Die Förderung von Kunst ist alles andere als einfach: das Kunstmuseum Liechtenstein.
Ein großer, grauer Klotz, der im Kontrast zu dem "liechten", also dem hellen Stein auf dem Platz vor dem Parlament des Fürstentums Liechtenstein steht. Die glatte Oberfläche des dunklen Gebäudes sticht zwischen der felsigen Berglandschaft hervor, die sich am Rande der Fußgängerzone steil emporstreckt. Sobald man die versteckten, jedoch breiten Eingangstüren gefunden hat, kommt dem Besucher jener Hauch von Hafermilchatmosphäre entgegen, die sonst beim Szene-Barista in Berlin Mitte gedeiht. Das Museumscafé bietet eine Vielzahl an veganen Speisen an und verzichtet auf die traditionelle Kuhmilch. Unter der hohen Decke wirken schick gekleidete Besucher, klirrendes Geschirr und ein volles Repertoire an kunstorientierten Katalogen zusammen.
An diesem Ort, dem Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz, finden sich seit der Neueröffnung im Jahr 2000 regelmäßig eine Menge liechtensteinischer, aber auch internationaler Besucher wieder, um die hochkarätige Kunstsammlung des Kleinstaates zu bewundern. Hier wird ausschließlich zeitgenössische, moderne Kunst ausgestellt.
Letizia Ragaglia, die durch ihre individuelle Frisur und den starken weißen Eyeliner eine kunstaffine Aura ausstrahlt, ist seit gut zwei Jahren die Direktorin des Museums. Die 54-Jährige hat sich zwei Ziele vorgenommen: "eine einfachere Zugänglichkeit" für Interessierte sowie "ein Näherbringen der Liechtensteiner an die eigene Sammlung". Grund ist die teilweise fehlende Wahrnehmung der Kunst im eigenen Land. Dafür führte Ragaglia den freien Mittwoch ein, um mehr Besucher zu gewinnen. "So ein Museum kann ein Geschenk und eine Gelegenheit sein, aber auch ein Ort der Inspiration", berichtet die langjährige Kuratorin. Zuvor war sie am Museion in Bozen und als Jurymitglied der 54. Biennale in Venedig tätig. Während der zwei Jahre in Vaduz hat sie den Eindruck gewonnen, dass Events und Workshops für Liechtensteiner attraktiver sind als die regulären Ausstellungen. "Die Liechtensteiner reisen viel. Ich glaube, dass sich ihre Kunstaffinität überwiegend im Ausland ausprägt." Die Südtirolerin sieht generell den Austausch mit anderen Ländern und Kulturen als wertvollen Beitrag für die Vielfalt der Kunst. Dabei strebt sie eine "Loslösung vom alleinigen Blick auf männliche, weiße Künstler" an. Um diesem Stereotyp entgegenzuwirken, liegt ihr Fokus auf individuelleren Persönlichkeiten und neuen Gesichtern, die sich von der Masse abheben, wobei auch hier die Qualität im Vordergrund stehe. Ein Beispiel dafür bildet die Künstlerin Martina Morger, die mit ihren "neuen abstrakten Ideen" in der Ausstellung "Artist's choice: Are we dead yet?" nicht nur die Direktorin des Museums überzeugt. Bei dieser neuen Reihe geht es um die Frage, wie Künstler auf die Werke anderer und auf eine bestehende Sammlung schauen. Das Kunstmuseum Liechtenstein lädt hierbei Künstler ein, eine Sammlungsausstellung zu kuratieren. Martina Morger war die Erste und widmete sich mit ihrer Zusammenstellung dem Tabuthema Tod. Dass die 33-Jährige selbst aus Liechtenstein kommt, ist nach Ragaglia rein zufällig.
"Für uns liegt die Suche nach neuen und originellen Ideen im Vordergrund", sagt Leon Boch. Der leger gekleidete Art Director leitet seit geraumer Zeit die kleine und beschauliche Galerie am Lindenplatz in Vaduz. Zusätzlich ist er als Kulturmanager bei diversen Projekten aktiv. Seine Begeisterung ist ansteckend. Der gebürtige Österreicher, der mit seinem Beruf der Familientradition nachgeht und in dritter Generation die Galerie übernommen hat, bietet internationalen, aber auch lokalen Künstlern eine Plattform. Einer dieser Künstler ist der 97-jährige Liechtensteiner Georg Malin, dessen skulpturale Werke auch über das kleine Land hinaus Reichweite erlangen. Darunter fallen abstrakte Skulpturen, Büsten, aber auch Malerei. Viele Jahre haben die beiden zusammengearbeitet. Der Galerist kennt den Zwiespalt zwischen Tradition und Moderne. "Liechtenstein ist eine zähe Masse, die erstmal in Bewegung gebracht werden muss, aber dann rollt's." In dem kleinen Land gibt es einige Zusammenschlüsse von Kunstschaffenden, wie der Kunstverein Schichtwechsel. Seines Erachtens stehen Teilnehmende jedoch hin und wieder in Konkurrenz zueinander. Eine Zusammenarbeit und gegenseitige Förderung könnten stattdessen qualitative Fortschritte bringen. Seiner Galerie liegt demnach ein freundschaftliches Verhältnis zu den Künstlern am Herzen.
"Ein Gehen mit der Zeit ist für die Kunst ein essenzieller Bestandteil", meint Leon Boch und erklärt, dass sich dadurch digitale Arbeiten immer mehr etablieren. Seiner Meinung nach sollte die Gemeinde Vaduz deshalb mehr in zukunftsorientierte, moderne Projekte wie sogenannte Off-Spaces investieren, die als unabhängige Ausstellungsräume für junge, neue Kunst dienen. Hierin unterscheiden sich der Art Director und die Museumsdirektorin Letizia Ragaglia. Konträr zu Bochs Aussage äußert Ragaglia, zu viel Geld und Künstlerförderung schade der Kunst und schränke die Kreativität ein. Sie stellt fest: "Weniger ist manchmal mehr." Es bleibt abzuwarten, in welche der beiden Richtungen sich die Kunstförderung Liechtensteins durch Workshops und interaktive Angebote entwickeln wird.