Mit der Zeit wird im Münnerstädter Stadtarchiv fast jeder aktenkundig
Das hier ist eines unserer ältesten Bücher, das wurde 1460 begonnen", sagt Klaus Dieter Guhling, nachdem er einen Metallschrank geöffnet und den in einem Schutzkarton verpackten Band hervorgeholt hat. Dass das Buch sehr alt sein muss, kann man ihm deutlich ansehen. Trotzdem ist es dem Stadtarchivar, der ein kariertes Hemd und Cordhose trägt und eine Halbglatze hat, möglich, dort niedergeschriebene Namen und Ämter zu entziffern. Im Stadtarchiv von Münnerstadt, einer Kleinstadt in Unterfranken, befinden sich in den Regalen viele weitere alte Bücher, deren Ledereinbände von der Zeit gezeichnet sind, außerdem sicher verstaute Urkunden und beschriftete Papierkartons. Im Flur, von dem die verschiedenen Räume abgehen, hängen in chronologischer Reihenfolge Bilder von Münnerstadts Bürgermeistern, von Studiengenossenfesten des örtlichen Gymnasiums und von Szenen aus dem Münnerstädter Heimatspiel, das seit knapp hundert Jahren aufgeführt wird.
"Ganz allgemein haben Archive die Aufgabe, Schriftgut dauerhaft zu bewahren, vor Schäden zu schützen und auf Nachfragen entsprechende Auskünfte zu geben. Das Stadtarchiv ist gewissermaßen das Gedächtnis der Stadt", sagt Guhling lächelnd. Der 82-Jährige findet sich jeden Vormittag von Montag bis Freitag nach seinem täglichen Morgenspaziergang im Archiv ein, das dann von zehn bis zwölf Uhr geöffnet ist. Meist bleibt er noch eine Stunde länger.
Das erste Mal zufällig vom städtischen Archiv und seinem Standort gehört hatte der ehemalige Latein- und Deutschlehrer 1972. Damals begann die kommunale Gemeindegebietsreform, durch die mehrere kleine Landkreise und Gemeinden zusammengeschlossen wurden. So sollten die einzelnen Archivbestände der vorher unabhängigen Dörfer ins Münnerstädter Stadtarchiv eingegliedert werden. Dies war ein großes Thema im Stadtrat, wo Guhling sich kurz darauf zu engagieren begann. Aufgrund der bevorstehenden Bestandsvergrößerung suchte man nach jemandem, der den Posten des Stadtarchivars, der vorher nur sporadisch besetzt war, übernahm. Außerdem waren größere Räumlichkeiten nötig, die Wahl fiel auf die Zehntscheune, die früher als Kornspeicher und dann als Volksschule genutzt wurde. Sie musste saniert werden, das war 1982 abgeschlossen. Im selben Jahr fand sich ein pensionierter Schulrektor als Stadtarchivar, der die nächsten Jahre die Archive der zehn eingemeindeten Dörfer in das nunmehr gemeinsame Stadtarchiv eingliederte. Dies war noch nicht abgeschlossen, als dieser 1987 aus gesundheitlichen Gründen gezwungen war, die Leitung des Archivs abzugeben. Daraufhin hat sich Guhling als Nachfolger für diese Aufgabe beworben.
"Jahrelang konnte ich die Arbeit im Stadtarchiv gut neben meinem Lehrerberuf her leisten, freilich mit Hilfskräften, die damals als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen vom Arbeitsamt bezahlt waren. Seit meiner Pensionierung habe ich ja sowieso Zeit, solange meine Gesundheit es erlaubt, das weiter zu betreiben", sagt Guhling. Auch heute arbeitet er nicht allein. Schon seit mehr als zwanzig Jahren ist an den meisten Tagen eine Mitarbeiterin ebenfalls im Archiv. Außerdem haben die beiden drei freiwillige Helfer, die sich in der Regel wöchentlich für ein paar Stunden dort einfinden. Die Frage, wer die Leitung des Archivs nach ihm einmal übernehmen kann, bleibt offen, auch wenn er und seine Mitarbeiter sich bereits seit mehreren Jahren nach einem potentiellen Nachfolger umschauen.
In den mittlerweile 35 Jahren, die Guhling dort ehrenamtlich tätig ist, hat sich das Archiv stark verändert. War es am Anfang ein zwar langer, aber einzelner Raum, so nimmt es heute das halbe obere Stockwerk sowie zwei Lagerräume im Keller ein. Heute wie damals sind in dem Gebäude außerdem weitere städtische Einrichtungen wie Feuerwehr und Stadtkapelle untergebracht.
