Raffael Sprenger führt in St. Gallen das älteste Geigenbauatelier der Schweiz und findet Anklang
Dem in St. Gallen gelegenen Atelier sieht man seine Geschichte an, obwohl schwarz lackierte, elektronische Instrumente im Schaufenster stehen. Die Stufen der hölzernen Treppe, die zur Werkstatt und zum Ausstellungsraum führen, wie auch die Bodendielen knarren beim Betreten. Der Duft von Holz und Lack liegt in der Luft. Im Ausstellungsraum stehen große, alte Holzschränke an den hohen Wänden, ihre gläsernen Türen geben die Sicht auf säuberlich aufgereihte und aufgehängte Geigen, Bratschen und Celli frei. In der Ecke stehen Transportkästen für ein Cello, und auf den Schränken liegen diejenigen für die Violinen und Violas. Vor dem Fenster, das einen Blick auf die Gassen der Innenstadt gewährt, liegt ein rot gemusterter Teppich. Seit über hundert Jahren existiert das Geigenbauatelier Sprenger und ist damit das älteste der Schweiz.
Raffael Sprenger führt das Familiengeschäft in vierter Generation. Dass der heute 46-Jährige ebenfalls in die Fußstapfen seines Vaters treten würde, war jedoch nicht von Anfang an klar. "Ich habe mich erst kurz vor der Matura dazu entschieden, den Beruf des Geigenbauers zu erlernen." Sein Vater erwartete das nicht von ihm, unterstützte ihn in seiner Entscheidung jedoch tatkräftig. Als Lehrling der Sohn des Chefs zu sein war aber nicht immer leicht. "Er hatte natürlich auch gewisse Forderungen und Erwartungen an mich." Sprenger streicht sich verlegen über die dunkelbraunen Haare.
Das Fundament für das Werk eines jeden Geigenbauers ist der Neubau eines Instrumentes. Sprenger besuchte die weltberühmte Geigenbauschule in Cremona, der traditionsreichsten "Geigenstadt" der Welt. "Noch heute ist der Geist Stradivaris, Guarneris und Amatis zu spüren." Mit dieser Ausbildung legte Raffael Sprenger den Grundstein. Es folgten Lehr- und Wanderjahre in renommierten Ateliers in London und Deutschland. Seit 2005 arbeitet er im Stammhaus in St. Gallen und übernahm 2012 die Führung. "Es freut mich natürlich, diese Tradition weiterführen zu dürfen", sagt er.
Das Atelier ist täglich geöffnet, und viele Kunden besuchen es spontan, weshalb Sprenger viel Zeit im Laden verbringt. Er berät Neukunden bei der Auswahl oder professionelle Musiker beim Kauf eines Instrumentes, eine Arbeit, die ihm große Freude bereitet. "Ich habe einen sehr schönen Beruf", sagt er lächelnd. Die Arbeit am Schreibtisch gehört dazu. Er muss E-Mails beantworten, Telefonate führen und Rechnungen bezahlen. Viel Zeit verbringt er in der Werkstatt, wenn er an Aufträgen von Kunden arbeitet. Über seiner dunklen Jeans trägt er eine braune Schürze mit dem Schriftzug des Ateliers.
Der Geigenbauer hat sich auf Reparaturen und Restaurationen spezialisiert, was bedeutet, dass das Atelier keine Instrumente mehr selbst baut, sondern diese von verschiedenen Händlern und Ateliers in ganz Europa kauft. "Das ist natürlich auch für unsere Kunden von großem Vorteil." Ihnen steht eine breite Auswahl an Instrumenten verschiedener Geigenbauer-Epochen und Preisklassen zur Verfügung. Für die Mitarbeiter wird die Arbeit so vielfältiger. "Wir haben so auch immer wieder andere Bauarten und -methoden, über die wir etwas lernen dürfen." In der Werkstatt stehen mehrere Werkbänke, auf denen Instrumente in ihre Einzelteile zerlegt wurden. An der Wand hängen Instrumente, die repariert oder restauriert werden müssen sowie eine Vielzahl an Werkzeugen. Im Sonnenstrahl, der durch das kleine Fenster fällt, sieht man kleinste Sägespäne im Raum fliegen. "Die Arbeit an den Instrumenten ist ein Wechselspiel zwischen Kraftaufwand und Fingerspitzengefühl." Dies wird deutlich, als Sprenger eine Violine, deren Saiten bereits entfernt sind, mit einer Art Messer der Seite entlang öffnet und die Rückseite des Korpus entfernt, dabei knackt das Instrument laut. Das dunkel lackierte Holz hat zahlreiche Risse, die repariert werden müssen. Dazu werden kleine "Holzstollen" verwendet, um das Holz zu stabilisieren.
"Wir sind aber auf keinen Fall Musiker", erklärt er. Als Instrumentenbauer betrachtet er die Instrumente aus einer technischen Sicht und spielt sie lediglich, um Fehlgeräusche und Fehlklänge zu erkennen. Ein schöner Klang ist etwas Subjektives, das jeder anders empfindet. Während manche raue und heisere Instrumente als wohlklingend empfinden, präferieren andere metallisch brillante oder klangvolle und weiche Töne. Seiner Meinung nach ist es wichtig, dass man seinen persönlichen Geschmack nicht einfließen lässt, "denn jeder Mensch hat sein eigenes Klangideal".