Dort wollen sie Feste feiern

Von Omas Obstwiese zum Elektrofestival in der Kleinstadt Heubach

 

Anfänglich wurde auf Omas Obstwiese gefeiert, getanzt und Spaß gehabt. Knapp 300 tanzfreudige Besucher waren 2013 zu Gast. Mehr als 3500 Menschen, bunte Lichter, eine große Geräuschkulisse, vier unterschiedliche, mit viel Liebe fürs Detail dekorierte Bühnen, laute Elektromusik und gute Stimmung trotz regnerischen Wetters sind es im August 2022. Je später es wird, desto matschiger wird das Gelände in Heubach in Baden-Württemberg, rund 60 Kilometer von Stuttgart entfernt.

 

Aber das tut der guten Stimmung keinen Abbruch. Das Festgelände befindet sich in der sogenannten Stellung, einem idyllisch gelegenen und von Bäumen eingefriedeten Festgelände am Rande eines großen Waldgebietes. Diese Waldlichtung liegt unterhalb des Rosensteins. Das ist ein 735 Meter hoher Berg am Aufstieg zur Schwäbischen Alb. Auf dem Gelände findet das alljährliche Elektrofestival "Wasser mit Geschmack" statt. Dessen Motto lautet: ein Festival von Freunden für Freunde. Die Idee hatten fünf befreundete junge Männer, die durch Erzählungen auf den Geschmack von Raves und Festivals kamen. So starteten sie 2013 das erste Fest unter freiem Himmel auf Omas Obstwiese. Der Ort der Geburtsstunde ist eine Streuobstwiese in der Nähe eines Pfadfinderhauses außerhalb von Heubach. Jedoch wurde Omas Obstwiese, die der Großmutter eines der fünf Gründer gehört, feinsäuberlich mit Bauzäunen abgesperrt, sodass es ein geheimes Fest wurde, das nur Ausgewählte besuchen konnten. Die Eintrittsbänder wurden im Freundeskreis kostenlos verteilt. Aufgrund des damals bekannten Festivals "Tomorrowland" entschieden sich die Gründer für die Musikrichtung IDM. Das steht für verschiedene Stile in der Elektromusik, berichtet Jonas Hägele, einer der Gründer, begeistert. Was 2013 noch zwei DJs machten, die eigentlich ein Radiosprecher und ein Sonderpädagogik-Student waren, präsentieren 2022 rund 25 Künstlerinnen und Künstler auf vier Bühnen. Die Musikrichtung des WmG-Festivals hat sich im Laufe der Jahre in die Technosparte verschoben, und bekannte Künstler wie Dominik Eulberg oder Township Rebellion legen auf. Von Jahr zu Jahr wurden es mehr Besucher, bis das Elektrofestival 2015 in die Stellung nach Heubach zog. Zwei Wochen vor dem großen Tag herrscht große Vorfreude. Dann beginnt die heiße Phase: Dekoelemente, Bauzäune und Bars müssen gebastelt und aufgebaut werden.

 

Schon kurz nach dem Ende eines jeden Festivals tüfteln die Gründer neue Konzepte aus, suchen und buchen Künstler fürs nächste Jahr und aktivieren ein Team aus rund 200 freiwilligen Helfern, die alle keine berufliche Erfahrung mit Festivals mitbringen. Dafür aber ihr handwerkliches Geschick und ihre Talente aus unterschiedlichsten Bereichen. Farbdosen, Sprühflaschen, Baumaterialien aus Holz, Metall, Styropor, Planen und Dekoelemente liegen bereit. Es ist laut, elektronische Musik tönt aus den Musikboxen. Von Jahr zu Jahr wird der Aufbau professioneller. Es gibt inzwischen einen Werkzeugwart, der für die Maschinen und Werkzeuge verantwortlich ist, und ein großes Küchenzelt, in dem zweimal täglich für alle frisch und vollwertig gekocht wird; Ruhezonen und Waschmöglichkeiten sind vorhanden.

 

Jedes Jahr werden es mehr und größere Bühnen, die phantasievolle Dekoration des kompletten Geländes wird noch ausgefeilter. Läuft man durch die Aufbauzelte, in denen fleißig gewerkelt wird, stehen überall imposante Gebilde. Eine 57-jährige Helferin arbeitet an einem großen Meteoriten aus Styropor, der die Hauptbühne schmücken soll. Ein anderer Helfer programmiert und baut ein Raumschiff. Jedes Jahr gibt es ein anderes Motto, das inhaltlich zusammenhängt. Was mit dem Motto "Tieftreiben" unter Wasser startete, ist nun bei einem WmG-Raumschiff im All angekommen, denn das Thema 2022 lautete Nova. Die Stimmung bleibt familiär. Manche Helfer sind schon von Anfang an dabei. Egal ob 18 oder 60 Jahre alt, alle sind ein großes Team und haben als Ziel, ein grandioses 12-stündiges Festival zu gestalten. Viele Mitwirkende nehmen sich extra frei und reisen mehrere 100 Kilometer weit an.

 

Allerdings muss das Festivalteam auch mit Herausforderungen kämpfen. Da sich das Gelände am Rande einer Kleinstadt befindet, ist das für die Anwohner eine große Belastung, wenn die Besucher durch die Ortschaft strömen. Deshalb muss das Team auf eine gute Zusammenarbeit mit den Anwohnern und der Stadt Heubach bauen und alles dafür tun, dass die Belastungen so gering wie möglich gehalten werden. Um den nächstgelegenen Anwohnern einen Einblick hinter die Bauzäune zu gewähren, bekommen diese Freikarten für den Tag und eine Führung vorab durch das Gelände.

 

Die Stadt Heubach unterstützt das Festival, stolz darauf, dass in der Kleinstadt etwas geboten wird, was weit über die Kreisgrenze hinaus bekannt ist. Auch mit schlechtem Wetter muss gerechnet werden. So kam es einige Male vor, dass Besucher ein unfreiwilliges Schlammbad erlebten, die Tanzfreudigen nahmen dies jedoch mit Humor. Ebenso müssen alle Bühnen gut vor Regen gesichert sein. Alles muss ausgeleuchtet und abgesichert werden, um Unfälle zu vermeiden. Bei so vielen Besuchern ist das Sicherheitskonzept generell ein wichtiger Baustein. Die Veranstalter arbeiten mit den örtlichen Polizeibehörden eng zusammen. Obwohl das Festival von Jahr zu Jahr größer wird, verliert es seinen Charme nicht. Vielleicht liegt es auch am legendären, grellgrünen alkoholischen Getränk namens "Wasser mit Geschmack" nach einem Geheimrezept, das ausgeschenkt wird, dass die Stimmung als friedlich und fröhlich wahrgenommen wird.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.05.2023, Nr. 101, S. 30 - Clara Fauser, Rosenstein-Gymnasium, Heubach

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