Doch auch inhaltlich hat sich das Archiv über den Kernbestand hinaus vergrößert. Als solchen bezeichnet Guhling das im Rathaus entstandene Schriftgut, das er in die vier Kategorien Urkunden, Amtsbücher, Aktenfaszikel und Rechnungsbestände unterteilt. Teilweise befinden diese sich in Ordnern, überwiegend in beschrifteten Kartons, geordnet nach Stadtteilen und versehen mit Ziffern. Diese Nummerierung unterliegt dem sogenannten Einheitsaktenplan, allgemein gültig für Kommunalarchive. Die Unterbringung in Kartons ist deswegen nötig, weil die Schriften so vor Licht geschützt sind. Schädlingsbefälle gab es bisher nicht, Temperaturschwankungen können vermieden werden und stellen keine Gefahr dar, erklärt der Archivar. In den Lagerräumen im Gewölbekeller, in denen Schriften verstaut sind, die man nur selten benötigt, ist durchgehend ein Entfeuchter aktiv.
Jeden Tag wird im Archiv die aktuelle Seite für Münnerstadt aus der Lokalzeitung ausgewertet, wobei die Artikel ausgeschnitten und in Register nach Themen eingeordnet werden. Am Ende jeden Jahres gibt der Stadtarchivar in Auftrag, dass alle Zeitungsseiten mit der Münnerstädter Berichterstattung zu einem Band zusammengefasst werden. Aufgrund dessen sind immer mehrere Exemplare jeder Zeitungsausgabe nötig. Guhling erinnert sich an ein Ereignis, das er als eine Sternstunde bezeichnet: "Als die örtliche Zeitungsredaktion ihre Räume verlagert hat, sollten ältere Zeitungsbestände weggeworfen werden. Und da kam eines Morgens eine Mitarbeiterin und sagte: 'Herr Guhling, Herr Guhling, die schmeißen Zeitungsbände auf die Straße.' Da bin ich dann natürlich sofort hingerannt und habe 'Halt, Halt' gerufen", erzählt er lachend. "Das waren nicht weniger als 280 gebundene Bände, die die komplette Zeitung des Landkreises von 1970 bis 2001 beinhaltete, also dreißig Jahrgänge. Da haben wir also, ohne einen Pfennig aufwenden zu müssen, die Bände fürs Archiv gewonnen."
Mittlerweile sind hier Hunderte Festschriften, Jahresberichte und Abizeitungen der umliegenden Schulen, Pfarrblätter sowie an die dreitausend Plakate zu finden. Außerdem gibt es eine kleine Bibliothek. Die Bücher sind geschichtlichen, lokalen und regionalen Inhalts und können ausgeliehen werden. Es gibt eine große Fotosammlung, überwiegend in Form von Dias. Guhlings Enkel erinnern sich gut daran, wie ihr Großvater ihnen den Diakasten aufgeschlossen hat, in dem die "Bilderlein" durch die helle Beleuchtung gut betrachtet werden können. Die Fotos zeigen Gebäude der Stadt, Szenen von Veranstaltungen oder Münnerstädter. Oft stammen die Bilder aus Nachlässen. Da drei städtische Fotoläden dem Archiv ihre Negativ-Bestände übergeben haben, gibt es viele Porträt- oder Hochzeitsbilder. Sind die Namen bekannt, werden sie in die Personenkartei einsortiert. Hier kann der Archivar nicht jedem Einblick geben, auch wenn viele aus öffentlichen Quellen stammen, wie etwa Berichte oder Sterbeanzeigen in der Zeitung.
"Ich bin einfach ein Sammlertyp. Diese Sammeltätigkeit kann ich hier bestens ausleben, und zwar sinnvollerweise. Und dann ist es natürlich toll, Menschen bei ihren familiengeschichtlichen Fragestellungen weiterzuhelfen." In einem Notizbuch hat er alle Anfragen aufgeschrieben. 2022 waren es bis November 62 Anfragen, im Jahr davor 79. Laut Guhling sind dies weniger als in den Jahren vor Corona, wo er immer mit 120 Anfragen rechnen konnte. "Erst vor Kurzem hat jemand beispielsweise seine leiblichen Eltern und Vorfahren gesucht und sich an mich gewandt. Er ist dann tatsächlich mit der Münnerstädter Familie, aus der er stammte, zusammengekommen. Ein anderes Mal haben Amerikaner Nachforschungen über ihre Vorfahren angestellt, die vor über 100 Jahren von hier ausgewandert sind. Ich konnte sie dann zu ihren noch heute hier lebenden, entfernten Verwandten vermitteln." Dass er die einzige noch vorhandene komplette Seite der Münner-städter Lokalzeitung von 1884 bis 1932 aus Privathand gewinnen konnte, hält er selbst für die wichtigste Einzelerwerbung seiner bisherigen Amtszeit.