anblick der Umgebung spiegelt sich in van Zehlendorfs Aussehen wider: Auf dem Kopf trägt sie einen schwarzen Helm, den ein kleines Bild des Schlosses von Charlottenburg ziert, ihre Nase ist mit einem Stück Pappe beklebt, und vor ihrem Körper prangt eine große Holzkiste, einem Bauchladen ähnelnd. Ein Gebäude ist zu erkennen. Es ist blau. Blau sei ihre Lieblingsfarbe, da diese eine beruhigende Wirkung auf sie habe. Schnell wird deutlich, dass es sich um das Potsdamer Stadthaus handelt. Das Kunstobjekt um ihren Hals hat aber auch eine praktische Funktion: "Dit ist meene Tasche für meenen Finanz- und Behördenkram und so. Deswegen auch een Rathaus", erklärt sie stolz.
Was bewegt sie zu ihrer ausgefallenen Kunst, ihren künstlerischen Aussagen, ihrem besonderen Aussehen, das Teil ihrer Kunst ist? Suzy ist nicht irgendeine Künstlerin. Sie hat eine geistige Behinderung und das Glück, als eine anerkannte Künstlerin in der Mosaik-Werkstatt in Berlin-Spandau arbeiten zu dürfen. Seit 1996 unterstützt und fördert dort ein kleines Team etwa zwanzig Werkstattbeschäftigte in verschiedenen Disziplinen des bildnerischen Arbeitens. Die Arbeiten werden in Deutschland und im Ausland ausgestellt. Suzy hinterlässt ihre persönliche Note in ihren außergewöhnlichen Kunstwerken. Spricht man sie auf eine ihrer vielen im Atelier verteilten Skulpturen an, wirkt sie stolz und beginnt zu erzählen: "Dit soll der Drache Koks sein, aber den mag ick nicht! Er spuckt nämlich Feuer, und dann können Brände entstehen", ergänzt sie. "Aus dem hab ick Micky Maus jemacht. Aber aus Sicherheitsgründen muss er noch einen Maulkorb tragen." Sie holt ein Bild aus ihrem Katalog hervor. "Und hier hat er ein Mikrofon. Dann kann er nämlich singen statt Feuer spucken."
An der Wand hängen Werke aus Keramik. Auch hier sind Figuren zu sehen, die einen Maulkorb tragen. Zusätzlich hat Suzy ihnen Schnuller verpasst, die sie, wie zahlreiche weitere Materialien auch, auf der Straße gefunden hat. "Dit sind Putin, Trump und Hitler als Küken. Die mocht ick überhaupt nich!", erklärt sie. Bringt der Maulkorb Herrscher zum Schweigen, verwandelt der Schnuller sie in unschuldige Kinder? "Mensch", "Kind"? Van Zehlendorf kennt diese Begriffe nicht, vermeidet sie vehement: Anstatt von einem Kind zu reden, nutzt sie das Wort "Küken". Genauso spricht sie nicht von Menschen, sondern von "Hähnen". Dieser besondere Sprachgebrauch spiegelt sich in zahlreichen weiteren Kunstwerken im Atelier wider: Viele Skulpturen zeigen eine Mischung aus Mensch und Hahn. So zum Beispiel das Corpus des gekreuzigten Christi am Kreuz, dessen Kopf und Extremitäten die eines Hahnes sind. Ihrer Meinung nach gebe es nur Hähne und keine Menschen. Sieht man ihre Skulpturen als Menschen an, reagiert sie empört: "Ach ne, dit will ick janich hören!" Weitere Fragen zu diesem Thema möchte sie nicht beantworten: "Kann ick jetz nicht erklären. Ick mag es nich so, wenn jemand solche Fragen stellt, und dann hab ick keen Bock zu antworten." Doch es wird vermutet, dass diese Gedanken etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun haben.
Die Künstlerin reproduziert und verändert Objekte und Darstellungen von Personen, die eine Gefahr darstellen oder die sie nicht leiden kann. Außerdem bildet sie Skulpturen oder Gemälde nach, die in Museen ausgestellt sind: So zum Beispiel im Bode-Museum. Sie gehören ihrer Meinung nach nicht dorthin: "Ick mag Jeschichtlichet, aber nicht watt Deprimierendet, sowie dit Bode-Museum." Konsequenz: "Die Kunst muss befreit werden!"
