Ein Tänzer hält die Balance

Kilyan im Spagat zwischen Schule und Hobby


Wenn du dich zwischen Schule und Tanzen entscheiden müsstest, was würdest du wählen?" Die Frage hängt eine Weile in der Luft, während er überlegt. Ein trauriges Lächeln umspielt seine Lippen. Automatisch wandert seine Hand auf dem blauen Hemd zu seinem Herzen. "Ich muss mich für die Schule entscheiden, aber mein Herz schlägt für das Tanzen", antwortet Kilyan Cassan. Im hektischen Alltag eines Gymnasiasten ist es eine Herausforderung, Schule und außerschulische Aktivitäten unter einen Hut zu bringen.

Kilyan ist ein 16-jähriger Tänzer und steht vor dieser Herausforderung. Fast jeden Tag begibt er sich in das Tanzstudio in Wetzikon. Die Luft ist schwül, und die Spiegel an den Wänden erschaffen eine endlose Illusion von Raum und Bewegung. Wenn sich Kilyan stundenlang im Rhythmus der Musik bewegt, erwacht das Studio zum Leben. Die Luft scheint zu vibrieren, wenn der Tänzer seine Schritte setzt, und seine Bewegungen sind so fließend wie das Wasser. Im Unterricht drehen sich seine Gedanken nur um das Tanzen, aber während der Tanzstunden kreisen seine Gedanken um schulische Pflichten. Viele kämpfen mit dem Problem, dass sie wegen Hausaufgaben oder Prüfungen keine Zeit für ihre anderen Interessen haben. Studien berichten darüber, wie wichtig ein Hobby für den Ausgleich zum Alltag ist. Es hilft nicht nur, seelisches Gleichgewicht zu finden, sondern trägt auch zur Förderung der körperlichen Gesundheit bei.

Viele Schüler haben ihrem Hobby einen bedeutenden Platz in ihrem Leben eingeräumt. "Wenn ich das nicht hätte, wäre ich nicht glücklich", sagt Kilyan. Vor etwa einem Jahr wurde ihm bewusst, welche zentrale Rolle das Tanzen in seinem Leben spielt und welche starke Verbindung er verspürt. "Ich tanze eigentlich schon, seit ich sieben Jahre alt bin, aber für mich persönlich habe ich erst vor einem Jahr angefangen." Er hat den Entschluss gefasst, das Tanzen ernsthafter zu betreiben und seine Fähigkeiten in möglichst vielen Bereichen zu erweitern. Dabei möchte er neben urbanen Tanzstilen wie zum Beispiel Popping, Hip-Hop oder House weitere Tanzstile wie Breakdance ausprobieren. Dazu gehört ein intensiveres Trainingsengagement. "Wenn ich nach der Schule nach Hause komme, bin ich k. o. von der Schule. Ich schlafe ein bisschen und muss dann wieder ins Tanzstudio. Und wenn ich nach dem Tanzen nach Hause komme, bin ich k. o. vom Tanzen." Seine Stimme klingt müde, doch zudem ist ein Funken Begeisterung zu hören. "Am liebsten tanze ich allein, aber auch Battles machen mir Spaß." Die Verbundenheit mit seinen Tanzkollegen und -kolleginnen liegt Kilyan am Herzen. Ab und zu misst er sich gerne mit seinen Mitstreitern in einem Battle. Die Menschen im Studio sind für ihn wie eine Familie. Er fühlt sich besonders wohl und frei, wenn er mit den anderen Choreographien einstudiert. Vor Kurzem hat Kilyan an den Schweizer Meisterschaften teilgenommen und gute Leistungen erbracht. Als Duo belegte er den 13. Platz, und seine Crew konnte sich sogar den 5. Platz ergattern. Manchmal wird er von Firmen wie zum Beispiel der SBB gebucht, um für sie zu tanzen. Dabei macht er gleichzeitig Werbung für die Firma und tanzt als Repräsentant für seine Tanzschule Lordz. Während des Tanzens kann man förmlich sehen, wie die Musik durch seinen schlanken Körper fließt. Seine dunklen Locken umrahmen sein Gesicht, und mit geschlossenen Augen lässt er sich leiten.

Trotz der Erschöpfung, die er ab und zu spürt, hat er dennoch den Willen, sowohl in der Schule als auch beim Tanzen weiterhin sein Bestes zu geben. Oft gibt es Tage, an denen ihm die Motivation für das Training fehlt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Gymnasiasten hin und wieder mit der Motivation zu kämpfen haben. Ruhig und mit einem zufriedenen Lächeln sagt Kilyan: "Es ist etwas, das mir Spaß macht, etwas, das man jeden Tag macht, etwas, das du liebst. Dann kann es dir nur Spaß machen." Wenn ihm die Motivation fehlt, erinnert er sich immer daran, dass er sich bewusst für diesen Weg entschieden hat.

Dabei können der Druck und Stress überwältigend sein. Deshalb ist es wichtig, sich Unterstützung zu holen und seine eigenen Grenzen zu kennen. Von der Schule erhält der Tänzer Teildispensen vom Sport, wofür er wirklich dankbar ist. Seine größten Unterstützer sind aber seine Eltern, emotional, und sie helfen ihm auch finanziell. "Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich ihnen meine Wertschätzung nicht genügend zeige, dass ich Tanzen und Schule gleichzeitig machen kann", sagt er mit einem etwas verlorenen Blick.

In seiner Zukunft möchte Kilyan eine künstlerische Karriere verfolgen, ist sich jedoch noch unsicher. Als Tänzer verdient man oft nicht genug, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Meistens muss man zusätzliche Workshops oder Tanzkurse anbieten, um finanziell zurechtzukommen. Angesichts des Drucks ist es umso wichtiger, sich selbst ausreichend Zeit für die Regeneration zu nehmen. Ansonsten fällt man in ein dunkles Loch. Durch Unterstützung von einem Psychologen hat Kilyan gelernt, mit der Doppelbelastung umzugehen und sich Zeit für sich selbst einzuplanen und zum Beispiel Klavier zu spielen. Ab und zu nimmt er sich die Zeit, seine ihn beschwerenden Gedanken in einem Buch festzuhalten und sich damit zu entlasten. "Ja, es ist anstrengend, weil es so viel auf einmal ist, aber auch nein, weil es einfach mein Leben ist", sagt er mit einem Schulterzucken, die Finger ineinander verschlungen. Das Ziel von Kilyan ist es, von elf Trainingsstunden pro Woche auf fix 14 Stunden in der Woche gehen zu können. Er tanzt nicht nur im Studio, sondern auch allein zu Hause. Es gibt Phasen, in denen er in der Schule gut mithält und gut abschneidet, aber manchmal kommt er nicht mehr hinterher und schreibt schlechtere Noten.Trotzdem lässt er sich nicht entmutigen, um seinen Traum zu verfolgen. "Ich versuche im Unterricht wirklich aufzupassen, um den Stoff umgehend zu verstehen. Ich versuche auch möglichst viel schon in der Schule zu erledigen, damit ich zu Hause nur noch repetieren muss." Mit dieser effektiven Herangehensweise findet er eine gute Balance.

 

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.11.2023, Nr. 276, S. 26 - Farin Haque Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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