Vom Resailing einer Journalistin
Es braucht viel Mut, ein gewisses Risiko und ein bisschen Glück, sich einer neuen Etappe des Lebens zu stellen und selbständig zu werden", erzählt Sandra Hänni, die Besitzerin eines kleinen Ladens im Zentrum von Meilen, einem Dorf am Zürichsee. Als sie vor acht Jahren ihre erste Tasche aus einem gebrauchten Segel genäht hatte, war sie begeistert. Stolz postete sie das Unikat auf Facebook, und auch die Begeisterung ihrer Freunde war groß.
Es war das erste Mal, dass Sandra Hänni mit einem Segel gearbeitet hatte. Sie hatte es von ihrem Schwiegervater bekommen, der hoffte, sie könne etwas damit anfangen. Vor vier Jahren konnte sich dann die Mittvierzigerin ihren Traum erfüllen und ihr Geschäft "Resailing" eröffnen. "Ich habe so mein Glück gefunden", sagt sie verträumt, während ihre blauen Augen funkeln. Ihr leicht ovales Gesicht wird fast von ihrem dunkelbraunen Haar verdeckt, das sie offen über ihre Schultern trägt, aber ihre stahlblauen Augen stechen hervor. Glücklich schaut sie sich in ihrem eigenen Laden um.
Bevor sie ihrem Traum nachgehen konnte, arbeitete Hänni als Journalistin bei verschiedenen Zeitungen, dem Lokalfernsehen und als News-Redakteurin bei Radio Z, das heute Radio Energy heißt. Obwohl sie mit achtzehn Jahren ihre kaufmännische Lehre abgeschlossen hatte, entschied sie sich für einen sprachlichen Beruf. Nach knapp zwanzig Jahren in dieser Branche wünschte sie sich aber eine Veränderung und gab ihren Job auf. "Das Tolle war vor allem die Reaktion meiner Freunde, die mir bestätigten, dass es die richtige Entscheidung war", sagt sie mit einem Lächeln.
Das Besondere an ihrem Konzept: Jedes Produkt, das sie näht, ist ein Unikat, denn kein Segel gibt es zweimal. Mittlerweile hat sich Hännis Laden unter den vielen Seglern auf dem Zürichsee herumgesprochen. So erhält sie alte Segel häufig geschenkt, oder sie kann sie bei einer Werft abholen. "Nachhaltigkeit wird bei mir großgeschrieben", sagt die Besitzerin bestimmt. Ihre Kunden sollen wissen, dass alles selbst gemacht wird und dies auch seinen Preis hat. Hinter der Herstellung einer größeren Tragetasche steckt eine Arbeitszeit von drei bis fünf Stunden. Im hinteren Teil des Ladens hat Sandra Hänni ein kleines Atelier eingerichtet. Insgesamt hat sie an die tausend Produkte hergestellt und verkauft. Zwei Nähmaschinen, alte Segel, eine Bügelpresse und angefangene Fabrikate liegen im Raum verteilt. "Made in Meilen", lautet ihr Motto.
Ihren Laden hat Hänni nautisch eingerichtet. Überall sind Produkte zu sehen - Necessaires, Schlüsselanhänger, Tragtaschen oder Rucksäcke. Im Hintergrund lässt sie leise Radio laufen, und kleine Kerzen sind im ganzen Raum verteilt. Da sich ihr Geschäft in einem älteren Haus befindet, prägt Holz die Inneneinrichtung. Mit der Verwendung typischer Seglerfarben, verschiedenen Blautönen und Weiß, lässt sie den Raum erstrahlen. Poster von Segelschiffen oder dem Zürichsee zieren die weißen Wände. Von Dienstag bis Samstag platziert sie ein Schild mit der Aufschrift "Open" und ihrem Logo auf dem Bürgersteig. Das blaue Firmenzeichen, ein umkreistes Segel, zeichnet sich durch schlichtes Design aus.
"Natürlich kann man von so einem Geschäft nicht reich werden, aber ich bin froh und schätze die Unterstützung von meinem Mann und meiner Tochter, die mittlerweile 11 Jahre alt ist, sehr", erklärt sie offen. Da das Geschäft saisonal läuft, gibt es immer wieder "Ups and Downs". Während es in der Weihnachtszeit und vor den Sommerferien super läuft und Hänni viele Kunden betreuen kann, gibt es Monate, in denen eher weniger zu tun ist. Aufs ganze Jahr bezogen, kann sie die Kosten aber decken und sich einen kleinen Monatslohn auszahlen. Aber davon leben wird eher schwierig. Immer wieder investiert sie, zum Beispiel in eine größere und robustere Nähmaschine, und sie muss neue Materialien einkaufen, und auch die Unterhaltskosten sind an der Zürcher "Goldküste" nicht gerade billig. Corona hat dies nicht leichter gemacht. Aufgrund der Pandemie musste sie den Laden zweimal schließen und war zu dieser Zeit auf Onlinebestellungen angewiesen.
Trotz allem bereut Sandra Hänni keine Sekunde, diesen Schritt gewagt zu haben, denn dadurch hat sie ihr Glück für sich selbst gefunden und wurde - so drückt sie es aus - "reich im Herzen".