Es gibt eine Europameisterschaft der Winzer
Ein antikes Sprichwort lautet: "Im Wein liegt Wahrheit." Und ein deutscher Fußballtrainer hat mal gesagt: "Die Wahrheit liegt auf dem Platz." "Wenn das so ist, dann gibt es bei uns immer nur die Wahrheit", lacht Marko Toplak. Der 43-Jährige muss es wissen, denn er ist in einer Person Winzer sowie Mitgründer und Sportdirektor der slowenischen Nationalmannschaft der Weinbauern. "Deutsche Winzer hatten das Projekt 2005 schon gestartet. Später kamen Ungarn hinzu, und wir haben beschlossen, auch eine Nationalmannschaft der Winzer in Slowenien zu gründen, damit noch mehr europäische Winzer über den Fußball Kontakte knüpfen, Erfahrungen austauschen und Geschäfte machen können." 2008 fand bei einer Wein-Messe in Gornja Radgona das erste Spiel der slowenischen Winzer gegen die Nationalmannschaft der slowenischen Musiker statt. "Unser erstes internationales Spiel machten wir dann 2009 gegen die deutsche Weinelf. Wir haben 2:0 gewonnen", sagt Toplak stolz.
Der kräftige Mann mit kurzem schwarzem Haar spricht fließend Deutsch. Er stammt aus einer Winzerfamilie und ist gerade Vater einer Tochter geworden. "Für mich selbst gab es gar keine Alternative, als selbst Weinbauer zu werden, und natürlich wünsche ich mir als Vater, dass meine Eva die Familientradition fortsetzen wird." Der Familienbetrieb oberhalb des Dorfes Jursinci, elf Kilometer nördlich von Ptuj, liegt im Slovenske gorice, dem slowenischen Hügelland. Auf 16 Hektar Rebfläche produziert die Familie Toplak mit zwei festen Mitarbeitern und bis zu 30 Saisonkräften bis zu 110.000 Liter Wein pro Jahr. 80 Prozent davon gehen ins Ausland, in elf Länder. Der Hof, im traditionellen slowenischen Stil erbaut, bietet Unterkunft für 24 und Verpflegung für bis zu 80 Gäste. Außerdem produziert die Familie in ihrer Rebenschule pro Jahr bis zu eine Million Setzlinge, von denen 80 Prozent ins Ausland verkauft werden. "Heute produzieren wir zusätzlich noch Mais und Weizen und züchten Hühner. Aber bis vor einigen Jahren waren wir noch ein klassischer Mischbetrieb und hatten auch 80 Stiere und 300 Schweine." Toplak berichtet: "Ich habe zwischen 2008 und 2019 selbst aktiv Fußball gespielt und war hier in der Region erfolgreich. Aber 2019 hat mich einer unserer Bullen attackiert, zu Boden geworfen und fast mit seinen Hörnern aufgespießt. Die gingen knapp an meinem Rücken vorbei in den Boden. Dabei habe ich eine Wirbelsäulenverletzung erlitten. Meine Karriere als Fußballer war vorbei. Wir haben umgehend die Zucht von Bullen und Schweinen eingestellt."
