Dort landen alle

Am Flughafen Frankfurt kommen Tiere in die Animal-Lounge. Es herrschen strenge Regeln für die Einreise.

 

Im Notfall auch in der Lage sein, die Tiere zu töten." Das antwortet Andrea Göbel von der Tierärztlichen Grenzkontrollstelle Hessen auf die Frage, was für schwierige Situationen es in ihrem Beruf gibt. Auf der anderen Seite des Skype-Videoanrufs sitzt die rothaarige Frau in einem hellen Raum, hinter ihr ein Regal, an der Wand erkennt man einen Teil der Europaflagge. Sie kam mit dem festen Vorsatz zur Grenzkontrollstelle, einmal Pandabären zu sehen und zu bleiben, bis dieser Traum erfüllt ist. Und sie hatte Glück, denn "wenn's regnet, dann gießt's" meint Göbel: In den vergangenen drei Jahren kontrollierte sie vier Pandabären, drei junge und einen erwachsenen. Obwohl sich ihr Traum damit schon erfüllt hatte, arbeitet Göbel nun fast 30 Jahre am Frankfurter Flughafen. Jährlich etwa 10 Millionen Tiere untersucht sie mit ihrem Team aus 20 Tierärzten und weiteren 9 Mitarbeitern.

Die Hauptaufgabe dabei sei zu verhindern, dass Tierseuchen in die Europäische Union eingeschleppt werden. Das Team ist täglich im Einsatz, denn am Frankfurter Flughafen herrscht zwar Nachtflugverbot, aber auch an Feiertagen wird gearbeitet. "Das kann schon störend sein", sagt Göbel, aber durch das nette Team ist der Tausch im Schichtbetrieb gut möglich. Die Veterinäre können allein am Verhalten oder Herzschlag den Zustand eines Tieres feststellen. "Man weiß nie, was der Tag bringt", sagt Andrea Göbel. Jede Lebend-Tier-Sendung, die am Flughafen ankommt oder losgeschickt wird, wird kontrolliert. Häufig werden aber nicht alle Tiere einer Sendung kontrolliert, denn wenn genug von ihnen gesund sind, reicht das aus.

Es gibt einige Dinge, die beachtet und durchgeführt werden müssen, bevor ein Tier verschickt wird, wie zum Beispiel Bluttests und Impfungen sowie die Regel, dass bestimmte Tiere nur aus bestimmten Ländern in die Europäische Union eingeflogen werden dürfen. Dazu gibt es Drittlandlisten, die in verschiedenen Kategorien sagen, welche Tiere von wo einreisen dürfen. Außerdem braucht jedes Tier ein Veterinärdokument, das seine Impfungen und den Gesundheitszustand festhält. Für Hunde und Katzen gibt es noch einen Sonderfall. Andrea Göbel zeigt ein blaues Heftchen. Es handelt sich um den EU-Heimtierpass, in dem die Identität des Tieres durch einen Mikrochip und alle Impfungen, vor allem die Tollwutimpfung, festgehalten sind. Obwohl es viele Bedingungen gibt, um ein Tier zu transportieren, kann es doch vorkommen, dass Tiere mit schlimmen Krankheiten wie der in Europa weitgehend ausgerotteten Tollwut einreisen. In diesem Fall herrscht "Alarmstufe Rot".

Alle Tiere müssen nach dem Ankommen in die Frankfurt Animal Lounge, wo sie rund um die Uhr beaufsichtigt und gepflegt werden. Wenn ein krankes Tier ankommt, müssen alle anderen Tiere die Lounge verlassen, alles wird gereinigt und desinfiziert, damit sich die gegebenenfalls verheerende Krankheit nicht weiter ausbreitet. Die Lounge ist der Ort, wo mit Seuchen infizierte Tiere auch getötet werden würden. Aber "toi, toi, toi", so einen Fall gab es am Frankfurter Flughafen noch nicht.

Die Tiere sind nach dem Flug erschöpft, aber je besser sie vorbereitet sind, desto ruhiger bleiben sie während des Fluges. Keineswegs werden nur Haustiere mittransportiert, es sind auch Insekten, die als Nützlinge in Gewächshäusern eingesetzt werden, und Labortiere, die die Zahlen steigen lassen. Bei so vielen Tieren kann es auch zu Todesfällen kommen. Traurig erzählt Göbel von etwa zehn Hunden im Jahr, die auf einer Überseereise sterben. Hunde können in Flugzeugen ab einer bestimmten Größe nur im Gepäckraum mitfliegen. Fast immer sind es plattnasige Hunde mit leichter Verfettung, die die Reise nicht schaffen, denn diese Mischung zusammen mit Beruhigungsmitteln kann zu Atemnot und Herzkreislaufversagen führen. Trauer und Schock gibt es dann unter den Reisenden, wenn sie erfahren, dass ihr Hund verstorben ist, denn "alles, was wir hier transportieren, ist wertvoll" für irgendjemanden. Es ist nur ein schwacher Trost, aber Besitzer können Asche, Halsband und Box ihres Tieres bekommen.

Obwohl es nicht ihr Fachgebiet ist, erzählt Andrea Göbel auch vom illegalen Tierimport. Am häufigsten werden Tiere, die dem Washingtoner Artenschutzübereinkommen unterliegen, geschmuggelt, zum Beispiel Insekten als Nützlinge in Gewächshäusern, Pferde oder Zierfische, die vom Aussterben bedroht sind. Diesen Bereich des Imports überwacht der Zoll in Zusammenarbeit mit dem Veterinäramt. Marco Marsovszky, Leiter des Tierheims Freiburg, berichtet, dass auch sie schon einmal einen Fall von Tierschmuggel miterlebt haben: 50 vom Zoll beschlagnahmte, geschmuggelte Vogelspinnen, die dann im Tierheim untergebracht wurden.

"Die Strafen für Tierschmuggel sind hoch", sagt Andrea Göbel. Sofort wird alles Geld, das die Schmuggler bei sich führen, beschlagnahmt, und sie kommen in Untersuchungshaft. Auch für Fehler beim legalen Tierimport gibt es Strafen, "Geldbußen bei falscher Verpackung" sind üblich. So kommen auf die Preise des Transports, die aus Gewicht, Volumen und Entfernung berechnet werden, auch weitere Gelder hinzu.

Andrea Göbel und ihr Team schützen vor gefährlichen Tierseuchen wie der tödlichen Tollwut, die am Frankfurter Flughafen noch bei keinem Tier entdeckt wurde. Menschen, die diesen Berufsweg einschlagen wollen, rät die promovierte Tierärztin, tierlieb, aber "im Notfall auch krass" und in der Lage zu sein, zu entscheiden, dass ein Tier sterben muss.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.09.2023, Nr. 217, S. 26 - HELENA LEWALD, Droste-Hülshoff-Gymnasium, Freiburg

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