Zurück zur Skulptur des Crucifixus des an sein Kreuz genagelten Christus, die ursprünglich im Bode-Museum ausgestellt wird. Van Zehlendorf hat sie reproduziert, um Christus aus dem Museum zu befreien: "Jesus will in der Kirche hängen und nich im Museum! Aber er kann ja nicht runter, er ist ja anjenagelt. Jesus wohnt doch in der Kirche", protestiert Suzy. Der Hahnenkopf und das fehlende Kreuz sind ihre Neuschöpfung: "Nun kann er sich frei bewejen!" Die tiefe Abneigung gegen Museen, insbesondere gegen das Bode-Museum in Berlin, scheint der Motor für van Zehlendorfs Kunst zu sein. Sprechen möchte sie hierüber zunächst nicht, kramt aber nach und nach weitere Kunstwerke hervor: Exponate des Bode-Museums, aus Katalogen ausgeschnitten, besprüht, übermalt, verändert sie mit Farbe, um die Originale "künstlerisch zu zerstören", wie sie lautstark betont. "Bode durchlöchern", Bode mit Corona infizieren sind nur einzelne Beispiele für ihr künstlerisches Anliegen. "Schau mal, Bode hat Corona bekommen!", ruft sie also lachend, während sie ein mit vielen Coronaviren bemaltes Gemälde in die Luft hält. Sie stöbert weiter, bis sie auf einmal laut aufschreit: "Bode!" Sie rennt mit einem Bild in der Hand, das das Museum zeigt, zum Mülleimer und entsorgt es. Dieser Anblick des Bildes verursacht in ihrem Inneren offensichtlich erneut eine so tiefe Abscheu gegenüber dem Museum, dass diese Empörung all ihren Widerwillen, hinsichtlich eingesperrter Kunst zu sprechen, durchbricht.
Von nun an bringt sie ihre Anliegen, die sie zunächst verdrängt hat, zum Vorschein. "Bode ist dunkel, düster und deprimierend . . . Nee danke! Ick weeß nich, welcher Vollidiot so watt baut!" Sie kann sich jetzt sogar dazu überwinden, das Museum nicht nur von außen, sondern auch von innen zu betrachten: "Dit is so schlimm! Sie können nicht rauskieken!", bemerkt Suzy, während sie weiterhin noch immer unsicher auf das Handy mit den vielen Bildern der dunklen Innenräume schaut. "Die Skulpturen sehen so traurig aus!" Auch können die Skulpturen, weil die Scheiben "blind" seien, nicht aus dem Museum herausschauen. Eine Skulptur zeigt eine Tanzbewegung. Wenn man darauf anspielt, dass diese Statue doch glücklich aussieht, antwortet sie nur: "Die muss doch tanzen!" Mit etwas Schönem müsse man sich ablenken, wenn man in solch einem Raum "einjesperrt" sei. Suzy ist der Meinung, die Skulpturen benötigen mehr Platz. Sie dürfen nicht in dunklen und engen Ausstellungsräumen "eingesperrt" werden.
"Im Skulpturenknast einjesperrt, watt soll dit?! Raus aus dem Knast! Alle raus, Buddha bleibt aber drin."
Zu der Frage, wie man mit den Skulpturen stattdessen umgehen sollte, bemerkt sie abschließend: "Hinter dem Schloss Charlottenburg! Im Freien. Wo se sich bewejen können." Dies verdeutlicht, warum sie Schlösser und besonders das Schloss Charlottenburg bevorzugt. "Charlottenburg strahlt raus. Is größer! Die Skulpturen können raus und rein. Die Fenster sind nicht zujeblendet. Haste ja gesehen!"
"Die Skulpturen, die da drinne sind, können von Glück reden!" . . . und diejenigen Kunstobjekte, die nicht das Glück haben, in Schlössern "leben" zu dürfen, befreit Suzy van Zehlendorf eben durch ihre künstlerischen Veränderungen. Auch diese Kunst kann von Glück reden, dass sie in Suzys Hände fiel.