Seither konzentriert er sich auf den Weinbau. Die Arbeit macht ihm große Freude, "aber es nervt, ständig mit Papieren zu tun zu haben. Heute verbringt ein Landwirt die Hälfte seiner Zeit im Büro, statt dort, wo er eigentlich sein sollte. Für die Bauernhöfe gibt es eindeutig zu viel Bürokratie", sagt er. Umso mehr freut sich der Winzer über die Arbeit mit Menschen. Touristen aus aller Welt kommen auf den Hof, aus Kanada, Amerika, Argentinien. Die meisten aber aus Europa, auch aus Deutschland. "Zuletzt hatten wir hier eine Gruppe von 32 Personen, die aus ganz Europa angereist kamen, um den 50. Geburtstag eines deutschen Freundes zu feiern." Immer mehr suchten einen grünen Tourismus, in ruhiger, natürlicher Umgebung und mit lokalen Speisen und Getränken, "die hausgemachten Rezepte meiner Mutter für Käsekuchen und Gulasch mit Gerste sind besonders beliebt". Auch das Fußballteam der Winzer ist für ihn längst ein Herzensprojekt. "Denn es geht um Fußball, Wein und Bildung, aber auch um Kontakte, um unsere Produkte international verbessern und vermarkten zu können." Das war anfangs sogar in Slowenien ein Problem. Vor 20 Jahren vertrugen sich die Weinproduzenten aus der Region Stajerska und die von den Anbaugebieten an der Küste nicht. "Als wir 2000 zur ersten inoffiziellen Weltmeisterschaft fuhren, da saßen wir vorne im Bus und die von der Küste hinten. Und niemand hat miteinander geredet. Das ist durch den Fußball jetzt anders geworden. Wir sind mittlerweile nicht nur Kollegen, sondern gute Freunde und ein richtig gutes Team. Das kann man auch daran sehen, dass Slowenien von bisher sechs Europameisterschaften vier Turniere gewonnen hat", berichtet Toplak stolz.
Für diese internationalen Meisterschaften kommt das Team alle zwei Jahre zusammen; dazwischen trifft man sich unregelmäßig zu vier bis fünf Spielen im Jahr. Für die Teilnahme an den Europameisterschaften gibt es ein Trainingslager von drei, vier Tagen. Gespielt wird dann nach den geltenden Fußballregeln. Der einzige Unterschied ist, dass es fliegende Wechsel der Spieler geben darf. Mittlerweile werden diese Europameisterschaften unter der Schirmherrschaft der UEFA von der UENFW durchgeführt, der "Union of European National Football Teams of Winemakers e.V.", die 2018 in Slowenien gegründet wurde. Acht Länder sind als offizielle Teilnehmer registriert: Deutschland, Italien, Österreich, Portugal, die Schweiz, die Tschechische Republik, der aktuelle Europameister von 2022, Ungarn und Slowenien. Die Regeln sehen dabei vor, dass 70 Prozent der Spieler eines Teams Winzer mit einer eigenen Weinmarke sein müssen; die weiteren Teilnehmer müssen in der Weinproduktion oder damit verbundenen Betrieben beschäftigt sein. Dazu gehören auch Sommeliers oder Kellner. "Weil das Projekt immer bekannter und attraktiver wird, spielen auch immer mehr junge Weinfußballer in unserem Team mit. Und es gibt auch prominente Sportler darunter. Die Spanier hoffen zum Beispiel, dass der ehemalige Europa- und Weltmeister Andrés Iniesta bei ihnen mitspielen wird. Er hat etwa 120 Hektar Anbaufläche, ist einer der größten Winzer Spaniens und spielt derzeit in Japan Fußball, wahrscheinlich auch, um dort seine Weine besser vermarkten zu können", sagt Toplak mit einem Augenzwinkern. "Frauen spielen bisher leider noch nicht aktiv, aber die deutsche Weinelf bringt immer eine Weinkönigin mit, die den symbolischen Anstoß eines Spieles ausführt."
Endspiele werden in großen Stadien ausgeführt. "2016 war das zum Beispiel im Bundesliga-Stadion von Mainz, in dem wir vor etwa 10.000 Zuschauern Europameister wurden, in der 92. Minute, mit einem 3:2 gegen Deutschland. Komischerweise haben wir 2018 dann bei der EM in Murska Sobata auch das Endspiel in der Verlängerung gegen Deutschland gewonnen." Der Sportdirektor sagt: "Alles wird immer professioneller, der Anspruch an die sportliche Leistung, die Organisation und Vermarktung der Europameisterschaften wird immer größer. Die 3. Halbzeit muss natürlich auch richtig gespielt werden. Dazu muss jedes Team 250 bis 300 Flaschen Wein vorher schicken, die dann im Rahmenprogramm verkostet werden, bei Fachgesprächen, aber irgendwann auch mit Liedern und in guter Stimmung." Die nächste Europameisterschaft findet 2024 in Portugal statt.